Kissen aufs Keyboard?

12. Februar 2014

Büroschlaf ist in unseren Breiten eher der Gegenstand von Cartoons als von ernsthaften Überlegungen, wie sich die Leistungsfähigkeit arbeitender Menschen steigern lässt. Dabei gibt es reichlich Hinweise darauf, dass im Sinne der Produktivität ein Schlafraum fürs Unternehmen mindestens genauso nützlich wäre wie eine Kantine.

Die Menschheit hat der Raumfahrt zahlreiche Erkenntnisse und Erfindungen zu verdanken. Während ihr irrtümlich die Erfindung der Teflon-Pfanne zugeschrieben wird, die es schon viel früher gab, fällt eine andere ihrer Errungenschaften meistens unter den (Schreib)Tisch: der Schlaf am Arbeitsplatz. Vor mehr als 30 Jahren schon hat das Ames Research Center der NASA Ermüdungserscheinungen von Piloten und Astronauten bei der Arbeit unter die Lupe genommen.

Mehr Leistungsfähigkeit durch Schlafpausen

Eines der Ergebnisse der NASA-Forschung ist die Erlaubnis für Verkehrspiloten, unterwegs eine geplante Schlafgelegenheit von rund 40 Minuten Dauer wahrzunehmen. Dies führte nicht nur zu einer gleichmäßigen Leistungsfähigkeit der Piloten am Tag und in der Nacht. Auch am Ende des Dienstes und nach mehreren Flügen waren ihre geistigen und körperlichen Leistungen durchweg auf gleicher Höhe.

In anderen Kulturen ist die Wertschätzung des Schlafs höher. Vor allem Asien zeichnet sich hier aus. Mao, selbst ein Freund des gepflegten Mittagsschlafes, hat diesen sogar in der Verfassung Chinas verankert. In Japan gilt „Inemuri“ (übersetzt: „im Schlaf anwesend sein“), der Kurzschlaf am Arbeitsplatz, im Meeting und sogar auf der Kabinettsbank, als Zeichen besonderen Fleißes und geleisteter Anstrengung – dem Begriff entspricht in etwa unser „rechtschaffen müde“. So angesehen sind diese Nickerchen, dass manche Japaner sich sogar schlafend stellen, um sich als angestrengte Arbeiter zu zeigen. 

Ruhe weckt neue Kräfte

Nachweislich können wir Menschen ohne Erholung oder Auftanken mit Energie auf Dauer nicht richtig funktionieren. Die Nahrungszufuhr zur Anregung von Stoffwechsel und zur Versorgung mit „Lebens-Mitteln“ ist allerdings nur ein Aspekt des natürlichen Prinzips von Regeneration und Substanzaufbau. Dazu gehören auch individuell ausgeprägte, weitere Bausteine. Die einen kommen mit Sport, einem Hobby oder Bewegung an der frischen Luft zu neuen Kräften, für andere sind Ruhe, Lesen oder einfach Nichtstun die geeigneten Mittel, um wieder zu Kräften zu kommen. 

Wie andere wichtige physiologische Prozesse des Organismus wird der Schlaf „homöostatisch“ reguliert. Dies bedeutet, dass ein erhöhtes Schlafbedürfnis nach Schlafentzug durch einen verlängerten und intensiveren Erholungsschlaf wettgemacht wird – und im Sinne einer ausbalancierten Leistungsfähigkeit auch wettgemacht werden muss. Die Hirnstromaktivität im Tiefschlaf sowie die Folgen von Schlafentzug sind von Mensch zu Mensch sehr verschieden. „Diese Unterschiede sind zu einem großen Teil genetisch bedingt, doch die verantwortlichen Gene sind fast noch völlig unbekannt“, so Hans-Peter Landolt von der Uni Zürich, der auf diesem Gebiet forscht.

Gegengewicht zur Arbeitsbelastung

Schlafen gehört, weil als unproduktiv bewertet, zu den unterschätzten Regenerationswegen – zumindest am Arbeitsplatz. Dabei gibt es, beginnend beim Kurzschlaf – dem sogenannten Powernapping, reichlich Ideen und Wege, um Arbeitsabläufe so zu gestalten, dass man mit einem guten Gefühl in den Feierabend geht. Der Leitfaden „Richtig erholen – zufriedener arbeiten – gesünder leben“  kostenloser Download des Landesinstituts für Arbeitsgestaltung Nordrhein-Westfalen (LIA.NRW) zum Beispiel enthält Tipps und Tricks für Beschäftige, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen und zeigen, wie Erholung und Arbeit ins Gleichgewicht gebracht und gehalten werden.

Erste Angebote von Dienstleistern

Vorläufig müssen sich schlafbedürftige Arbeitskräfte noch nach Angeboten außerhalb der Firmengelände umsehen. Clevere Anbieter sehen hier ähnliche Marktchancen wie Imbissstuben und Restaurants als Kantinen-Ersatz. In Wien zum Beispiel können sich viel beschäftige Menschen nur fünf Gehminuten vom Stephansplatz schon zu einem Nickerchen zwischendurch zurückziehen. Das Unternehmen reflexia, das sich dem Modell eines „Fitness-Studios für den Geist“ verschrieben hat, bietet Gelegenheit zur stärkenden Pause vom Alltag. „Jeder hat seine ganz individuelle Art der persönlichen Auszeit und genau hier setzen wir an“, umreißt Peter Schurin, Geschäftsführer von reflexia, die Philosophie des Unternehmens. „Unsere Gäste haben die Wahl zwischen passiver Entspannung auf komfortablen Liegen und aktiver Entspannung mit interaktiven Übungen zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit.“

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