Muße muss sein

22. April 2015

Warum die inspirierenden Töchter des Zeus bzw. ihre Besuchszeit ein Gewinn für die Arbeit sind und kein Gegensatz zur Leistungsgesellschaft. Ein Kommentar von Ulrich Pfaffenberger

Keine Frage: Ein provozierender Titel ist gut für die Verkaufszahlen eines Buches. Genau deshalb liegt jetzt „Arbeit und Muße – Ein Plädoyer für den Abschied vom Arbeitskult“ *) hier auf dem Tisch. „Arbeitskult“, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer sind da wohl die Götter? Was die Rituale?

Lesen wir den Pressezettel: „Unsere Gesellschaft hat die Muße verlernt, so ein einhelliges Urteil. Der Kapitalismus hat sie zur Freizeit und zur Faulheit degeneriert. Dass sie einst der Lebenssinn der Emporbildung zur Humanität war, ist dabei in Vergessenheit geraten. Wie die Muße ihre kulturschaffende Bedeutung in einer Gesellschaft jenseits des Kapitalismus entfalten kann, ist die Frage, auf die in einer neuen Publikation eine Antwort versucht wird.“

Warum denn so bescheiden, liebe Autoren? Hättet ihr euch von Kalliope küssen lassen, der zuständigen Muse für epische Dichtung, Rhetorik, Philosophie und Wissenschaft! Dann bräuchtet ihr nicht so bescheiden vom „Versuch“ sprechen, sondern würdet „liefern“.

Allein dies macht schon das Dilemma deutlich. Müssen sie wirklich liefern? Oder ist das am Ende nicht doch nur der Anspruch, den der angeprangerte Kult in uns weckt? So lange wir tatsächlich die Arbeit alleine in den Mittelpunkt des Lebens stellen, werden Versuche und Phantasien uns stets als vergeudete Zeit erscheinen. Als nutzlos. Als unergiebig. Als töricht.

Dabei steht die ganze Welt von Ideen, Erfindungen, Innovationen – wie sie erst jetzt wieder im Musen-Tempel Hannover Messe zelebriert wurde – auf musischem Fundament. Weil sich jemand getraut hat, das Joch der Zielvereinbarung abzuwerfen, aus dem Zwang der Ertragspflicht zu flüchten, mit der Tradition des Bewährten zu brechen, ist Neues entstanden. Den Mut und die Gedanken dazu haben die Musen geschenkt.

Damit sie uns erreichen, braucht es nur eine Voraussetzung: Man muss ihnen ein bisschen Zeit geben, damit sie zu uns durchdringen. Weshalb, wie es auch die beiden Autoren Hans-Jürgen Arlt und Rainer Zech sehen, „Muse“ heutzutage nicht in Person einer Zeus-Tochter stattfindet (außer bei bezopften Modeschöpfern), sondern in der synonymen Zeitspanne vermeintlichen Nichts-Tuns. Die Betonung liegt auf „vermeintlich“, denn es gibt einfach nichts zu sehen, wenn das Gehirn arbeitet und die Gedanken fliegen. (Außer man folgt Karl May; der meinte, dass inwendige Geistesaktivitäten durch einen Rückzug der Intelligenz aus dem Antlitz sichtbar würde, weshalb kluge Menschen öfter mal blöd schauten.)

Das Musen-Buch schlägt vor: Arbeit in die Schranken des Not-Wendigen verweisen, Tätigkeiten in bunter Vielfalt am selbstbestimmten Bedarf orientieren, der Muße als Ausdruck idealer Humanität Geltung und die Lebensführung verschaffen. Oder einfach ein bisschen Zeit geben. Anders als Trainer, Coaches und Berater schreibt sie keine weitere Rechnung.

*) Hans-Jürgen Arlt, Rainer Zech: Arbeit und Muße. Ein Plädoyer für den Abschied vom Arbeitskult. Wiesbaden 2015: Springer, ISBN 978-3-658-08900-9.

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