Personalentwicklung: Spielend lernen

Mit spielerischen Mitteln die Fähigkeiten für Mitarbeiter entwickeln – was zunächst nach New Economy-Spaßkultur klingt, sorgt für mehr Effizienz und Wirtschaftlichkeit in Fort- und Weiterbildung. Denn auf diesem Weg vermitteltes Wissen wirkt nachhaltig und öffnet Zugänge zum Erfahrungstransfer, die bisher verschlossen waren. Besonderes Augenmerk verdient dabei die Disziplin der „Serious Games“.

„Mensch ärgere nicht“ für die Teamentwicklung? „Risiko“ zum Aufbau einer Expansionsstrategie? „Auf Achse“ zum Training der Logistikabteilung? „Monopoly“ in der Makler-Weiterbildung? Wer sich durch eine Liste bekannter Gesellschaftsspiele blättert, der findet viele Anhaltspunkte, wie sie sich in der Personalentwicklung einsetzen ließen. Ließen?

Aus dem Konjunktiv ist längst ein Aktiv geworden, das Prinzip vom „spielend Lernen“ in der Wirtschaft weit verbreitet. Die bekannten Brettspiele nehmen dabei allerdings nur eine untergeordnete Rolle ein. Zum Siegeszug des Spiels in der Aus- und Weiterbildung vor allem beigetragen hat die Bereitstellung von Lern- und Trainingsspielen auf Computern und im Internet. Sie bedienen sich der ganzen Bandbreite von Möglichkeiten – von der Simulation bis zum E-Learning mit spielerischem Beigeschmack.

Spiele sind Teil unserer Kultur

In einem Gespräch mit dem Veranstalter im Vorfeld der diesjährigen „Learntec“ hatte die Spiel-Designerin Colleen Macklin, Professorin an der Parsons The New School for Design New York und Direktorin am Game-Entwicklungsstudio PETLab, darauf hingewiesen, dass Spiele „ein wichtiger Teil unserer Kultur sind, den wir beherrschen sollten – was wir noch nicht tun“. Für sie unbestritten ist, dass jeder Mensch während des Spielens lerne: „Du lernst etwas über das Spiel und etwas über dich selbst.“ Gleichzeitig aber könnten wir damit trainieren, Systeme zu erkennen und zu beherrschen, zeigten uns Spiele doch sehr genau, an welchen Punkten wir in ein System eingreifen und es handhaben könnten.

Eine wachsende Zahl an Unternehmen und Personalentwicklern folgt dieser Einschätzung. Einen „forcierten Wechsel in der Ausbildungsphilosophie“ macht denn auch Dr. Uwe Katzky, Managing Director der szenaris GmbH in Bremen, an der sich verbreitenden Erkenntnis fest, „dass Menschen besser lernen, wenn sie dies handlungs- und praxisorientiert tun“. Das ließe sich in Simulationen und Serious Games länger und häufiger praktizieren als im wirklichen Leben.

Das zentrale Motiv, warum sich Unternehmen dieser Strategie zuwenden, ist nach seiner Erfahrung, langfristig betrachtet, in erster Linie eine höhere Wirtschaftlichkeit von Qualifizierungsmaßnahmen. „Doch wir beobachten eine stark zunehmende Hinwendung zu einem zweiten Motiv: der Notwendigkeit, Mitarbeiter zu bestmöglichen Leistungen anzuspornen. Und das geht nur mit optimaler Fort-, Aus- und Weiterbildung.“

Soziale Interaktion fest eingebaut

Auftraggeber für Serious Games, daran lässt Ralph Stock keinen Zweifel, sind fast immer große Unternehmen. „Dort hat man erkannt, dass Spielen und Lernen vielfältig miteinander verknüpft sind und dass man die Lerneffizienz deutlich erhöhen kann, wenn man sich das geschickt zunutze macht“, sagt der Geschäftsführer der auf diese Art ernsthafter Spiele spezialisierten Serious Games Solutions GmbH in Potsdam.

So hat zum Beispiel seine Firma für den ADAC ein Lernspiel entwickelt, in dem Disponenten die bereitstehenden Pannenhilfs-Fahrzeuge möglichst geschickt den auflaufenden Pannen zuteilen und dabei auf Punktejagd gehen. Dabei kämen alle Aspekte zum Tragen, die das Spiel gegenüber dem E-Learning oder anderen Lernformen überlegen machten – „soziale Interaktion durch das Spiel miteinander, Motivation durch Spielspaß sowie schnelles und effizientes Lernen durch den direkten Handlungseindruck“.

