„Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis“

15. Oktober 2014

Hanno-Lutz Hoff, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Randstad Deutschland, plädiert im Interview für ­Zusammenarbeit und konstruktive Kritik.

„Wertschätzung“ ist eines der großen Schlagworte, wenn es um das Thema erfolgreiche Führung geht. Damit es nicht nur eine Phrase bleibt, die gern mal in den Raum geworfen wird, sollte man genau wissen, was Wertschätzung eigentlich bedeutet und wie sie gelebt werden kann.

Mit einem sporadischen Lob an den Mitarbeiter ist es bei weitem nicht getan. Werte steuern unser Verhalten ebenso wie unsere Empfindungen. Sie stehen für das, was uns wichtig ist, was uns antreibt und was uns motiviert. Wer weiß, was seine Mitarbeiter motiviert, kann direkt darauf aufbauen. Aktives Zuhören, gezieltes Nachfragen und ein ehrliches Interesse erlauben es der Führungskraft, die gewünschten Informationen zu erhalten.

Das Wort „Wertschätzung“ macht bereits deutlich, dass es mit dem Kennen der Werte nicht getan ist. Im nächsten Schritt ist es ratsam, diese Werte auch zu bedienen, etwa durch eine entsprechende verbale und nonverbale Kommunikation. Sätze wie „Es scheint Ihnen wichtig zu sein, dass…“, geben dem Mitarbeiter zu verstehen, dass sich der Chef mit dem Thema auseinandergesetzt und verstanden hat, was wichtig ist. Die Erkenntnisse müssen sich dann in der täglichen Arbeit widerspiegeln, beispielsweise bei der Verteilung neuer Verantwortlichkeiten.

Dabei geht es nicht darum, dem Mitarbeiter immer das zu geben, was er möchte. Vielmehr ist es wichtig im Rahmen der Möglichkeiten auf den Mitarbeiter einzugehen und so die Beziehung zwischen Vorgesetzten und Angestellten zu stabilisieren und dessen Loyalität zum Unternehmen zu stärken. Dies führt jedoch nur dann zu fruchtbaren Erfolgen, wenn die Wertschätzung kein einzelnes Ereignis ist, sondern in die eigene Lebens- und Arbeitseinstellung aufgenommen und kontinuierlich gelebt wird.   

Hanno-Lutz Hoff, Gesamtbetriebsratsvorsitzender bei Randstad Deutschland

Ein Betriebsrat ist in der Zeitarbeitsbranche eher eine Ausnahme. Seit wann besteht er bei Randstad?
Hanno-Lutz Hoff: Wir sind der einzige Betriebsrat in der Branche, der in seiner Struktur bundesweit eine flächendeckende Mitbestimmung hat. Für die Hauptverwaltung und den Großraum Frankfurt am Main wurde bereits 1972 ein Betriebsrat gegründet. Bei der Fusion mit dem früheren Wettbewerber Time Power gründete sich ein Gesamtbetriebsrat. Heute sind bei Randstad bundesweit 150 Betriebsräte tätig.

Was sind die Besonderheiten der Betriebsratsarbeit in der Zeitarbeitsbranche?

Hanno-Lutz Hoff: Wir vertreten zum einen die internen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Randstad. Das Gros derjenigen, die wir vertreten, sind zum anderen aber die Kolleginnen und Kollegen, die an unsere Kunden überlassen werden. Das Besondere ist also, dass unsere Mitarbeiter in unterschiedlichsten Betrieben tätig sind. Dadurch ist es schwer, ständig mit ihnen in Kontakt zu bleiben. Um diese Kluft zu überwinden, kooperieren wir mit den Betriebsräten in den jeweiligen Firmen, führen in den Niederlassungen vor Ort und nach Absprache mit den Kunden sogar am Arbeitsplatz Sprechstunden durch und publizieren eine arbeitgeberunabhängige Betriebsratszeitung. Wie überall gibt es dann eben auch Betriebs- und Abteilungsversammlungen. Die Themen sind die üblichen: Betriebsvereinbarungen, Urlaubsgrundsätze, Freizeitausgleich, Zeitkonten, soziale Angelegenheiten, Anhörungen zu Einstellungen und leider auch zu Kündigungen.

Wie sieht der Einfluss des Betriebsrates bei Randstad konkret aus?

