„Sachlich und unparteiisch bleiben“

24. Oktober 2011

Auf den physischen Umweltschutz im Unternehmen folgt jetzt der ethische. All die kleinen Unsauberkeiten und Regelverstöße, die in der Vergangenheit ignoriert oder toleriert werden durften, sind heute tabu. Damit die neuen Regeln und Verfahren der „Compliance“ sich entfalten können, wacht immer öfter ein „Integrity Officer“ über sie. Bei Randstad ist dies Heinz"Otto Mezger.

Der Integrity Officer kümmert sich um die Einhaltung der Unternehmensprinzipien

Mezger ist im Unternehmen groß geworden und kennt Randstad Deutschland in allen Ecken und Winkeln, aber auch auf allen Ebenen. „Eindeutig ein Vorteil für diese Aufgabe“, meint er, „erst dadurch habe ich das erforderliche Detailwissen, um diese Aufgabe effizient zu erfüllen.“ Denn ein Integrity Officer, das macht Mezger auch klar, hat keine Alibi-Funktion und darf nicht nur an der Oberfläche kratzen. „Eigentlich sollen Verstöße gegen den Verhaltenskodex des Unternehmens ja gar nicht stattfinden. Wenn aber doch, dann muss man sie nicht nur aufklären, sondern anschließend die Angelegenheit bereinigen und alle nötigen Korrekturen vornehmen, dass derlei kein zweites Mal geschieht“, beschreibt er seine Zielsetzung.

„Eigentlich sollen Verstöße gegen den Verhaltenskodex des Unternehmens ja gar nicht stattfinden. Wenn aber doch, dann muss man sie nicht nur aufklären, sondern anschließend die Angelegenheit bereinigen ...“

Heinz-Otto Mezger

Randstad verfügt über klare, weltweit einheitliche Prinzipien für das Geschäftsleben. Der Integrity Officer kümmert sich darum, dass sie eingehalten und kontinuierlich vermittelt werden. „Für Unternehmen dieser Größe, noch dazu wenn sie börsennotiert sind, ist das heute unverzichtbar“, sagt Mezger. Nahm zunächst ein externer Rechtsanwalt diese Aufgabe wahr, entschied sich der Konzern 2010 für die weltweit einheitliche Linie eines internen Ansprechpartners. Die Umstellung erfolgte weitgehend reibungslos, weil die entsprechenden Geschäftsprozesse und Richtlinien schon vorlagen, die Systematik bereits vertraut war. „Wir haben dennoch mit einem großen Roll-out quer durchs Unternehmen das Thema noch einmal bewusst gemacht. Es genügt nicht nur, die Regularien zu haben – man muss sie auch verbreiten und verankern.“

Kommunikation ist aus seiner Sicht ein wichtiges Element, wenn Leitlinien ihre Kraft entfalten sollen. „Dafür muss man alle Kanäle öffnen und nutzen“, so Mezgers Überzeugung. „Man muss allen Mitarbeitern klar und kontinuierlich sagen, worum es geht.“ Dies wiederum gelte für Unternehmen aller Größen und Strukturen, nicht nur in einem Großbetrieb – wenn auch dort wegen der laufenden Fluktuation und der zahlreichen verteilten Arbeitsstätten die dauerhafte Präsenz des Themas besonders nötig sei.

Der „Integrity Officer“ selbst verfügt über eine unabhängige Position im Unternehmen. Auch da hat Mezger einen klar abgesteckten Aktionsrahmen. „Ich habe einen Ansprechpartner in der Holding, der jedes Quartal einen Report von allen Ländergesellschaften erhält. Und ich berichte hier operativ dem CEO.“ Dass Mezger seit 25 Jahren zu Randstad gehört, dass er das Wachstum des Unternehmens von 19 auf heute mehr als 500 Niederlassungen aktiv miterlebt und mitgestaltet hat, das öffnet ihm die entsprechenden Wege und Türen. So etwas sei wertvoller und ergiebiger als jede Spezialschulung. Im Grunde gehe es für einen Integrity Officer darum, ein bestehendes Talent zum Dialog, zum Ausgleich, zur Vermittlung zu nutzen. Zumal die bestehenden Verfahren für Beschwerden oder zur Selbstkontrolle ja nicht außer Kraft gesetzt werden dürften. Seine Rolle sei in gewisser Weise die eines Steuermanns, um die vorhandenen Mittel zu aktivieren und das System lebendig und greifbar zu halten, bei Bedarf auch weiter zu entwickeln. Er brauche daher die Kreativität, um Lösungen herbeizuführen – und er brauche vor allem „gute Ohren, um zuzuhören“.