Ersatz für aufwendige Ausbildung am realen Objekt

Darin unterscheiden sich Serious Games auch noch deutlich von Simulationen oder Virtual Reality, die derzeit, so Uwe Katzky, meist nur dort eingesetzt würden, wo die Ausbildung in der Realität nicht möglich oder zu gefährlich ist. „Wer würde schon einen Anfänger gleich beim ersten Mal ein reales Flugzeug steuern lassen?“ Dazu kämen Fälle, in denen Ausbildungsgeräte gar nicht verfügbar sind oder in zu geringer Zahl vorhanden sind. Außerdem eröffneten gerade Simulationen die Möglichkeit, Dinge zu trainieren, die eigentlich gar nicht verfügbar sind, zum Beispiel das Fahren auf eisglatten Fahrbahnen im Sommer. Lesen Sie dazu auch den Artikel „Vereinfachter Blick aufs Wesentliche“.

Kostenüberlegungen bringen diese Flexibilität der Spiele noch mehr zum Tragen. Katzky: „Eine Ausbildung am realen Gerät ist teuer, weil zum Beispiel auch die Wartungskosten noch dazukommen. Aber auch Interaktionen zwischen Menschen lassen sich immer besser simulieren, so dass nicht mehr die Notwendigkeit besteht, viele Menschen zusammenzurufen.“ Dennoch, so merkt Stock an, sei bei allem Streben nach erhöhter Wirtschaftlichkeit immer noch die Abwägung empfohlen, ob die gewünschten Lerneffekte auch auf anderem Weg erzielbar seien, denn „Serious Games werden nicht in Spielgeld bezahlt, die Investitionskosten seien hoch.

Teams lernen spielend gemeinsam

Niedrigere Folgekosten träten vor allem da auf, wo eine schnelle Verfügbarkeit in der Breite der Belegschaft gesucht wird und man den bisher geleisteten Aufwand an Reise- und Seminarkosten verringern will. Vorteil: Die fortgeschrittene Vernetzung hat hier eine Evolution bewirkt, die die früher schon in einzelnen Branchen vorhandenen Einzelplatz-Simulationen teamfähig gemacht haben.

Wie in den vertrauten Spaß-Games im Internet, bei denen sich zum Teil wildfremde Menschen im Wettbewerb verbünden, unterstützen Serious Games auf Firmenebene in bisher nicht darstellbarer Weise die realistische Darstellung sozialen Verhaltens in der Gruppe – sowie die Option, dass ein Team gemeinsam lernt und dabei gleich auch mit den Stärken und Schwächen der anderen vertraut wird. Lesen Sie dazu auch den Artikel „Spiele als Schlüssel zur Kommunikation“.

Defizite bestehen noch bei der Ansprache aller Sinne

Es gibt indes noch Hürden zur maximalen Effizienz, die aus Sicht des Fachmanns noch zu überwinden sind. „Ich sehe erst da eine Grenze, wo alle Sinne des Menschen gefordert sind, nicht nur jene, die wir mit Simulationen und Serious Games derzeit darstellen können“, sagt Katzky.

Gibt es also noch Schulungs- oder Trainingsbereiche, die weniger gut für den Einsatz von Serious Games eignen? „Durch die Verknüpfung mit dem Internet, durch die Einbindung sozialer Netzwerke und durch die zunehmende mobile Verfügbarkeit sind Serious Games als Instrumente des Trainings und der Wissensvermittlung inzwischen fast unschlagbar“, freut sich Ralph Stock einerseits. 

Auch Nebeneffekte zeigen Wirkung

Eine Herausforderung sieht er andererseits in jenen Bereichen, in denen es um das Erlernen prozeduraler, im Kleinhirn hinterlegter Bewegungsabläufe geht, da hier meist die Eingabe-Schnittstelle zum Computer hin unbefriedigend bleibt. „Sprich: Ein Serious Game, mit dem Handwerker ihre Fertigkeit beim Herstellen feiner Schnitzereien ernsthaft einüben können, muss erst noch erfunden werden“, so der Experte.

Dem gegenüber stehen so verblüffende Ergebnisse wie die einer amerikanischen Untersuchung zu trivialen Baller-Spielen. Dabei kam zutage, dass Chirurgen, die sich damit in ihrer Freizeit auf Spielekonsolen austoben, präziser operieren. Das mache es denkbar, so Stock auf die Frage zur Trennlinie zwischen den Serious- und den Fun-Games, „dass ein gewöhnliches Baller-Spiel als Trainingsspiel für Chirurgen dienen könnte“. Lesen Sie dazu auch den Artikel „Wie „ernst“ muss das „seriöse“ Spiel sein?“.

