Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum begleitet den Mittelstand auf dem Weg ins digitale Zeitalter

10. April 2018

​Im Gespräch:

Alexandra Horn, Leiterin des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums in​ Berlin und Carlotta Köster-Brons, Leiterin des Randstad-Hauptstadtbüro​s und CSR-Coordinator​. Das Kompetenzzentrum bietet auch Klein- und Kleinstunternehmen fachliche Expertise und unterstützt den Mittelstand bei seinem Weg hin zur digitalen Arbeitswelt. 

Fahrplan für die Digitalisierung im Mittelstand

C​arlotta ​Köster-​Brons​: Frau Horn, Sie leiten das Mittelstand 4.0- Kompetenzzentrum Berlin. Was ist die Aufgabe des Kompetenzzentrums?

Alexandra ​H​orn​: Die Aufgabe ist es, den Mittelstand bei der Digitalisierung zu unterstützen. Der Fokus liegt vor allem auf Klein- und Kleinstunternehmen mit überschaubarer finanzieller und personeller Struktur. Dass die Digitalisierung ein enorm wichtiges Thema ist, mit dem man sich befassen muss, ist vielen klar. Auf der anderen Seite weiß keiner: Wo fange ich jetzt eigentlich an? Wir vom Kompetenzzentrum zeigen in kleinen Schritten,​ welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Wir analysieren das Potenzial und machen einen gemeinsamen Fahrplan. Wir sind sozusagen der neutrale Intermediär an der Stelle, die noch fehlt.

Carlotta ​K​öster-​Brons​: Wie ist das Kompetenzzentrum aufgebaut?

Alexandra ​Horn​: Der Bundesverband mittelständischer Wirtschaft (BVMW) ist Konsortialführer des Projekts. Als größtes freiwillig organisiertes Mittelstandsnetzwerk Deutschlands stellen wir den Kontakt zu interessierten Unternehmen her. Wir haben Fachpartner wie die Technische Hochschule Brandenburg,  die Know-how Träger für das digitale Marketing sind. Das Hasso Plattner Institut aus Potsdam als Experte für Design Thinking Partner für Trainings und Workshops, sowie das Smart Data Forum,​ wo wir einen digitalen Erlebnisraum anbieten. Das Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft ist unser Partner für den Kontakt in die Start-Up-Szene, die neue Impulse einbringen und last but not least ist die Universität Potsdam mit an Bord, die uns intern und extern evaluiert.

​Digitalisierung als Wettbewerbsvorteil ​

Carlotta ​Köster-​Brons​: Lassen Sie uns konkret werden - wie kann ein Ergebnis für ein Unternehmen aussehen?

Alexandra ​Horn​: Ein tolles Beispiel ist die Erfolgsgeschichte einer normalen Zahnarztpraxis in Berlin. Der Eigentümer der Praxis hat sich schon vor 10 Jahren das Thema Digitalisierung zu Eigen gemacht und erkannt, dass hier für seine Praxis ein großes Wachstumspotenzial liegt. Der Zahnarzt hat inzwischen seine ganze Praxis komplett digitalisiert: die Termine, die Erfassung der Daten, die Planung seiner Räume, seiner Geräte und sogar der Füllungen.

​S​eine Praxis ist extrem gewachsen, er hat sehr zufriedene Mitarbeiter und seine Praxis ist deutlich flexibler, da das Wissen um die Abläufe für alle Mitarbeiter zugänglich ist und nicht nur an einer Person hängt. Sein Motto ist: Es gibt 3.500 Zahnärzte in Berlin und keiner hat auf uns gewartet, also müssen wir besser als die anderen sein.

Die Kür: ein individuelles digitales Geschäftsmodell

Carlotta ​Köster-​Brons​: Das Beispiel zeigt, es geht vor allem um Prozessoptimierung. Wenn Sie ein erstes Fazit ziehen, in welchen Bereichen kann man mit der Digitalisierung am schnellsten Erfolge erzielen und wo gibt es die meisten Schwierigkeiten?

