Im Wettbewerb mit akademischen Qualifikationen tun sich klassische Ausbildungsberufe schwer – und auch Unternehmen, die mit Fachkräftemangel kämpfen. Mit dem „dualen Studium“ bietet sich ein Weg aus dem Dilemma an.

Wenn sich der Trend zum Studium aus den vergangenen zehn Jahren ungebrochen fortsetzt, werden 2030 nur noch etwas mehr als 400.000 junge Menschen eine betriebliche Ausbildung beginnen. Das sind rund 80.000 weniger als heute, was einen Rückgang um 17 Prozent bedeutet. Dies geht aus einer 2015 durchgeführten Studie der Prognos AG im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor. Um ihren Bedarf an qualifizierten Nachwuchskräften zu stillen, ziehen daher immer mehr Unternehmen Optionen, die das vermeintliche akademische Defizit klassischer Ausbildungsberufe kompensieren.

Theorie und Praxis im Gleichklang

Wie sich zeigt, beruht das Interesse auf Gegenseitigkeit. Einer deutschlandweiten Erhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) zufolge haben Studierende den Wunsch nach mehr Praxisbezug im Studium. Dabei spielt das Motiv, theoretisches Wissen praktisch zu untermauern, eine wichtige Rolle, wenn Studierende parallel einer Arbeit nachgehen: Jeder zweite von ihnen (53 Prozent) gibt als Motiv für die eigene Erwerbstätigkeit an, „praktische Erfahrungen sammeln“ zu wollen. Knapp jeder Fünfte (19 Prozent) der Studierenden mit Studienunterbrechung geben zudem an, dass sie wegen eines Praktikums, das nicht verpflichtend war, das Studium unterbrochen haben.

Ausbildung nach Maß

Bei der Kombination von Berufsausbildung und Hochschulqualifikation genießt das „Duale Studium“ wachsende Beliebtheit. Es bedeutet, dass ein Hochschulstudium optimal mit betrieblicher Praxis kombiniert wird. Das wissen viele Firmen grundsätzlich zu schätzen. Darüber hinaus nutzen sie das Angebot, weil sie damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen, deren akademische Ausbildung „nach Maß“ zum Unternehmen passt. Durch die klar strukturierten Ablauf- und Zeitpläne ist ein Investment seitens der Unternehmen daher gut kalkulierbar. Dabei stehen in der Regel zwei Modelle zur Wahl.

  • Im Studium mit vertiefter Praxis verbringen die Studierenden das reguläre Hochschulsemester an der Hochschule und erwerben in der vorlesungsfreien Zeit und im Praxissemester Praxis- und Berufserfahrung im Unternehmen. Dort können sie das an der Hochschule erlernte Wissen zeitnah im Betrieb einsetzen und vertiefen. Abschluss ist der Bachelor. Später besteht an mehreren Hochschulen die Möglichkeit, auch den Master dual zu erwerben.
  • Das Verbundstudium geht einen Schritt weiter: Zusätzlich zur akademischen Bachelorausbildung an der Hochschule absolvieren die Studierenden eine reguläre Berufsausbildung – wie z.B. Industriekaufmann oder Produktdesigner – mit Kammerprüfung und lernen so ihr zukünftiges Berufsfeld von der Pike auf. Innerhalb von 3,5 oder 4,5 Jahren erreichen sie so zwei Ziele: Einen anerkannten Bachelorabschluss und auf ihre akademische Ausbildung zugeschnittene und umfangreiche Praxiserfahrung oder sogar einen Berufsabschluss.

Alle Berufsbilder abgedeckt

Allen voran Hochschulen für angewandte Wissenschaften, die früheren „Fachhochschulen“, bieten derzeit in kaufmännischen, technischen und sozialen Studienfächern mehrere hundert duale Studienangebote: Ingenieurwissenschaften, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Naturwissenschaften und Informatik, Gesundheitswesen, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften, Agrar- und Forstwissenschaften. Damit lassen sich so gut wie alle Berufsbilder abdecken und auch jene mit neuen Perspektiven aufwerten, die derzeit wenig verlockend erscheinen.

