„Politik ist die Definition von Equal Pay noch schuldig“

18. April 2018

Ein Jahr nach der Reform des Arbeitnehmer-Überlassungsgesetzes (AÜG) sieht Carlotta Köster-Brons noch reichlich Handlungsbedarf. Obwohl sich viele neue Regeln eingespielt haben, passen Theorie und Praxis vielfach noch nicht zusammen, sagt die Leiterin des Randstad Hauptstadtbüros.

Carlotta Köster Brons

Unnötige Herausforderungen für die Branche

Das neue AÜG und seine Folgen für die betriebliche Praxis – wie sieht grundsätzlich Ihre Bilanz nach einem Jahr aus?

Carlotta Köster-Brons: Wir haben uns bei Randstad mit einem großen, rund 100 Personen zählenden Team intensiv auf die Einführung der neuen gesetzlichen Regelungen vorbereitet. In der Zeit vor dem Inkrafttreten des Gesetzes haben wir rund 80 interne Schulungen durchgeführt, 120 Kundenveranstaltungen ausgerichtet, über 90 Webinare ausgerichtet und mehr als 5000 Einzelfragen beantwortet. Diese gute Vorbereitung hat uns und unseren Kunden geholfen, die neuen Rahmenbedingungen zu meistern. Wir bei Randstad können also ganz klar festhalten, dass die Welt sich auch nach dem 1. April 2017 weiterdreht. Insgesamt ist die Branche durch das neue AÜG aber trotzdem vor unnötige Herausforderungen gestellt worden, die nicht jedes Unternehmen mal eben schnell umsetzen kann.

Im Markt herrscht noch Verunsicherung

Im Detail: Was hat sich eingespielt und läuft?

Carlotta Köster-Brons: Insgesamt läuft alles in den üblichen Bahnen. Dann und wann gibt es immer noch mal einzelne Nachfragen, da im Markt auch eine gewisse Verunsicherung herrscht, aber das sind wie gesagt nur einzelne Nachfragen.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Carlotta Köster-Brons: Handlungsbedarf sehe ich nach wie vor bei der Politik. Es wäre gut, wenn die Politik die Definition von Equal Pay, die sie unserer Branche noch schuldig ist, in dieser Legislaturperiode noch nachliefern würde. Gleiches gilt für die sogenannte Schriftformerfordernis. Das passt so gar nicht in das digitale Zeitalter.

Willkürliche Zahl gehen am Bedarf vorbei

Sind die Fristen für Equal Pay und Höchstüberlassung eigentlich praxisgerecht?

Carlotta Köster-Brons: Die Fristen sind willkürliche Zahlen, die in langen Nächten der letzten Koalitionsverhandlungen verhandelt worden sind. Sie orientieren sich weniger an den Bedürfnissen unserer Mitarbeiter und Kunden als an politischen Botschaften, die die Koalitionäre senden wollten.

Keine Vorteile für Mitarbeiter erreicht

Sehen Sie das ursprüngliche Ziel erreicht, die Situation der Mitarbeiter zu verbessern?

Carlotta Köster-Brons: Das Ziel ist ganz klar verfehlt worden. Unsere Mitarbeiter werden zukünftig gute Einsätze, bei denen sie auf Grund von Branchenzuschlägen und Equal Pay das gleiche Geld verdienen wie die Stammbelegschaft, nach 18 Monaten verlassen müssen. Ausnahmen sind in diesem Fall nur möglich, wenn es tarifvertragliche Regelungen der Kundenbranchen oder Betriebsvereinbarungen gibt, die eine längere Einsatzzeit vorsehen. Im Moment sieht es nicht so aus, als ob die von der Politik angestrebten Übernahmen der Zeitarbeiter durch unsere Kundenbetriebe stark ansteigen würden. Unsere Kunden brauchen Flexibilität, daher setzen sie Zeitarbeit ein. Es geht nicht darum, dass die deutsche Wirtschaft sich vor Festeinstellungen drückt, wie die Politik immer noch denkt.

Evaluation wird Vorurteile ausräumen

Die Evaluierung des Gesetzes ist für 2020 vorgesehen. Welche "Wertschätzung" würden Sie heute abgeben – und was rechnen Sie, was noch dazukommen wird?

Carlotta Köster-Brons: Ich denke, dass die Evaluation einen wichtigen Beitrag zur tatsächlichen IST-Situation in der Zeitarbeit leisten wird. Die Daten, die wir erheben werden, werden ein sehr differenziertes Bild abgeben, das uns momentan datentechnisch oft fehlt. Viele unbegründete Vorurteile, zum Beispiel über die angeblich so exorbitanten Lohnunterschiede zwischen Zeitarbeitnehmern und der Stammbelegschaft unserer Kundenunternehmen, werden sich damit aus der Welt räumen lassen.

Carlotta Köster-Brons

Carlotta Köster Brons

Leiterin des Randstad Hauptstadtbüros.

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