Alexandra ​Horn​: Es ist richtig, wir steigen über die Prozessoptimierung ein. Jeder Unternehmer will effizienter sein. Die Personalplanung spielt dabei ein ganz großes Thema. Die Kür ist jedoch das digitale Geschäftsmodell. Ein tolles Beispiel ist die NOZ (Neue Osnabrücker Zeitung) Mediengruppe, die über ein digitales Geschäftsmodell entstanden ist. Die Ausgangsfrage war: Wie stellen wir uns digital für die Zukunft auf und was ist unser Geschäftsmodell?​ Die Antwort war: Wir schreiben Artikel. Und für wen schreiben wir Artikel und brauchen unsere Kunden​ noch etwas anderes, was sie momentan noch nicht von uns bekommen​? Die NOZ hat ganz einfache Fragen gestellt und das Ergebnis war: Wir sitzen in Norddeutschland. Was machen die Leute in Norddeutschland? Sie reiten gerne und wo kaufen sie Equipment? Aus diesem ersten Anfangsgedanken ist inzwischen eine sehr erfolgreiche digitale regionale Anzeigenplattform entstanden. Das Wissen, das die NOZ von ihren Lesern und Kunden hat, ist ein anderes, als es  riesige, schon etablierte Anbieter haben. Es hat aber ein großes Potenzial. 

Digitalisierung und Emotionalität als Einheit 

Carlotta ​Köster-​Brons​: Heißt das, dass wir bei dem Thema Digitalisierung Emotionalität, Identität, vielleicht auch Heimat und kulturelle Identität nicht vergessen dürfen?

Alexandra ​Horn​: Ja, das ist ganz wichtig. Die Themen  Emotionalität und Digitalisierung gehören zusammen. Die Menschen, die nicht in großen Städten leben,​ kaufen ihre Waren lieber bei einem lokalen Anbieter. Da sind wir wieder beim Thema Reiten. Den Reitsattel wollen die Menschen bei einem lokalen Anbieter kaufen. Vieles im digitalen Markt geht in Richtung Country. Wir glauben, dass es da viele Möglichkeiten gibt. Smart City, Drive Now - das sind alles gute Projekte für eine Stadt, unsere Erfahrungen beim BVMW mit über 300 Geschäftsstellen zeigen aber, dass man auch über Smart Country Konzepte viel machen kann. Es wäre zu einfach gedacht, wenn wir denken, wir holen das Silicon Valley nach Berlin bzw. Deutschland. Die Parameter bei uns in Deutschland sind ganz andere. Was inspirierend sein kann, ist der Pioniergeist. Der ist bei uns in Deutschland nicht so ausgeprägt.

Forderung an die Politik: Breitbandausbau schnell umsetzen​

Carlotta ​Köster-​Brons​: Was sind in der nächsten Zeit die größten Herausforderungen des Kompetenzzentrums und was ist ein Wunsch an die neue Bundesregierung, was muss angegangen werden?

Alexandra ​Horn​: Ich glaube, die Themen sind bekannt. Die Digitalisierung fußt auf einem Dach mit mindestens zwei Säulen - dem Breitbandausbau und der Sicherheit. Solange ich weiß, dass das Handy der Kanzlerin gehackt werden kann, kann ich keinem Mittelständler erzählen, dass alles sicher ist. 100% Sicherheit gibt es nicht. Das andere ist der Breitbandausbau. Es muss einen Marshallplan für den Breitbandausbau in Deutschland geben. Es gibt tolle Ideen, aber wir haben die Grundvoraussetzung nicht. Das ist so, als ob wir Autos, aber keine Autobahnen hätten. Andere Länder sind uns,​ was den Ausbau angeht,​ weit voraus. Es gibt gerade im Baltikum Länder mit einem sensationellen Breitbandausbau. Wir verlegen noch Kupfer. Schon im Physikunterricht vor zwanzig Jahren hat mein damaliger Lehrer gesagt „Glasfaser ist die Zukunft“. Hier endlich durchzustarten,​ ist Aufgabe der Politik.

Alexandra Horn

Leiterin des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums in​ Berlin.

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