Er ist jedoch keine bequeme Abkürzung für unbequeme Gespräche

Mezger selbst genießt unter den Kolleginnen und Kollegen das, worum er sich für das Unternehmen kümmern soll: Reputation. Zusammen mit seiner Erfahrung wird daraus Akzeptanz – und die Eignung, kritische Fälle zu lösen. Er ist zufrieden, wenn er als „letzte Instanz“ einen Ausweg aus einer verfahrenen Situation sieht und anbieten kann. Vielfach sei er für die Fälle, die an ihn herangetragen würden, noch gar nicht zuständig. „Ich komme erst ins Spiel, wenn die vorgeschalteten Eskalationsstufen gescheitert sind“, sagt er. „Wenn es zum Beispiel um Mobbing geht, dann ist das zunächst die Aufgabe des jeweiligen Vorgesetzten.“ Der Integrity Officer dürfe nicht zur bequemen Abkürzung für unbequeme Gespräche werden.

Mezger sieht sich auch nicht „als Richter über das Verhalten anderer“. Es stünde einem Integrity Officer schlecht an, zu moralisieren oder zu sanktionieren, meint er. Im Idealfall baue er Brücken zwischen Beteiligten, beispielsweise mittels einer Mediation. Denn, daraus macht er keinen Hehl: Die Mehrzahl der Fälle haben mit Macht und empfundenem oder erlittenem Machtmissbrauch zu tun. Strafrechtlich relevante Ereignisse wie Bestechung oder Vertuschung habe er bisher keine erlebt. „Da wäre auch mein Aktionsradius schnell am Ende: So etwas ginge aus meiner Hand sowieso gleich an die Strafverfolgung.“

„Ich finde es nicht richtig, dass einer, der ein Problem offenlegt und damit den ersten Schritt in einem Selbstreinigungsprozess anstößt, als einziger ein Risiko eingeht.“

Heinz-Otto Mezger, Geschäftsführender Vorstand der Randstad Stiftung

Was das Selbstverständnis angeht, so sieht Mezger bei einem Integrity Officer vor allem eines gefordert: Er müsse mit den Grundsätzen des Unternehmens, um die er sich kümmert, bestens vertraut sein und sie glaubwürdig vorleben. Einer der Gründe, warum ihm die interne Lösung sympathisch ist. Gleichwohl sei eine dogmatische Haltung nicht angebracht. „Es kommt darauf an, die Sachebene zu klären und selbst sachlich und unparteiisch zu bleiben“, sagt er. Gerade in einem lernenden Unternehmen komme es stets auch darauf an, aus einer kritischen Situation Lehren zu ziehen und die Chancen zu erkennen, die sich daraus ergeben. „Ich will Menschen zum richtigen Verhalten bewegen“, beschreibt er den Ideallfall seines Wirkens. „Dazu muss ich auch bereit und in der Lage sein, Systemfehler abzustellen.“ Mitunter erlebt er durch diese Denkweise auch Widerstand. Etwa, wenn sich Angesprochene in ihrer Erfahrung oder Position unangemessen behandelt fühlen, weil er sich einmischt. Auch hier helfe die sachliche, ausschließlich am Unternehmenswohl orientierte Argumentation. „Meistens ist das sowieso nur ein Zustand des ersten Augenblicks“, merkt er an. „Das legt sich sehr schnell wieder.“ Warum? Mezger weist noch einmal darauf hin, wie wichtig Kommunikation ist: „Weil jeder weiß, worum es geht. Weil jeder weiß, was ich mache. Und weil jeder weiß, dass hier alle gleich behandelt werden.“

Wer Heinz-Otto Mezger etwas zu sagen hat, der kann das offen über eine gebührenfreie Telefonnummer tun oder per E-Mail. So ist er für jeden Randstad Mitarbeiter in Deutschland zu erreichen. Auch anonyme Informationen sind möglich. „Die machen es natürlich schwer, ein vernünftiges Ergebnis zu erzielen. Da sind Nachweise schwer zu erbringen – und vermittelnde Gespräche lassen sich dann auch kaum führen.“ Dass die „Whistleblower“, die auf die Mißstände hinweisen, in unserem Kulturkreis als Nestbeschmutzer gebrandmarkt werden, registriert er ebenfalls mit Sorge. „Ich finde es nicht richtig, dass einer, der ein Problem offenlegt und damit den ersten Schritt in einem Selbstreinigungsprozess anstößt, als einziger ein Risiko eingeht – und unter Umständen vom Arbeitsgericht sanktioniert wird.“

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