O, du fröhliche – Kollegenschar!

7. Dezember 2015

Nicht die Hirten auf dem Feld, sondern die Mitarbeiter im Einzelhandel haben im Weihnachtsgeschäft die Ruhe weg. Kommentator Ulrich Pfaffenberger sieht darin ein echtes Geschenk.

Zum ersten Mal hat es mich mit 16 getroffen. Eine schnelle Besorgung, Heiligabend vormittags. Beim vorabendlichen Aufbau der heimischen Weihnachtskrippe hatten zwei Lampen am Hirtenfeuer den Dienst verweigert. „Geh‘ auf den Christkindlmarkt, die haben das“, lautete der väterliche Auftrag. In der Schlange vor dem einzigen Stand, der „das“ hatte, traf ich auf eine verbissen dreinblickende Schar von Mittfünfzigern in grauen, respektive braunen Wollmanteljackenanoraks.

„Ausgerechnet ich!“

Jedem stand ins Gesicht geschrieben: „Ausgerechnet mir muss das passieren!“ Man hätte in der schamerfüllten Stille einen Krippenstrohhalm fallen gehört, wäre da nicht der Lautsprechergesang der himmlischen Chöre gewesen – und das unwirsche Gemurmel der Bestellung, sobald die Reihe an einem war.

Was mich damals noch mehr faszinierte als die nach Beleuchtung Suchenden, war der völlig entspannt agierende ältere Herr im Trachtenjanker, dem der Stand gehörte. Im Glanz mehrerer Kompanien einwandfrei funktionierender Weihnachtsleuchtkörper bediente er jeden seiner Kunden zuvorkommend, gelassen und zielführend.

„Soll ich weinen?“

Als ich dran war und ihn fragte, wie er das nur aushielte mit all den frustrierten und mürrischen Käufern, da lächelte er fein und meinte: „Es ist doch jedes Jahr dasselbe. Ich bin darauf vorbereitet, habe den Vorrat verdoppelt und die Preise auch. Soll ich weinen?“

Eine Pressemitteilung aus dem Institut der deutschen Wirtschaft machte unlängst noch ein anderes Motiv geltend: „Die Gelassenheit vieler Einzelhändler ringt manchem gehetzten Last-Minute-Geschenkejäger spätestens am Vormittag des 24. Dezember Bewunderung ab. Der Schlüssel für so viel Contenance dürfte der gute Zusammenhalt unter den Beschäftigten sein.“

„Gutes Klima hier.“

Denn verglichen mit anderen Branchen fiele hier der Anteil der Mitarbeiter unter Leistungs- und Zeitdruck besonders hoch aus. Dennoch sei festzustellen, dass „neun von zehn Mitarbeitern im Einzelhandel angeben, mit dem Betriebsklima zufrieden zu sein; vier von zehn sind sogar sehr zufrieden – im Schnitt aller Branchen trifft dies nur auf drei von zehn Beschäftigten zu“.

Bevor Sie nun schon das Weihnachtswunder eintüten wollen: Die iw-Leute setzen noch einen drauf. Ursache für das gute Klima sind – die Kollegen. 87 Prozent der Einzelhandelsmitarbeiter empfinden das Miteinander mit ihnen „häufig gut“, 80 Prozent können sich auf deren Hilfe und Unterstützung verlassen, wenn sie dieses brauchen.

„Immer mit der Ruhe.“

Was uns das lehrt? Grundsätzlich: Wir-Gefühl hilft gegen den Stress. Erhellend: Wer nicht im Einzelhandel arbeitet, befindet sich Heiligabend auf der falschen Seite des Ladentischs. Empfehlend: Diesmal nur zuschauen, nicht einkaufen. Und überhaupt: Mensch bleiben, Ruhe bewahren und von einer kaputten Birne nicht aus der Fassung (!) bringen lassen. Frohes Fest!

Info zur Person Ulrich Pfaffenberger

Angesichts der Wahlmöglichkeit zwischen Kaufmannsladen und Ritterburg im Weihnachtszimmer entschied sich der spätere Journalist ohne Zögern für zweites. Er war aber gern gesehene Kundschaft in dem saisonal von seinen Schwestern betriebenen Kolonialwarenhandel, wo er Vorräte für die Burg einkaufte. Dahinter standen weder Rollenklischees noch Dienstleistungsverweigerung, sondern die Faszination der Realität. Die fand im großmütterlichen Tante-Emma-Laden statt, in dem Enkel Ulrich während der Ferien häufig gesichteter Assistent war – und erste Übungen im Kopf- und Zettelrechnen absolvierte sowie mit einer Knetmasse-Krippe das Schaufenster dekorierte (100 handgemachte Hirten im Maßstab 1:100!).

investor relations