„Arbeitgebermarken brauchen Willen zum Sieg“

21. Juni 2016

Als Welttorhüter hat Oliver Kahn Maßstäbe gesetzt, als Autor, Fernsehkommentator und Motivationstrainer teilt er seine Erfahrungen mit Führungskräften, unter anderem als Keynote Speaker beim jüngsten Randstad Award – und hier im Interview.

  • Besondere Unternehmenskultur bietet wie die Vereinskultur bei FC Bayern den Mitarbeitern „Heimat, Motivation und Zukunft“.
  • Vorhaben brauchen eine ganzheitliche, in sich abgegrenzte Strategie; vom Antreten über Akzeptieren und Analyse bis zum Abhaken.
  • Visionen sind geprägt von Stärken und Schwächen und müssen auch Rückschläge verkraften.

randstadkorrespondent: In Ihrem Impulsvortrag ziehen Sie Parallelen zwischen der Sportwelt und der Wirtschaft. Beim Randstad Award geht es in erster Linie um Employer Branding. Was kann ein Arbeitgeber in puncto Arbeitgebermarke und Arbeitgeberattraktivität vom Sport lernen?

Oliver Kahn: Da lassen sich so einige Faktoren aus dem Fußballsport übertragen. Natürlich unterliegt die Bewertung dieser Aspekte individuellen Einschätzungen, aber grundsätzlich lässt sich sicher sagen, dass jeder Spieler an einem attraktiven, sicheren und stabilen Arbeitgeber bzw. Arbeitsumfeld interessiert ist.

Als mich im Jahr 1994 das Angebot erreichte, beim FC Bayern zu spielen, spielten natürlich auch diese Fakten eine Rolle. Ich freute mich und wusste, dass es jetzt verdammt ernst wird. Der Verein besaß eine außerordentliche Attraktivität und Anziehungskraft, die er bis heute nicht verloren hat. Der FC Bayern ist das Aushängeschild des deutschen Fußballs und genießt weltweit einen hervorragenden Ruf. Das liegt nicht zuletzt an seiner erfolgreichen Tradition mit Weltklassespielern wie Beckenbauer, Müller, Sepp Maier und vielen anderen, die international mit dem Verein für Furore gesorgt haben.

Auch der Wille zum Sieg des Vereins war und ist noch heute immer und überall zu spüren – in allen Etagen, bei allen Beteiligten. Dieser absolute Wille zum Erfolg bringt eine besondere Kultur hervor, die mir (neben der Familie) Heimat, Motivation und Zukunft bot. Ich konnte mich voll und ganz mit dem Verein und seiner Vision identifizieren. Das attraktive Gehalt wurde damit fast zur Nebensache.

randstadkorrespondent: In Ihrer „Philosophie der Nummer 1“ sprechen Sie davon, wie wichtig Niederlagen auf dem Weg zum Erfolg sind. Keiner scheitert gerne. Welcher Eigenschaften bedarf es, um mit Niederlagen umgehen zu können? Welche Tipps können Sie hier geben?

Oliver Kahn: Ich habe in meiner Karriere etliche Titel gewonnen, nur ein Sieg ist mir verwehrt geblieben: den bei einer Welt- oder Europameisterschaft. Nie war ich so nah dran wie bei der WM 2002 in Japan und Südkorea. Doch ausgerechnet im Finale unterlief mir der einzige gravierende Fehler im ganzen Turnier: Ich ließ einen Schuss nach vorn abprallen, Ronaldo erziele den ersten Treffer für Brasilien. Am Ende verloren wir mit 0:2.

Um solche Rückschläge zu verarbeiten, habe ich mir eine Strategie aus vier Phasen zurechtgelegt. Die erste heißt Antreten. So schwer es nach einer Niederlage auch fallen mag, nichts ist wichtiger als weiterzumachen, egal, ob auf dem Fußballplatz oder im Beruf. Phase zwei: Akzeptieren. Man muss sich den Tatsachen stellen und hinnehmen, was passiert ist. Nach diesem Finale habe ich mich oft gefragt, wie das Spiel wohl ausgegangen wäre, wenn ich in dieser vermaledeiten 67. Minute den Ball gehalten hätte. Konnte ich aber nicht und ich musste irgendwann einsehen, dass ich diesen Fehler nicht mehr rückgängig machen konnte.

Die dritte Phase ist die wichtigste: die Analyse. Irgendwann muss man beginnen, sich mit den Gründen zu beschäftigen: Warum ist das passiert? Was ist schiefgelaufen? Und was kann ich daraus lernen? In meinem konkreten Fall kam ich zum Ergebnis, dass ich gar nicht so viel anders hätte machen können. Wir waren gegen eine der besten Mannschaften der Welt angetreten. Da muss man einkalkulieren, dass man nicht in jeder Sekunde fehlerfrei sein kann. Fehler gehören dazu, erst recht im Sport. Wie langweilig wäre sonst der Fußball?

Und so kam ich zu Phase vier: Abhaken. Denn nur, wenn man es schafft, seinen Frieden mit dem Scheitern zu machen, kann man sich neuen Zielen widmen. Meine aktive Karriere ist nun schon seit acht Jahren vorüber. Doch diese vier As begleiten mich bis heute.

randstadkorrespondent: Sie galten in der Vergangenheit als emotionaler und eher unberechenbarer Sportler. Inzwischen sind Sie nicht nur als Fußballexperte für das ZDF tätig, sondern auch erfolgreicher Unternehmer, Redner und Stifter. Was hat Ihnen geholfen, Ihre persönliche Vision zu verwirklichen?

Oliver Kahn: Das ist ganz einfach zu beantworten: der Glaube an mich selbst. Meine aktive Zeit als Torwart hat mich Höhen und Tiefen durchleben lassen. Ich habe in der Zeit viel über das eigene Ich gelernt; kenne meine Stärken und Schwächen. Trotz allem habe ich meine Vision, der beste Torwart zu werden, nie aus den Augen verloren. Mir war auch immer klar, dass meine Zeit irgendwann vorbei ist. Und doch schiebt man diesen Gedanken von sich.

Als meine aktive Torwart-Karriere im Sommer 2008 dann beendet war, hat es ein Jahr gedauert, bis ich mir über einzelne Etappenziele auf dem Weg zu der neuen großen Vision klar war. Ein Studium zu absolvieren, sich menschlich weiter zu entwickeln waren zwei davon. Und natürlich war es naheliegend, andere Menschen von meinen Erfahrungen profitieren zu lassen – dabei denke ich vor allem an meine jetzige Rolle als Redner, aber auch als Stifter. Ich war immer stark in der Rolle des Motivators – hab mich und andere gepusht, wann und wo es nötig war. Das Wissen um die erforderliche Selbstreflexion, die Besinnung auf die eigenen Stärken, den erforderlichen Mut und die Hoffnung auf das erforderliche Quäntchen Glück zur rechten Zeit gebe ich heute gerne weiter.

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