Compliance braucht mehr Kontrolle

7. Dezember 2015

In vielen Unternehmen rückt derzeit „Compliance“ in den Vordergrund. Angestoßen von diversen einschlägigen Ereignissen dieses Wirtschaftsjahres nehmen Führungskräfte die Brisanz des Themas neu wahr – vor allem was seine Verankerung bei den Mitarbeitern angeht.

Vorgelebte Ethik ist ein „mühsames Geschäft“ für das Management

  • Compliance und ihre Wertschätzung sind in den Führungsetagen angekommen, aber noch lange nicht bei allen Mitarbeitern.
  • Als Ursache geben viele Firmen mangelnde Ressourcen an.
  • Vorhandenes Regelwerk wird häufig noch zu großzügig interpretiert und gelebt.
  • Für das Integrity- und Compliance-Management braucht es geschulte und dialogfähige Mitarbeiter.

Wirtschaftsethik hat Konjunktur, aber keine Wirkung, könnte man angesichts der Nachrichtenlage zugespitzt formulieren. Eine Ursache dafür sieht Dr. Bernd Noll, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim in der Sündenbock-Problematik. Betroffene Unternehmen schieben nach seiner Beobachtung die Verantwortung bei unerwünschten Vorgängen gerne Einzelnen, „Übereifrigen“, in die Schuhe, um sich selbst zu entlasten. Dabei wird nicht die Kultur im Unternehmen in Frage gestellt, die solches Verhalten ermöglichte. Bernd Noll fragte daher in einem Beitrag für Medien der Hochschule: „Ist unethisches Verhalten viel eher eine Funktion der Institution, ein Resultat organisatorischer Fehlgriffe?“

Mitarbeiter für Werte sensibilisieren

Die vielfach initiierten Ethik-Programme in den Unternehmen bieten nach seiner Einschätzung keine durchgreifende Lösung. Einen Ausweg aus diesem Dilemma soll das sogenannte Integrity-Management bieten. Diese Programme sensibilisieren beispielsweise Mitarbeiter für Werte im Unternehmen, unterstützen sie bei der Übernahme von Eigenverantwortung und ermöglichen Strukturen, um moralische Konflikte anzusprechen, zu analysieren und bestenfalls zu lösen.

Nicht das Unternehmen, sondern der Einzelne steht im Mittelpunkt dieses Ansatzes. Integrity-Management kann allerdings nicht kurzfristig implementiert werden, sondern bedarf einer genauen Analyse der im Unternehmen gelebten Werte sowie eines besonderen Kulturmanagements, das von geeigneten Führungskräften gelebt und verantwortet wird. „Ethische Anliegen im Unternehmen zu verankern, ist ein mühsames Geschäft“, so das Fazit von Bernd Noll.

Handlungsbedarf in jedem fünften Unternehmen

Er bekommt Schützenhilfe aus einem Studienprojekt der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Gemeinsam mit Recommind, einem führenden Anbieter von E-Discovery-Lösungen und intelligenter Suchmaschinentechnologie, hat dieses Jahr ein Team unter Leitung von Prof. Dr.-Ing. Christine Wegerich 169 deutsche Unternehmen nach dem Status Quo ihres Compliance Management Systems (CMS) befragt. Lediglich 79 Prozent der Befragten sagten aus, dass in ihrem Unternehmen bereits entsprechende Maßnahmen umgesetzt werden. Fast jedes fünfte Unternehmen (18 Prozent) zeigt hier noch Handlungsbedarf, sich überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Bei der Frage nach den Gründen, weshalb Compliance bisher keine Rolle spielte, wurden vor allem mangelnder Bedarf und mangelnde Ressourcen angeführt.

Zum Durchsetzen und Überprüfen von Compliance braucht es befähigte Kräfte

Wo Compliance bereits im Bewusstsein verankert ist, ist der Grad der Umsetzung eines CMS entscheidend für seine Effizienz. Während 82 der Befragten den ersten Schritt, nämlich die Festlegung und Dokumentation von Compliance Standards in Form von Kodizes und anderen Richtlinien, bereits unternommen haben und immerhin noch 79 Prozent Schulungen der Mitarbeiter zu den Präventivmaßnahmen veranstalten, fehlt es häufig an den im nächsten Schritt notwendigen Kontrollen. Nur noch 69 Prozent überwachen die Einhaltung der verabschiedeten Compliance-Richtlinien durch regelmäßige Kontrollmaßnahmen und gerade mal 51 Prozent haben Prozesse festgelegt, wie mit aufgedeckten Regelverstößen umzugehen ist.

Grad der Professionalisierung schwankt

„Compliance ist für die meisten Groß- und eine steigende Zahl kleiner und mittelständischer Unternehmen ein fester Bestandteil der Agenda geworden. Der Grad der Professionalisierung von Compliance-Maßnahmen in den Unternehmen schwankt jedoch und zu oft bleibt die konsequente Umsetzung eines Compliance Management Systems (CMS) auf halber Strecke stehen“, fasst Hartwig Laute, Geschäftsführer der Recommind GmbH zusammen.

Eine ergänzende Umfrage unter 1.000 Arbeitnehmern hat gezeigt, dass lediglich 36 Prozent der Befragten von bestehenden Compliance-Regeln im Unternehmen wissen und sich auch daran halten. Jeder vierte Arbeitnehmer gab zu, dass es zwar ein Regelwerk gäbe, sich aber aufgrund mangelnder Kontrollen ein eher lockerer Umgang mit bestehenden Vorschriften eingeschlichen habe. 17 Prozent gaben an, dass es in ihrem Unternehmen keine Compliance-Richtlinien gäbe; 23 Prozent konnten sich unter dem Begriff Compliance noch nicht einmal etwas vorstellen. „Mangelnde Aufklärung der Mitarbeiter gepaart mit fehlender Kontrolle der Compliance-Befolgung lassen dennoch eine deutliche Lücke zwischen Ideal und Realität klaffen“, warnt Laute.

Rollenverständnis mit Präventions-Charakter

Ein erfolgversprechender Ansatzpunkt, um dem abzuhelfen, liegt in den Händen von HR und Personalentwicklung – indem sie ihrem Unternehmen qualifizierte Compliance-Manager verschaffen. Am besten erfolgt dies offenkundig in den eigenen Reihen. Denn schon 2011 stellte die Deutsche Gesellschaft für Personalmanagement (DGFP) in einem Grundsatzpapier zum Thema fest: „Vor dem Hintergrund eines neu zu definierenden Rollenverständnisses des Personalmanagements und der Kulturveränderung – hin zur Complied Organisation – des Unternehmens insgesamt müssen Verfahren der Prävention (dies betrifft insbesondere auch die Personalauswahl und -förderung), der Intervention und der Sanktionierung im Unternehmen implementiert werden. Aufgabe des Personalmanagements ist es hierbei, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass

  • sich durch die richtigen Anreizsysteme Compliance im Verhalten der Mitarbeiter zeigen kann;
  • durch geeignete Hinweissysteme jeder Illegalität nachgegangen werden kann und dass klare Sanktionsmechanismen bestehen;
  • durch die Auswahl und die Entwicklung der richtigen, d. h. der wertkonform handelnden Mitarbeiter die geeigneten Voraussetzungen für eine Complied Organisation geschaffen werden.“
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