„Der Wandel ist der Normalzustand“

27. März 2011

Interview mit Dieter Boch vom Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung GmbH, iafob deutschland

Dem demographischen Wandel zu begegnen – diese Aufgabe fordert sogar von größeren Unternehmen einen intensiven Einsatz. Sind kleinere und mittlere Betriebe mit ihren gegenwärtigen Ressourcen vom Thema nicht noch mehr überfordert als mit dem klassischen „Change Management“?

Dieter Boch: Der demographische Wandel ist eine Tatsache, die sich bis 2030 nicht mehr ändern lässt, also ihm gerecht zu werden ist eine Überlebensfrage.
Alternsgerechte Arbeitsgestaltung, bessere Möglichkeit des Übergangs in den Ruhestand, Absentismus = aus gutem Grund fehlen dürfen sind u.a. Möglichkeiten, die auch KMU nutzen können. Attraktive Arbeitsbedingungen und -umgebungen zu schaffen, dass qualifizierte Nachwuchskräfte kommen, ist für KMU leichter als für Großorganisationen, man muss es nur wollen und investieren. Die Einstellung zur Arbeit muss sich ändern; nicht Arbeitgeber und Arbeitnehmer sondern die Arbeit und der Sinn der Arbeit stehen im Mittelpunkt.

Die Angst, sich dem Thema Veränderung zu stellen, und die Hoffnung, der Status quo möge noch lange vorhalten: DER Grund, warum Verantwortliche dem Thema ausweichen?

Dieter Boch: Ja, Menschen wollen den Status quo beibehalten, aber Wandel ist der Normalzustand der Welt. Dennoch findet eine konkrete Auseinandersetzung mit der Zukunft im Allgemeinen eher selten statt; nur in kritischen Situationen beschäftigt sich der Mensch mit der Zukunft, die ihm Veränderungen bringt, und will dabei meist die gegenwärtigen, gewohnten Bedingungen beibehalten. Informationen über die veränderte Zukunft werden nur gefiltert oder gar nicht aufgenommen. Hier wirken Ängste, Verdrängung und Abwehrhaltung gleichermaßen. Das behindert den Menschen, diese Informationen auf seine persönliche Situation zu übersetzen.

Wenn Sie an einen systematischen Ansatz denken: Worauf müsste der aufsetzen, welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein?

Dieter Boch: Der einseitig an den Interessen des 'Shareholders' orientierte Ansatz der Unternehmensführung wird den Anforderungen an die Wertschöpfung in einer vernetzten und hochkomplexen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umwelt nicht gerecht. Ein betriebliches Personalmanagement, dass sich vom Paradigma der 'Wertschöpfung durch Menschen' leiten lässt, wird nicht nur Antworten auf die zentralen Gestaltungsfragen des demographischen Wandels entwickeln können, sondern den Betrieben, in denen es wirksam ist, zugleich die Chance eröffnen, sich im Wettbewerb über eine Humankapitaloffensive zu differenzieren.

Kann ein KMU diese Aufgabe mit Bordmitteln lösen – oder ist hier Hilfe von außerhalb unerlässlich?

Dieter Boch: Nein, nicht allein, aber sich in Netzwerken zusammenschließen und gemeinsame Lösungen entwickeln; Berater können dann mit Manpower helfen, die Lösungen umzusetzen

Wo könnten die „Kleinen“ von den „Großen“ lernen?

Dieter Boch: Die Großen sind eher „große Tanker“, die schwer die Richtung ändern können, also nicht im Ziel können die Kleinen was lernen, wohl aber im Einsatz der Mittel: Man muss etwas investieren, der ROI kommt erst in 3–4 Jahren. Und mehr an die Zukunft denken durch Bildung.

Können z. B. Mittelständler auf traditionelle „Tugenden“ bauen?

Dieter Boch: Dem Mittelstand gehört die Zukunft wegen: größerer Flexibilität, unternehmerischem Denken und nicht in Quartalszahlen denken, Loyalität zur Arbeit(saufgabe) und nicht Gehorsam zum Vorgesetzten aus Karrieregründen, sie beherrschen die Projektarbeitsweise, sie nutzen das Erfahrungswissen der Älteren.

Um den demographischen Wandel zu beherrschen, so das Demographie-Netzwerk, gilt es sechs Felder zu besetzen: Personalpolitik, Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung, Qualifizierung und Kompetenzentwicklung, Führungs- und Unternehmenskultur, Gesundheit und Arbeitsschutz, Innovation und Wissenstransfer. Sehen Sie hier ein Ranking a) der Bedeutung und b) der Praktikabilität.

Dieter Boch: Mein Ranking:
1. Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung – Gesundheit und Arbeitsschutz
2. Führungs- und Unternehmenskultur
3. Innovation und Wissenstransfer – Qualifizierung und Kompetenzentwicklung
... und zuallerletzt – Personalpolitik

Ist ein ganzheitlicher Ansatz die "conditio sine qua non" oder ein typisch deutsches Wunschdenken, ein Problem perfekt zu lösen?

Dieter Boch: Der Mensch lässt sich nicht im Detail optimieren; sobald irgendetwas oberhalb der Schmerzgrenze ist, ist alles „schlecht“. Also ein ganzheitlicher Ansatz im Auge und Schritt für Schritt vorgehen.

In welchen Bereichen wirkt sich Nichtstun oder Ignorieren besonders schädlich aus?

Dieter Boch: Kann man welche ausschließen?

Wie viel Zeit haben die Firmen noch, um sich für die Aufgabe zu rüsten?

Dieter Boch: Die Fakten des demografischen Wandels sind seit Jahrzehnten bekannt, aber man tut in Deutschland erst dann etwas, wenn es gar nicht anders mehr geht. Heute hat man keine Zeit mehr, es ist schon jetzt Fachkräftemangel, die Frühverrentung aus Krankheitsgründen hat seinen höchsten Stand erreicht. Wir müssen jetzt handeln.

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