Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie kommen in ein fremdes Land und haben eine gefahrvolle – manchmal jahrelange – Flucht hinter sich. Sie besitzen nichts außer dem, was Sie am Leib tragen, und nicht selten ihre Erinnerungen und Traumata.

Fremdes Land, fremde Sprache, fremde Kultur, Fremde und ein kleines bisschen Hoffnung.
In Stuttgart besteht seit 23 Jahren eine Einrichtung, die Flüchtlingen in derzeit drei Häusern ein Unterkommen ermöglicht. Aktuell leben dort rund 170 Menschen aus 24 Nationen: Familien, Alleinstehende, aber auch viele alleinerziehende Mütter sowie 35 Minderjährige – alle wünschen sich einen Neustart.

Die AGDW e. V. betreibt die Einrichtung im Auftrag des Sozialamtes der Stadt Stuttgart, ein Freundeskreis unterstützt die Hauptamtlichen seit dem Bestehen der Einrichtung.

Ariane Mueller-Ressing vom Freundeskreis Flüchtlinge und der Heimleiter Karl-Heinz Lubotzki mit seinen Kollegen kümmern sich mit einem Stab ehrenamtlicher Helfer um diese Menschen. “Ohne unseren Freundeskreis wäre das in der Form nicht machbar”, berichtet Lubotzki. “Wir bieten Hausaufgabenbetreuung an fünf Tagen in der Woche an. Das Kindernest für die ganz Kleinen ist ebenfalls täglich besetzt – mit zwei Betreuern und jeweils einer Mutter im Wechsel”, so der Heimleiter. “Wir haben sogar einmal in der Woche eine Yogagruppe und eine Pianistin gibt ehrenamtlich Musikunterricht.”

Was erst mal attraktiv klingt, bekommt auf den zweiten Blick jedoch wieder Risse, wenn man sich die Unterkünfte genauer anschaut. Es fehlt an so vielen, für uns ganz selbstverständlichen Dingen. Das fängt schon bei einfachsten Utensilien wie einem Kühlschrank und der Küchenausstattung in den Gemeinschaftsküchen an, Gegenstände für das Gemeinschaftsbad, usw.

Dennoch: Die Stimmung ist friedlich, trotz der Durchmischung vieler Kulturen und Glaubensrichtungen. Und auch mit den Nachbarn klappt es. “Es ist keine Liebe, aber es ist Akzeptanz”, so Lubotzki. Manchmal kommt sogar jemand spontan vorbei und fragt zum Beispiel, ob ein ausrangierter Kinderhochstuhl gebraucht wird.

Und dann ist da noch Dominik Heinisch, Geschäftsführer der Vanato GmbH, einer in Stuttgart ansässigen Internetagentur, der sich schon seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Stadt engagiert. Derzeit schenkt er jede Woche einen halben Tag für den guten Zweck. Anlaufstellen haben er und seine Mitarbeiter, die sie unter anderem mit fleißig gesammelten Spenden unterstützen. Dafür spricht er auch schon mal Unternehmen an, die bei ihm Kunde sind – so auch Kai Deegener vom Randstad Marketing. Und der ließ sich nicht zweimal bitten. Im Nu hatte er einen Spendenaufruf im Bereich Marketing und Unternehmenskommunikation gestartet und am Ende einen ganzen Raum voller nützlicher Dinge zusammen-getragen. Vom TV über ein Fahrrad, eine Spülmaschine, Mikrowelle, Kleidung, Bücher und sogar zwei Geigen war alles dabei. Kai Deegener ist stolz: “Wir haben sogar acht Laptops organisiert, die nun mit einer Lernsoftware bespielt werden und die Menschen beim Deutschlernen unterstützt – ein ganz wichtiger Punkt für deren Integraton.”

Mitte Mai machte er sich dann mit einigen Kollegen im vollgeladenen Sprinter auf den Weg zur Flüchtlingsunterkunft in Stuttgart. “So manches Bekleidungsstück oder Gerät wurde direkt aus dem Sprinter heraus von den Bewohnern ‘in Sicherheit’ gebracht”, berichtet Deegener. “Das zeigte den Bedarf am deutlichsten.” Und dass dieser Einsatz wirklich etwas wert ist, hat auch die Randstad Initiative Ehrensache erkannt und die Aktion mit 500 Euro gefördert.

Für Kai Deegener und seine Kollegen war es eine wertvolle Erfahrung, Menschen bei ihrem Weg in ein besseres Leben zu unterstützen. Und alle sind sich sicher – es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Im Bild von links nach rechts: Simone Teufel, Kai Deegener, Karl-Heinz Lubotzki, Bernd Urnauer und David Wehle