Das Vereinigte Königreich will die Europäische Union verlassen. Die daraus resultierenden Folgen betreffen auch den Arbeitsmarkt auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Wie müssen Unternehmen mit diesen Umstrukturierungen umgehen?

Wer geht, wer bleibt?

Der Brexit wurde verschoben, aber seine Auswirkung auf das europäische Arbeitskräftepotential bleibt unvermindert bestehen. Viele Arbeitgeber sind verständlicherweise besorgt, welchen Einfluss der Austritt Großbritanniens auf den Arbeitsmarkt haben wird, sowohl in der EU als auch in Großbritannien, wo die Sorge über abwandernde und verbleibende Arbeitskräfte die Strategien vieler Rekrutierer beeinflussen.

Die Zahlen der Regierung für den Markt in Großbritannien zeigen, dass bereits kurz nach dem Brexit- Referendum eine erhebliche Anzahl EU-Bürger das Vereinigte Königreich verlassen haben, mit einem sich verstärkenden Trend, je näher die Deadline rückte.

Während das U.K. in der Bevölkerung eine der größten Migrantengruppe unter den Industrienationen beherbergt - ein Zeichen für die Abhängigkeit von zugewanderten Arbeitskräften - gibt es auch eine beträchtliche Gruppe britischer Staatsbürger (im arbeitsfähigen Alter), die in der EU leben. Laut dem Office for National Statistics wohnen etwa 785.000 Briten auf dem europäischen Kontinent verteilt, 70% davon in Spanien, Frankreich und Deutschland.

Brexit: Deal mit Folgen

Noch ist keine Einigung erreicht, jedoch ist davon auszugehen, dass der Brexit-Deal einen Nachklang haben wird, der weitreichend und nachteilig für Arbeitgeber sein wird. Beispielsweise sind eine Vielzahl britischer Unternehmen mit ihren Büros auf den europäischen Kontinent umgezogen, da es eine höhere Nachfrage nach geschulten Fachkräften in Städten wie Amsterdam und Frankfurt gibt. Trotzdem besteht in Großbritannien eine Nachfrage an einer Reihe von Professionals - Pflegeberufe, Baufachkräfte, IT-Experten - ein erkennbarer Rückgang wird nicht erwartet. Im Gegenteil, die geringere Zuwanderung der EU-Staatsbürger, die in das Land kommen, wird vermutlich zu einer noch stärkeren Verknappung führen. 

Der Brexit bedeutet für Unternehmen eine signifikante Überprüfung des Arbeitsmarktes. Obwohl die Folgen aufgrund des Aufenthaltsschutzes für EU-Staatsbürger, die bereits im Königreich tätig sind, nicht sofort spürbar werden, sind die langfristigen Auswirkungen andauernd. Sobald der Austritt in ein paar Jahren vollständig vollzogen ist, fürchten viele Unternehmen nur noch einen eingeschränkten Zugriff auf Fachkräfte, insbesondere auf Fabrikarbeiter.

Die Fachkräfteabwanderung wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus.

Britischer Arbeitsmarkt: Großer Anteil von Einwanderern 

Seit Jahrzehnten hat sich der britische Markt auf einen regelmäßigen Zufluss von Arbeitskräften aus Europa verlassen, die Stellen als Mediziner, Ingenieure, Bauarbeiter, Gastronomiefachkräfte, Hauswirtschafter und andere Berufsgruppen besetzen. Tatsächlich hat Großbritannien mit 13% (8,8 Millionen) der Gesamtbevölkerung eine der größten Migrantenbevölkerung in der Welt. Nach dem Jahrtausendwechsel ist die Bevölkerungsgruppe laut offiziellen Regierungsdaten um 87% gestiegen. 

Mit 3,7 Millionen Personen bilden die Einwanderer aus der EU die größte Gruppe der Zuwanderer. Von 2000 bis 2017 hat sich die Anzahl der EU-Immigranten beinahe verdreifacht (272%). Die meisten EU-Fachkräfte kommen aus Polen (ca. 922.000 Menschen), gefolgt von Irland und Rumänien mit jeweils 390.000 Arbeitnehmern.

Allerdings verlässt sich die britische Wirtschaft nicht nur auf EU-Arbeitskräfte. Es leben ca. drei Millionen Zuwanderer aus Asien im Land, wobei Indien und Pakistan mit mehr als 1,4 Millionen den größten Anteil ausmachen. Auch ist in den letzten Jahren die Einwanderungszahl aus den afrikanischen Ländern gestiegen, besonders aus der Sub-Sahara Region. Offizielle Zahlen der britischen Regierung geben an, dass die Zahl der Immigranten, die außerhalb der EU geboren wurden, um 73% gewachsen ist.

