Digital ist das neue Normal

24. Oktober 2018

Warum auf dem Arbeitsmarkt neue Führungsqualitäten gefragt sind und wie Unternehmen mit Digitalisierung ihre Mitarbeiter gewinnen, war Thema beim 10. Randstad Qualifizierungsforum in München.

Richard Jager, CEO von Randstad Deutschland, beim 10. Randstad Qualifikationsforum in München

Wenn die IT-Chefin eines weltweit agierenden Software-Konzerns eine gute halbe Stunde lang über „digitale Transformation“ spricht und dabei kein einziges Produkt erwähnt – dann ist Randstad Qualifizierungsforum. Zum inzwischen zehnten Mal hat der Gedankenaustausch zwischen Experten zu einem zentralen Arbeitsmarkt-Thema und Gästen aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Wissenschaft von dem wesentlichen Merkmal dieses offenen Formats profitiert: Wissen ist wertvoll, geteiltes Wissen ist doppelt wertvoll.

Gefangen im „Rad der Veränderung“?

Mit Anna Kopp von Microsoft Deutschland stand dabei jemand in der Wappenhalle des ehemaligen Flughafens Riem bei München auf der Bühne, die Bewegerin und Bewegte des digitalen Wandels zugleich ist. Aus ihrem Unternehmensalltag lieferte sie anschauliche Antworten auf die Frage, mit der Susanne Wißfeld, Managing Director Operations Business Area South bei Randstad, den Abend eröffnet hatte: „Wenn man das Gefühl hat, dass man nicht mehr mithalten kann im Rad der Veränderung – kann man dann einfach abschalten und in die Hängematte flüchten?“ - Eine Frage, die sich in unterschiedlicher Ausprägung und in verschiedenen Situationen der Digitalisierung wohl jeder einmal stellt.

Uber oder Kodak sein

Kopp lässt Flucht als Lösung nicht zu. Digitale Kompetenz werde, für Unternehmen wie auch für jeden Einzelnen, künftig so wichtig sein wie fachliche und soziale Kompetenz. In der Regel erfolgten Annäherung und Anpassung an den Wandel schrittweise. Aber egal, welchen Weg man nimmt: Über kurz oder lang muss man sich stets der Veränderung stellen. Die Haltung, um dafür gerüstet zu sein, laute: „Uber yourself before you get kodak‘ed“ zitierte sie einen Leitspruch, der überall dort greift, wo neue Geschäftsmodelle alte über den Haufen werfen – nicht nur bei der Entwicklung und Bearbeitung von Märkten, sondern auch beim Umgang mit den heiß umworbenen Fachkräften.

Wünsche erfüllen und Effizienz gewinnen

Die große Herausforderung innerhalb des Unternehmens sieht Anna Kopp darin, dass es heute gilt, vier Generationen mit unterschiedlichen Anforderungen an Kommunikation und Kultur zu integrieren und zu bewegen: „Die Anpassung der Arbeitswelt muss diesen unterschiedlichen Stilen gerecht werden“, sagte sie. Dabei seien die Führungskräfte gefordert, ihre Teams und jedes Individuum an die Hand zu nehmen: „Einfach nur die absolute Freigabe für's Home Office zu erteilen – das genügt nicht.“ Die Chance bestehe darin, mit Achtsamkeit und Zuwendung zu erkennen, dass sich Menschen stets jene Rollen suchen, die im gleichen Takt ticken wie sie selbst. Wer die Wünsche seiner Mitarbeiter hört und erfüllt, werde über flexible Arbeitsformen zu jener Effizienz gelangen, die er sich von der Digitalisierung wünscht.

Natürliche Anziehungskraft erzeugen

Eine These, die Richard Jager aufgriff. „Digital ist das neue normal“, so der General Country Manager der Randstad Gruppe Deutschland. Das schließe eine Bringschuld des Arbeitgebers ein: Arbeitsbeziehungen so zu strukturieren und Qualifizierung in der Firma so zu gestalten, dass eine natürliche Anziehungskraft auf Fachkräfte entsteht. „Die Reaktion auf unser Angebot muss sein: Ich wäre gern Teil dieses Unternehmens.“ Wie schon immer übertreffe hier der Schnelle den Langsamen und der Kreative den Unbeweglichen: „Es ist erwiesen, dass Unternehmen mit positiven Marken doppelt so viele Bewerber haben“, sagte er. „Aber das sind nicht notwendigerweise große Unternehmen.“

Menschliche Nähe und Technik in der Balance

Die Kernbotschaft lautet aus Jagers Sicht, dass es eine Balance von „Tech and Touch“ geben muss, von fortschrittlichen Werkzeugen und individueller Zuwendung: „Der Mensch soll in der Mitte stehen und mit digitaler Hilfe besser unterstützt werden – aber nicht durch Maschinen ersetzt werden“, so sein Grundsatz. Wo Führungskräfte ihre Mitarbeiter auf menschlicher Ebene berühren, gelinge es auch, diese auf ein neues Niveau zu heben. Gleichzeitig gelte es, die Möglichkeiten des technischen Fortschritts offen aufzugreifen: „Man braucht sich nicht zu überlegen, ob ,das etwas für uns ist‘. Die Entwicklung kommt einfach auf uns zu.“

Neue Rolle für den Chef

Der so getriebene Wandel werde auf Dauer nicht nur dazu führen, „dass Handys auch mal wieder freiwillig zur Seite geschoben werden“. Damit entwickle sich dauerhaft auch ein neues Rollenverständnis innerhalb einer Organisation. „In 10 Jahren werden wir über Begriffe wie Chef oder Mitarbeiter anders reden als heute“, ergänzte Kopp in der kurzen, aber intensiven Diskussion zum Abschluss der beiden Vorträge. Dabei kamen auch kritische Aspekte wie die persönliche Belastbarkeit und die Versuchung nach digitaler Kontrolle des Einzelnen zur Sprache, wie sie sich unter anderem im „social scoring“ zeigt, das den gesellschaftlichen Wert von Menschen an seiner digital gemessenen Leistung einordnet. Die ethische Komponente der Digitalisierung, da waren sich die Teilnehmer der Fragerunde einig, wird beim Employer Branding unter der Abwägung „Werte oder Erträge first“ zum kritischen Faktor.

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