Raum geben für Trauer am Arbeitsplatz

9. Februar 2018

„Sterben Kollegen oder deren Angehörige, gerät das Wunschbild vom produktiven und motivierten Mitarbeiter schnell ins Wanken“, weiß Iris Gehrke. Die Trauerbegleiterin aus Köln empfiehlt Vorgesetzten, Kollegen und Betroffenen selbst, offen mit ihren Gefühlen umzugehen.

Trauer am Arbeitsplatz

Vielfach gilt das Thema als Tabu, im Sinne der Work-Life-Balance rückt es aber immer mehr ins Blickfeld: Wie viel Raum sollten Unternehmen und Arbeitnehmer der Trauer am Arbeitsplatz geben?

Gehrke: Schon im privaten Bereich fällt vielen Menschen der Umgang mit Trauernden oder eigener Trauer schwer. Besonders kompliziert wird es häufig im beruflichen Umfeld. Stärke und Leistungsfähigkeit stehen im Mittelpunkt und die Kollegen erwarten Teamfähigkeit und gute Laune. Das führt leicht dazu, dass Trauer versteckt und der Tod als Thema verdrängt wird. Darunter leiden die Betroffenen, aber auch das Arbeitsklima und damit im Ende das ganze Unternehmen. Auch wenn solche kritischen Lebensereignisse ursächlich nichts mit dem Job zu tun haben, sind sie für Psyche und Körper enorme Stressoren und wirken sich im beruflichen Alltag aus.

Wo lässt sich bei einer Trauerkultur im Unternehmen ansetzen?

Gehrke: Verschiedene Strategien helfen, damit Mitarbeiter nicht ins Abseits geraten und später auch wieder ihre Leistung bringen können. Aeternitas, die Verbraucherinitiative Bestattungskultur, empfiehlt, das Thema keinesfalls zu verdrängen und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Trauernde sollten Rückzugsmöglichkeiten bekommen, aber ebenso ihre Emotionen äußern und über ihre Situation sprechen können.

Wie geht man direkt am Arbeitsplatz am besten mit einem Trauerfall um?

Gehrke: Vorgesetzte und Kollegen können einen Beitrag leisten, indem sie ihre Unterstützung anbieten und rücksichtsvoll eine geringere Leistungsfähigkeit akzeptieren. Insbesondere Vorgesetzte sollten den Kontakt zu trauernden Mitarbeitern intensivieren, um besser einzuschätzen, was diese erwarten und welche Hilfe sie anbieten können. Grundsätzlich können Schulungen für Führungspersonen oder Informationssammlungen zum Thema Trauer, zum Beispiel auch Kontakte zu Beratungsstellen, hilfreich sein.

Gibt es für den Umgang mit den Mitmenschen am Arbeitsplatz eine Art Verhaltenskodex?

Gehrke: Mit der sogenannten „WARM“-Formel habe ich eine Art entwickelt. „WARM“ steht dabei für W wie wertschätzend, A wie authentisch anteilnehmend, R wie respektvoll und M wie mitfühlend. Wertschätzend bedeutet unter anderem, dass Bewertungen, Ratschläge und oberflächliche Tröstungen unterbleiben und an die einzigartige Persönlichkeit Verstorbener erinnert wird. Authentisch ist Anteilnahme, wenn sie zur Situation und zum Unternehmen passt. Hilfreich ist es dabei, das Team mit einzubeziehen und die Trauer in aufrichtigen Zeichen des Mitgefühls zu äußern. Ein respektvoller Umgang schließt ein, dass Emotionen ausgedrückt werden dürfen – aber dennoch niemand zur Trauer genötigt wird, der seine Gefühle nicht zeigen möchte. Mitfühlend – nicht mitleidend – meint, dass man Trauernden zugewandt und mit Verständnis begegnet.

Wie bedeutend ist der Zuspruch von Vorgesetzten oder Kollegen für Trauernde?

Gehrke: Beide sind ja weder Trauerberater noch Co-Therapeuten. Aber sie sind Wegbegleiter im Alltag und damit ein Teil des Lebens. Gefragt sind daher kleine Gesten der Hilfsbereitschaft, behutsames Nachfragen, ein Verständnis der Gesamtsituation und das Signal: Du gehörst weiterhin zum Team.

 

Im Profil

„Kommunikation von Mensch zu Mensch“ steht im Mittelpunkt der Arbeit von Iris Gehrke, die seit 2016 selbständig als Beraterin arbeitet. Dabei greift sie auf umfassende Erfahrungen in der Öffentlichkeitsarbeit, der Public Relations und der Live-Kommunikation zurück. Im Tabuthema „Trauer“ sieht sie enorme Potenziale mit Blick auf Employer Branding, Mitarbeiterbindung und Gesundheitsmanagement.

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