  • Beispiel Pflege: Bedingt durch die veränderte Altersstruktur der Gesellschaft zeichnet sich dort bis 2030 ein eklatanter Fachkräftemangel ab. Studien beziffern diesen rund sieben Mal höher als bei Ärzten. Die Hochschule Rosenheim will dem drohenden „Pflegenotstand“ gemeinsam mit Berufsfachschulen der Region entgegenwirken und hat einen dualen Bachelorstudiengang „Pflege“ gestartet. Für die Studierenden besteht eine enge zeitliche und inhaltliche Verzahnung von theoretischem Unterricht an den Berufsfachschulen und praktischen Einsatzphasen in Kliniken, stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen sowie Lehrveranstaltungen der Hochschule. So erwerben sie nach drei Jahren den Abschluss als staatlich geprüfte/r Gesundheits- und Krankenpfleger/in oder Altenpfleger/in sowie nach zwei weiteren Studiensemestern den akademischen Abschluss Bachelor of Science in der Pflege.
  • Beispiel Logistik: Die International School of Management (ISM) aus Köln kooperiert mit Zalando, der Onlineplattform für Mode, beim gemeinsamen Aufbau von Nachwuchskräften. Zusammen bieten beide ab dem Wintersemester 2017/2018 ein duales Logistik-Studium an, das eine theoretische BWL-Ausbildung mit der praktischen Arbeit im Unternehmen verbindet. Im dualen Studiengang „B.Sc. Betriebswirtschaft Logistik Management“ werden sowohl allgemeines BWL-Wissen als auch branchenspezifische Kenntnisse etwa in den Bereichen Beschaffung und Produktion, Logistic Controlling oder Transport- und Verkehrslogistik vermittelt. Besonderheit des Studiums sind der Fremdsprachenunterricht und das integrierte Auslandssemester an einer europäischen Partnerhochschule der ISM. Im Studium selbst wechseln sich dreimonatige Praxisphasen im Unternehmen und Theorie in der Vorlesungszeit ab.
  • Beispiel Technik: Unter 9.000 Unternehmen zeichnete unlängst die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) die fischerwerke GmbH & Co. KG aus. Dieses ganzheitliche Konzept, welches den Schwarzwald international verbindet, besitzt laut der Jury „Ausstrahlungswirkung und Modellcharakter“. Systematisch und vollumfänglich werden Auslandsaufenthalte in fischer Landesgesellschaften, Theoriesemester an Partneruniversitäten sowie Sprachreisen in das duale Studium integriert und von Anfang an geplant und gefördert. Eine weitere Grenzüberschreitung: Die Auszubildenden und DH-Studenten von fischer treffen sich regelmäßig mit dem Nachwuchs aus anderen Unternehmen, jüngst mit jenen der Viega Gruppe, einem der führenden Hersteller von Installationstechnik für Sanitär und Heizung. Bei dem Treffen ging es um einen ausführlichen Erfahrungsaustausch über die unterschiedlichen Firmenkulturen, verschiedene Arbeitsweisen und interne Prozesse sowie das gegenseitige Kennenlernen. Im Rahmen des Austausches wurden drei Teams mit DH-Studenten und Auszubildenden aus beiden Unternehmen gebildet, die gemeinsam das Thema 5-S bearbeiteten. Dabei geht es um die systematische Vorgehensweise, um den eigenen Arbeitsplatz und die Arbeitsumgebung so zu gestalten, dass man sich optimal auf die wertschöpfenden Tätigkeiten konzentrieren kann und Verschwendung vermeidet. 5-S steht für Sortieren, Systematisieren, Säubern, Standardisieren und ständiges Verbessern.

Langfristige Verbindung zum Unternehmen

Als Impuls für Unternehmen, die sich dem Thema „Duales Studium“ zuwenden wollen, hat Bertram Brossard, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. dem Ausbildungsweg ein gutes Zeugnis ausgestellt: „Das duale Studium ist ein bewährtes Modell zur Fachkräftesicherung. Zum einen, weil das Angebot an dualen Studiengängen am Bedarf der Wirtschaft ausgerichtet ist. Zum anderen stärkt das duale Studium frühzeitig die Verbindung zwischen Unternehmen und Studenten. Ohne Unternehmen im Rücken kann ein Student nicht dual studieren. Durch die Kooperation mit dualen Hochschule wird der Grundstein für eine langfristige Verbindung mit dem auszubildenden Unternehmen gelegt.“