Kriterien attraktiver Ausbildung wandeln sich

Nachwuchskräfte in ausreichender Qualität und Zahl zu gewinnen, fordert ein Umdenken in den Unternehmen. Die Instrumente dafür sind schon verfügbar.

Gruppe junger Menschen in einer Bürosituation

Die „Qual der Wahl“ hat ihre Richtung gewechselt: Anders als noch vor ein paar Jahr bewerben sich heute mehrere Unternehmen um einen Auszubildenden. Gleichzeitig treten Schul- und Universitätsabgänger mit wachsenden Ansprüchen an ihren Arbeitgeber und Ausbilder heran. Das führt dazu, dass standardisierte Verfahren ihren Nutzen verlieren. Individualisierte und an den Fähigkeiten und Wünschen der Nachwuchskräfte orientierte Angebote rücken in den Vordergrund. Das gilt nicht nur beim Recruiting, sondern setzt sich während der ganzen Ausbildung fort – bis hin zum weiterführenden Karriereplan an deren Ende.

Diesen Herausforderungen sehen sich Unternehmen gegenübergestellt:

  • Die Perspektiven für Work-Life-Balance fallen schon bei Berufseinsteigern stark ins Gewicht.
  • Karriere wird nicht mehr als Ergebnis maximaler Arbeitsleistung verstanden.
  • Theoretisch definierte Berufsbilder und praktische Perspektiven für die individuelle Entwicklung müssen glaubwürdig kommuniziert werden.

Freizeit ist keine Nebensache mehr

Den wichtigsten Ansatzpunkt für Unternehmen stellt die Erkenntnis dar, dass sich die Vorstellungen von Berufsanfängern nicht mehr von jenen langjähriger Mitarbeiter unterscheiden. Alles, was im Zuge von Work-Life-Balance und Employer Branding in den Mittelpunkt der Personalarbeit gerückt ist, zählt auch schon beim Nachwuchs. Jugendliche verbringen viel Freizeit beim Sport und in sozialen Netzwerken. Familie hat für viele von ihnen einen hohen Stellenwert.

Männer akzeptieren Überstunden, Frauen suchen Erfüllung

Die Shell-Jugendstudie ist seit Langem ein verlässlicher Indikator sowohl für den Status quo als auch die Zukunftserwartungen der nachwachsenden Generationen. Laut dieser Studie betonen junge Männer die Nutzenorientierung und die Karriereorientierung stärker, während jungen Frauen Erfüllungsorientierung, die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben sowie die Planbarkeit der Berufstätigkeit wichtiger sind.

Berufsbilder allein geben keine Perspektive

Gleichzeitig ist eine andere Entwicklung zu beobachten, die ebenfalls das traditionelle Berufseinstiegs-Verfahren in Frage stellt: Viele klassische Ausbildungsberufe wie etwa der „Elektroniker für Gebäude- und Infrastruktursysteme“ leiden darunter, dass sie Jugendlichen entweder zu langweilig vorkommen oder sie in der Gestaltung ihrer beruflichen Zukunft zu stark einzuschränken scheinen – auch weil ihnen die akademische Komponente fehlt. Obwohl die zuständigen Gremien die Inhalte der Ausbildungsprofile immer wieder aktualisieren und ergänzen, entscheiden bei der Berufswahl die unmittelbare Begrifflichkeit – und die Wahrnehmung von öffentlichen Beispielen. Das war vor Jahrzehnten beim „Lokomotivführer“ nicht anders als heute beim „VJ“. Aber die Zunahme der Medienkanäle und der gleichzeitige Mangel an attraktiv präsentierbaren „Influencern“ aus dem aktiven Pool der Beschäftigten heraus verengen die Perspektiven. Darum gibt es keine TV-Show „Germany’s Next Top-Dachdecker“ oder „Deutschland sucht den Super-Spengler“.

Örtliche Nähe als Chance für Arbeitgeber

Aus der Kombination beider Phänomene erwächst allerdings gerade kleineren und mittleren, regional verankerten Unternehmen eine gute Chance, auf sich aufmerksam zu machen. Sie können sowohl die gewünschte örtliche Nähe wie auch den unmittelbaren Bekanntheitsgrad „in der Nachbarschaft“ in die Waagschale werfen und so während der Berufsorientierungs-Phase der Jugendlichen besser wahrnehmbar werden. Dabei liegen nicht nur Praktika und Ferienjobs als probate Mittel auf der Hand.

Mitarbeiter werden zu Botschaftern

Mitarbeiter, die in Organisationen oder Vereinen tätig sind oder die als familiärer Ansprechpartner wirken, sind der nächstliegende Kanal, um Berufsbilder und -chancen nach außen zu transportieren. Gerade beim Differenzieren zwischen den theoretischen Rahmenbedingungen von Ausbildungsrichtlinien und den tatsächlichen Möglichkeiten im Betrieb und für die eigene Karriere sind diese Zeugen besonders wertvoll. Obendrauf kommt noch ihre tragende Rolle im Konzept des „glaubwürdigen Vorbilds“, das für die nachwachsende Generation eine zentrale Rolle sowohl bei der Berufs- wie bei der Arbeitgeberwahl spielt. Dafür ist allerdings eine entsprechende Unterstützung durch ihren Betrieb unerlässlich – eine neue Herausforderung sowohl für die Personal- wie die Kommunikationsabteilung.