Hanno-Lutz Hoff: Ich will ein paar Beispiele nennen. Früher waren Zeitarbeitnehmer von Kurzarbeit ausgeschlossen. Zu Beginn der aktuellen Krise haben wir uns dafür stark gemacht, dass auch wir Kurzarbeit durchführen dürfen. Sonst hätte das massiv Arbeitsplätze gekostet. Im Konjunkturpaket 2 der Bundesregierung haben wir, gemeinsam mit den Arbeitgebern, die befristete Ausnahme durchsetzen können. Dieser Initiative ging ein Sozialplan voraus. Den hatten wir bereits ausgehandelt, als noch kein Mensch an eine Krise gedacht hat. Weil wir wissen, dass sehr viele Zeitarbeitnehmer von ihrem Individualrecht leider keinen Gebrauch machen, haben wir eine Regelabsprache zur Beschäftigungssicherung mit unserem Arbeitgeber verhandelt. Damit sind wir bisher die Einzigen in dieser Branche. Selbstverständlich haben wir auch einen Wirtschaftsausschuss, der die wirtschaftliche Lage unseres Unternehmens näher beleuchtet, und besonders stolz sind wir auf unsere Schwerbehindertenvertretungen, da wir auch Schwerbehinderten gerne eine Chance geben, in Lohn und Brot zu kommen.

Einige unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geraten, wie auch in anderen Betrieben, in eine soziale Notlage, wie z. B. Wohnungsbrand, Tod des Ehegatten. Aus diesem Grund haben wir 2006 einen Sozialfonds gegründet, der schnell und unbürokratisch nicht nur finanzielle Hilfe leistet. Auch das ist in der Zeitarbeitsbranche einmalig.

Profitiert Randstad also letztlich von der Arbeit des Betriebsrates?

Hanno-Lutz Hoff: Ich sage immer: „Mit Speck fängt man Mäuse.“ Wir haben zum Beispiel gerade gemeinsam mit der Geschäftsführung ein Zehn-Punkte-Programm beschlossen, das Mitarbeiterführung an oberste Stelle setzt. Danach soll Führung nicht auf Angst beruhen, sondern in Kooperation mit den Mitarbeitern stattfinden. Es war ein langer, harter Weg bis zu dem Punkt, an dem wir gemeinsam solche Dinge realisieren konnten. Aber beide Seiten haben gelernt und erfahren, dass Verständigung und konstruktive Kritik weiter bringen als blinde Konfrontation.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit den Betriebsräten bei den Kunden genau aus?

Hanno-Lutz Hoff: Wir suchen den Kontakt mit den Betriebsräten unserer Kundenunternehmen, um gemeinsam Betriebsvereinbarungen zum Schutz der Zeitarbeitnehmer/innen zu etablieren. Dabei geht es um Punkte wie Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes, Arbeits- und Gesundheitsschutz oder Diskriminierung von zeitweise Beschäftigten. Einmal jährlich findet in jeder Region eine Zusammenkunft mit den meisten unserer Kundenbetriebräte statt. Dazu laden wir Politiker und Gewerkschafter ein und diskutieren gemeinsam die Zukunft der Zeitarbeit. Die Betriebsräte der Kundenunternehmen fürchten meist, dass durch Zeitarbeitsjobs bei ihnen Stammarbeitsplätze verloren gehen. Diese Angst kommt ja auch nicht von ungefähr. Aber Zeitarbeit ist Fakt, und deshalb sollte sie zumindest gerecht organisiert sein.

Wie stehen Sie zur Forderung nach einem Mindestlohn?

Hanno-Lutz Hoff: Wir sind natürlich dafür. Jetzt verrate ich Ihnen mal ein Geheimnis: Vor einigen Jahren haben wir einem Mitglied des Deutschen Bundestages im Bereich Arbeit und Soziales vorgeschlagen, einen Mindestlohn für die Branche Zeitarbeit einzuführen. Derjenige hat mich ausgelacht, das sei unrealistisch. Das ist jetzt sechs Jahre her. Da können Sie mal sehen, wie lange es manchmal dauert, um Forderungen durchzusetzen. Aber wer mitbestimmen will, muss sich einmischen. Und letztendlich ist es sogar ein Wahlkampfthema geworden. Der Betriebsrat von Randstad Deutschland hat es damals auf die Tagesordnung gesetzt. Und wir werden erleben, dass der Mindestlohn für die Branche Wirklichkeit wird.

Sie haben selbst einmal als Zeitarbeitnehmer angefangen. Bereuen Sie Ihre damalige Entscheidung?

Hanno-Lutz Hoff: Nein, auf keinen Fall.

Würden Sie jungen Menschen raten, Zeitarbeit zu machen?

Hanno-Lutz Hoff: Für viele, gerade junge Menschen, ist Zeitarbeit eine Chance für einen dauerhaften Arbeitsplatz. Wir unterstützen das und sind dafür sogar mehrfach ausgezeichnet worden. Meine Kollegen und ich haben der Geschäftsführung vor langer Zeit vorgeschlagen, ungelernte Mitarbeiter besonders zu fördern. Randstad hat das Projekt „Lernen im Job“ ins Leben gerufen, das die Teilnehmer mit einem Zertifikat bei einigen IHKs und auch dem TÜV abschließen können. Für manch einen Kollegen hat sich so der Weg zu einem festen Arbeitsplatz geöffnet.

Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: Randstad

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