KI gibt der Personalentwicklung einen völlig neuen Dreh

Staunen, Irritationen, Neugier und lebhafte Diskussionen unter Besuchern beim 7. Randstad Qualifizierungsforum auf Schalke: Das Thema „Künstliche Intelligenz im Unternehmseinsatz – Fluch oder Segen?” bewegt Personalverantwortliche in großem Maß.

Der Begriff ,lebenslanges Lernen’ bekommt einen ganz neuen Unterton, wenn wir uns vorstellen, dass wir Menschen beim Lernen nicht mehr allein sind: Rund 100 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und dem Bildungssektor stimmte Gastgeber Olaf Harbert auf tiefgreifende Veränderung im Bereich von Qualifikation sowie Aus- und Weiterbildung ein. Für den Managing Director Operations und Mitglied der Geschäftsführung bei Randstad Deutschland, zeigt sich schon jetzt im eigenen Haus ein Wandel bei Ressourcen und Herangehensweise. Er ist überzeugt: Dieses Thema wird uns noch intensiv beschäftigen.

Dirk Ploss
"KI kann noch nicht alles. Aber was sie kann, kann sie besser als der Mensch."
Dirk Ploss
Digital Technologies Scouting and Advisory, Beiersdorf AG

Zahlreiche Anknüpfungspunkte für eine intensive Auseinandersetzung im Spannungsfeld von Theorie und Praxis, von Gegenwart und Zukunft lieferte dabei Dirk Ploss aus dem Bereich Digital Technologies Scouting and Advisory bei der Beiersdorf AG. Mit Aussagen wie „KI kann noch nicht alles. Aber was sie kann, kann sie besser als der Mensch." stellte er manches Abwarten und Zögern in Frage, das noch bei vielen Unternehmen in Deutschland zu beobachten ist. Im Gegensatz zu anderen führenden Wirtschaftsnationen konstatierte er daher auch beim Blick auf die aktuelle Situation.

Zuverlässiger und schneller als menschliches Gehirn

Der Handlungsbedarf in den Firmen ist seiner Einschätzung nach größer, als mancher wahrhaben möchte. „Da KI extrem große Datenmengen in kürzester Zeit verarbeiten kann, arbeitet die Technologie zuverlässiger, schneller und korrekter als das menschliche Gehirn,“ macht er den Einfluss auf Arbeitsqualität und Produktivität deutlich - "und auf die Personalentwicklung, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf den Umgang mit KI vorbereiten und dann in der Anwendung betreuen muss", wie Olaf Habert ergänzt, der an verschiedenen Einsatzbereichen bei Randstad schon entsprechende Erfahrungen gesammelt hat. Was allerdings nicht bedeute, dass es eine Ablösung menschlicher Fähigkeiten durch Künstliche Intelligenz gebe. „Entscheidend beim Einsatz von KI ist die Anwendung durch den Menschen“, betont Ploss, denn KI arbeite ausschließlich regelbasiert, jedoch würden dort sowohl Bewusstsein als auch Empathie und Emotionen fehlen.

Olaf Harbert
"Da KI extrem große Datenmengen in kürzester Zeit verarbeiten kann, arbeitet die Technologie zuverlässiger, schneller und korrekter als das menschliche Gehirn."
Olaf Harbert
Geschäftsführer Business Area North, Randstad Deutschland

KI bereits jetzt präsent in Leben und Arbeit

Wie weit KI bereits in unseren Alltag – privat wie bei der Arbeit – vorgedrungen ist, verdeutlichte Ploss am Kommunikationsdienst Whatsapp und am Online-Service Google Maps. Bei beiden entstünden die Qualitäten, wegen derer wir sie bevorzugt nutzen, aus der Anwendung Künstlicher Intelligenz. Mittels „deep learning“, das die Funktionen des menschlichen Gehirns nachbildet und aus errechneten Wahrscheinlichkeiten immer häufiger belastbare Wahrheiten erzeugt, seien schon heute „erstaunliche Ergebnisse“ zu erzielen. Auf Dauer würden lernende Algorithmen auch in der Lage sein, Texte zu schreiben, Spiele zu erlernen, Muster oder Gesichter zu erkennen – oder eigenständig telefonische Vereinbarungen zu treffen. Sogar kreative Leistungen wie das Malen eines Bilds im Stil eines bestimmten Künstlers werden so zustande kommen. 

Neue Geschäftsmodelle bahnen sich an

Für Arbeitsqualität und Produktivität hat das, so Ploss, durchaus Vorzüge. Die Übernahme von Routinearbeiten durch die KI gebe den Menschen wieder mehr Raum, selbst kreativ zu sein, ihre Zeit flexibler zu nutzen, ihr Talent wieder stärker zu leben. Gleichzeitig verbessere sich, wie er mit eigenen Erfahrungen belegte, zum Beispiel die Kundenorientierung im Unternehmen, „weil uns die KI dabei hilft, Kundenbewertungen umfassend zu analysieren“. Intelligente Chatbots wie der Hebammendienst von Beiersdorf öffneten zudem die Tür zu neuen Märkten. "KI zu nutzen und darauf basierende neue Geschäftsmodelle zu entwickeln ist eine Riesenchance für Unternehmen, die niemand verschlafen solle", so Ploss.

Braucht es einen KI-Ethikrat?

Dass „regelbasiert“ nicht nur die Wirkweise von KI betrifft, sondern auch den Umgang mit ihr, wurde in der anschließenden Diskussion deutlich. Bei der Podiumsdiskussion mit dem Referenten kamen Norma Schöwe, Geschäftsführerin Deutsche Gesellschaft für Personalführung e. V., Jörg Schäfer, Leiter WBS Akademie, und Eva Quadbeck, Manager Projects & Innovation, Randstad Deutschland, schnell überein, dass die Frage nach einem Ethikrat für den Einsatz von KI akut ist. 

KI-Anwendung braucht Regeln und Prüfer

Dies hat aus ihrer Sicht nicht nur mit den Perspektiven für Beschäftigte zu tun, denen KI Teile ihrer Arbeit entziehen wird. Das betrifft zum Beispiel auch die Außenwirkung von KI, wenn Geschäftspartner oder Kunden nicht mehr wissen, ob sie es mit einem menschlichen Gegenüber zu tun haben, wenn Überwachung ausufert oder wenn KI-maßgeschneiderte Fake News von der Wahrheit nicht mehr zu unterscheiden sind. Eine Art „TÜV“, der die Anwendung von KI nach vereinbarten Regeln für den Markt freigibt und anschließend prüft, erschien den Partnern in der Gesprächsrunde vor diesem Hintergrund dringend erforderlich. Zumal sich die Technologie schon jetzt mit exponentieller Geschwindigkeit entwickelt und für jene, die heute noch stehenbleiben, bald nicht mehr einzufangen sein wird.