Fachkräfte werden auch weiter benötigt

Obwohl die Gesamtzahl der Arbeitsmigranten in den Jahren stetig gewachsen ist, bleibt der Fachkräftemangel eine wachsende Sorge. Seit 2011 sind die offenen Stellen in Großbritannien um 72% gestiegen; bei gleichzeitig zunehmenden Bedarf an Fachkräften (148%).

Die Employer-Skills-Umfrage 2017 zeigt auf, dass 36% der offenen Stellen im Baugewerbe schwer zu besetzen waren, da die Bewerber notwendigen Qualifikationen, Erfahrung oder Fähigkeiten nicht vorweisen konnten. Weitere Erkenntnisse der Studie sind, dass für beinahe jede vierte Position aufgrund fehlender Qualifikationen (24%) kein Kandidat gefunden werden kann.

Branchen wie die Lebensmittelproduktion, Hauswirtschaft sowie Hotel und Gastronomie verlassen sich stark auf die Arbeitskraft von Europäern. Die Immigranten aus den Nicht-EU-Staaten werden eher in der Sicherheitsbranche, bei Festlandtransporten oder Computerprogrammierung eingesetzt.

Drohender Brexit führt schon jetzt zur Abwanderung von Fachkräften

Die diskutierten Beschränkungen für Niedriglohnarbeiter mindern die Bereitschaft vieler EU-Arbeiter, sich für eine Arbeitsstelle in Großbritannien zu entscheiden. Im September 2018 gab es den größten Rückgang (107.000) von in Großbritannien lebenden EU-Bürgern seit dem zweiten Quartal 2010. Dies betraf vor allem Bürger aus osteuropäischen Ländern (Tschechien, Estland, Ungarn, Lettland, Litauen, Polen, Slowenien und die Slowakei) mit einer Abnahme um 12 Prozent. 14 Mitgliedsstaaten haben nur eine geringe Veränderung (-1%) bemerkt, während die Anzahl der Arbeitnehmer aus Bulgarien und Rumänien um 36% gestiegen ist. 

Die “U. K. Food and Drink Federation”, die die Hersteller von Lebensmitteln und Nichtalkoholischen Getränken repräsentiert, hat 2017 eine Umfrage durchgeführt mit dem Ergebnis, dass 47% der Arbeitgeber darüber besorgt sind, dass EU-Bürger es in Betracht ziehen könnten, Großbritannien zu verlassen. Der Finanzsektor, der 2016 7,5% der Stellen mit Europäern besetzt hatte, wird auch sichtlich betroffen sein. 84% der Unternehmen verlassen sich auf die zugewanderten Arbeitskräfte, die den Fachkräftemangel im Vereinigten Königreich ausgleichen.

Arbeitgeber müssen ihre Personalstrategie anpassen

Eine der Herausforderungen für Arbeitgeber ist es, die Auswirkung des Brexits auf den Personalbestand und die Nachwuchsförderung aufgrund der Unvorhersehbarkeit der Brexitverhandlungen abzuschätzen. Mögliche Ergebnisse können eine Verschiebung des Austritts sein, eine Neuverhandlung des aktuellen Deals, ein Last-Minute Rückzug vom Austritt oder es wird keine Einigung erreicht.

Welcher Deal auch immer verhandelt wird, Arbeitgeber auf beiden Seiten des Ärmelkanals sollten ihre Personalstrategie vorbereiten, um die kurz- und langfristigen Auswirkungen des Brexit so weit wie möglich zu minimieren. Der Schlüssel ist es, bereits in Großbritannien lebende EU-Staatsbürger gegen persönliche und berufliche Schwierigkeiten abzusichern, während sie dort tätig sind. Aller Wahrscheinlichkeit nach stellt der Brexit die Arbeitgeber vor eine Nachfrage an gering- und hochqualifizierte Arbeitskräfte. Letztendlich müssen Großbritanniens Arbeitgeber ihr Personalmanagement und ihre Attraktivität als Arbeitgeber neu einschätzen, sodass sie noch wettbewerbsfähig trotz eines verschärften Arbeitsmarktes sind. Einige Betriebe des Vereinigten Königreichs haben bereits Bemühungen zur Nachwuchsförderung initiiert, um auch weiterhin auf Ressourcen zugreifen können, die ihr Business fördern. 

Im Gegenzug sollten europäische Unternehmen darüber nachdenken, wie sie Arbeitskräften bei der Rückkehr ins Heimatland oder dem Neustart in einem anderen EU-Land unterstützen können. 

Mit einer angemessenen Planung und der Abwägung allumfassender alternativer Arbeitsmöglichkeiten sowie anpassungsfähige Mitarbeiter, können sich viele Organisationen durch diese grundlegende Änderung erfolgreich navigieren.