Spiele helfen kulturelle Barrieren überwinden

Genau deshalb wiegen jene Effizienz-Vorteile, die Serious Games mit sich bringen, grundsätzlich schwerer als Ängste vor verspielter Arbeitszeit. Vielfach greifen die Effekte sogar über die rein arbeitsplatzbezogene Wirkung hinaus. Gerade in Firmen, die von der Globalisierung berührt sind und in denen sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden sind, bietet sich im Online- oder Computer-Spiel ein einfach gangbarer Weg hierfür. Denn die Verantwortlichen erhalten über die Spielergebnisse eine unmittelbare und verlässliche Rückmeldung, ob der Trainingsteilnehmer die Inhalte verstanden hat und das gelernte Wissen in der Praxis korrekt anwenden kann.

Das gilt im Übrigen nicht nur für das Bedienen von Maschinen oder das Abwickeln von Prozessen. „Game Based Learning-Systeme lassen sich hervorragend einsetzen, um Mitarbeiter auch in der Umsetzung von langfristigen Geschäftsstrategien zu schulen“, sagt Ralph Stock. „Zum Beispiel lässt sich anhand eines wirklichkeitsnahen Spiels auf der Basis echter Daten verdeutlichen, dass die langfristige Wachstumsstrategie eines Unternehmens sich positiv in den Unternehmenszahlen niederschlägt.“ Katzky ergänzt, dass solche Spiele selbst zur langfristigen Verhaltensänderung „möglich, denkbar und gewünscht“ sind.

Nicht jeder Fehler wird bestraft

Wichtig sei dabei in erster Linie der Bezug zur Realität, weil eben in einer Versicherungsagentur andere Regeln gälten als in einer Kfz-Werkstatt oder einer Software-Schmiede. Ein klarer Punkt der elektronischen Spiele gegenüber den konventionellen Ahnen von Mensch ärgere Dich nicht und Co., die immer einen gedanklichen Transfer vom Spielbrett an den Arbeitsplatz verlangen und damit eher theoretische Wirkung erzielen.

Ganz anders bei den Serious Games, bei denen die spielerischen Elemente als Anreicherung dient. „Gerade weil man sich in einer spielerischen Atmosphäre befindet, in der man sich nicht für jede ,falsche' Handlung rechtfertigen muss, tragen Game Based Learning-Systeme sehr zu einer Lernumgebung bei, die die Wissensvermittlung erleichtert“, sagt Stock. Entscheidend sei, dass nicht die Lerninhalte in ein Spiel integriert würden, sondern das Spiel und Inhalt genau aufeinander abgestimmt würden.

Unter einem Aspekt sind Unternehmen heute besonders gut beraten, ihren Mitarbeitern auf spielerischem Weg Wissen zu vermitteln: der Ausbreitung von Smartphones und Tablet-PCs im privaten Bereich, die beide zum Spielen geradezu einladen und für die ein wachsende Zahl kostenfreier Spiel-Apps zur Verfügung steht. Lesen Sie dazu auch den Artikel „Smartphones etablieren sich als Spieleplattform“. Für regelmäßige Nahverkehrspendler sind die vielen Mitfahrer längst ein vertrauter Anblick, die sich auf dem Weg von und zur Arbeit die Zeit spielend vertreiben. Warum also nicht die Nachfrage mit einem Angebot bedienen, das dem Unternehmen nützt und vom Empfänger gleich auch noch als nette Geste empfunden wird?

Schmaler Grat zwischen Nutzen und Spielerei

Wobei sich die Firmen auf einem schmalen Grat bewegen: „Die Mitarbeiter müssen erkennen, dass das Serious Games sie effizienter lernen lässt“, sagt Stock. „Wenn die Nutzer das Game als ,Spielerei' ansehen, ist kein erfolgreicher Einsatz mehr möglich.“ Ein Wundermittel oder eine Allzweckwaffe für Wissenstransfer oder Training on the Job sind die Serious Games zudem nicht, macht Katzky klar: „Sie sind eine Ergänzung, eine Vorbereitung und ein In-Übung-Halten zur Ausbildung in der Realität – ersetzen diese aber nicht.“ 

Zur Person:

Dr. Uwe Katzky ist Managing Director der szenaris GmbH in Bremen. Das Unternehmen erstellt PC-basierte Trainings- und Simulationslösungen für den Aus-, Fort- und Weiterbildungsbereich. Damit die Anwender den maximalen Wert daraus schöpfen können, umfasst das Portfolio Beratung und Visualisierung genauso wie Trainingssoftware und Simulation bis hin zu Teamtraining und Forschung http://www.randstad-korrespondent.de/tl_files/2013%20Juni/2013-03_01S_R…. Ralph Stock ist Geschäftsführer der Serios Games Solutions GmbH in Potsdam, eine Softwareschmiede mit jahrelanger Erfahrung beim Entwickeln von Spielen zur Vermittlung von Wissen und Informationen oder für Simulationszwecke. Als bestes Serious Game erhielt erst unlängst das dort entwickelte Spiel „Menschen auf der Flucht“, das Schüler mit den Folgen von Bürgerkriegen vertraut macht, den Deutschen Computerspielpreis.