Alles andere als uniform

2. Juni 2014

Wie selbstverständlich Integration sein kann, macht der Verein „Deutscher Soldat“ sichtbar. Junge Soldaten zeigen dort der Gesellschaft Optionen für ein Miteinander, das nicht von Oberflächlichkeit geprägt ist.

Manche Eigenschaft des „Systems“ Bundeswehr erleichtert die Integration

Es gab Zeiten, da nannte man das Militär die „Schule der Nation“ – mit dem Hintergedanken, dass dort wehrhafte Patrioten, zumindest aber „echte Männer“ herangezogen würden. So sehr haben sich die Ansichten gewandelt, dass man heute den Begriff guten Gewissens ins Gegenteil wandeln könnte. Ein ungewöhnlicher Verein namens „Deutscher Soldat“ könnte die Nation etwas lehren, vor allem in Sachen Integration.

Kameradschaft überwindet Unterschiede

Dass ausgerechnet die Bundeswehr den Nährboden für die Akzeptanz von Menschen sein soll, die man vor ein paar Jahren noch ganz sorglos „Ausländer“ genannt hat, mag dem oberflächlichen Betrachter höchst merkwürdig erscheinen. Denjenigen, die beim „Bund“ gedient haben, sei es als Berufs- oder Zeitsoldat, sei es als Wehrpflichtiger, wird es gar nicht so seltsam erscheinen. Waren wir nicht, egal ob Hauptschüler und Abiturienten, auf einer Stube auf einmal „Kameraden“? Schwaben und Badener? Blonde und Dunkelhaarige? Haben wir nicht alle miteinander den Gleichschritt auf dem Weg zum Gottesdienst als befremdlich empfunden – und die „Verpflegung“ mitunter als Kulturschock?

Seit jeher sind die Armeen dieser Welt zur einen Hälfte von Waffen und Strategien geprägt, zur anderen von Menschen. Der Umgang mit und die Entwicklung von Personal haben stets ihre Leistungsfähigkeit geprägt, wobei die „Gleichmacher“ eher scheiterten und die „Integratoren“ eher vorankamen. Mit ihrem klugen Beschwerderecht zum Beispiel oder der cleveren Unterscheidung zwischen Disziplinar- und Fachvorgesetzten verfügt eine Bundeswehr über geradezu vorbildliche Organe für die Wirtschaft: Ob ein Vorstandsvorsitzender schon mal erlebt hat, wie ein Feldwebel einen Oberstleutnant ins Habacht stellt, weil der gegen eine fachliche Anweisung verstoßen hatte?

Der Schein trügt, der Name nicht

Der Verein „Deutscher Soldat“ www.deutschersoldat.de, der in seinem Namen einen „Wahrnehmungsirrtum“ erzeugt und so geschickt mit Vorurteilen spielt, ist aus einer Bundeswehr heraus entstanden, die vor gut 20 Jahren angefangen hat, sich ernsthaft mit Integration zu befassen. Galt es zunächst, die ursprünglich auf Gegnerschaft getrimmten Angehörigen der Nationalen Volksarmee ins Gefüge einzubinden, so war diese Aufgabe noch verhältnismäßig einfach. Als wesentlich anspruchsvoller erwies es sich dann schon, vor allem noch zu Zeiten der Wehrpflicht, Wege zu finden, auf denen aus „Deutschen mit Migrationshintergrund“ dann „Staatsbürger in Uniform“ wurden. Gar nicht so einfach in einer Organisation, die auf reibungsloses Funktionieren aufgebaut ist und die ein „Das pendelt sich schon irgendwie ein“ nicht toleriert.

Klare Ansagen und Gesprächsangebote sollen ein Zerrbild auflösen

„Unsere Vision ist ein Deutschland des Miteinanders, in dem gemeinsame Werte schwerer wiegen als sichtbare Unterschiede“, schreibt der Verein über sich und findet deutlichere Worte, als man sie in der Regel aus der Privatwirtschaft vernimmt. „Eine Nation, in der derjenige als Deutscher gilt, der sich als solcher fühlt und wahrgenommen werden will. Wir streben nach einer deutschen Gesellschaft, in der die Leistungsbereitschaft einen höheren Stellenwert hat als die Abstammung. Deren Mitglieder, von diesem Willen beseelt, Vielfalt als Normalität und Chance ansehen und sich unabhängig von ihrer Herkunft in Freiheit entfalten und einbringen können.“

Breite Bühne für die Botschaft

Die Mitglieder von „Deutscher Soldat“ übermitteln ihre Botschaft unaufdringlich. Sie sprechen mit Schülern, sie besuchen Unternehmen, sie treten mit Medien in Dialog. Ein bisschen klingt die militärische Bereitschaft zum Einsatz in rauem Gelände mit: „Wir gehen zu öffentlichen Veranstaltungen, auf die Straße und lassen uns auf die Diskussion mit jedem und jeder ein, der mit uns sprechen möchte.“

Auch das Ziel ist so präzise formuliert wie ein Marschbefehl – entbehrt indes jeder Aggressivität: „Unser Anliegen verdient es, auf der Bundesbühne gespielt zu werden und sowohl in den Entscheidungsgremien der Republik, als auch am Stammtisch in den Städten und Gemeinden Beachtung und Anerkennung zu finden. Wir möchten eine nachhaltige Veränderung in den Köpfen unserer Mitbürger erreichen.“

Initiative gegen verzerrte Wahrnehmung

Ntagahoraho Burihabwa, der Gründer des Vereins, hat der taz www.taz.de einmal das Zerrbild geschildert, das nicht bei den Extremen, sondern in der Mitte der Gesellschaft über die vermeintlich minderbemittelten Migranten vorhanden ist: „Das ist der Hauptgrund, warum ich mich engagiere. Dass ich nicht als Teil der Gesellschaft wahrgenommen werde, obwohl ich mich so fühle.“

Seinen Mitbürgern zu verdeutlichen, dass das Bild eines prügelnden, radebrechenden, jugendlichen „Ausländers“ nicht der Wirklichkeit entspricht, war der Gedanke, der den Hauptmann der Reserve Burihabwa 2010 antrieb. Um zu zeigen, dass Vielfalt ein großes Potenzial für die deutsche Gesellschaft bereithält, hat er mit anderen jungen Offizieren eine Initiative gegen diese verzerrte Wahrnehmung gegründet.

Angebot zum Dialog

Wie gut die Arbeit des Vereins dazu taugt, um Integrationshürden zu überwinden, wird an einer anderen Äußerlichkeit offenbar. Bei ihrem Versuch, das Thema auch an Schulen zu platzieren, stießen die Soldaten auf ein weiteres Vorurteil. Nicht die Hautfarbe, sondern die Uniform störte dieses Mal … Von ihrem Vorhaben abbringen lassen sie sich gleichwohl nicht und bieten weiterhin aktiv das Gespräch an. Zum Beispiel Unternehmen und Personalverantwortlichen, die bei ihren Integrationsplänen nach neuen Wegen suchen.

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