Schwerbehinderte: Option statt Hindernis

30. Oktober 2014

Die Beschäftigungspflicht für Schwerbehinderte – noch können sich Unternehmen relativ günstig davon „freikaufen“. Jedoch: Dabei verpassen sie nicht die Chance, Verantwortung zu zeigen, sondern auch hochmotivierte Mitarbeiter zu gewinnen.

Beschäftigungsmöglichkeiten für Schwerbehinderte deutlich unter Soll

Auch schwerbehinderte Menschen wollen arbeiten. Deswegen sollen ihnen Arbeitgeber mit mehr als 20 Arbeitsplätzen, egal ob private oder öffentliche, wenigstens fünf Prozent davon offen halten. Das schreibt das Sozialgesetzbuch IX vor. Jedoch klaffen Gesetz und Wirklichkeit augenfällig auseinander. Unter anderem, weil sich Arbeitgeber von dieser Pflicht noch relativ günstig freikaufen können.

„Inklusion bewegt Deutschland!“ Davon jedenfalls gibt sich die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Verena Bentele, überzeugt. Sie ist ehemalige Leistungssportlerin und zwölfmalige Paralympic-Siegerin. Auf vielen Ebenen sieht sie eine Diskussion darüber erforderlich, wie die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, wie eine inklusive Gesellschaft aussehen kann und soll.

Fünf-Prozent-Quote bleibt unerfüllt

Diskutieren ist schön und gut, jedoch: Tut ganz Deutschland etwas? Am Arbeitsplatz läuft in Sachen Inklusion offenbar noch zu wenig. Zumindest ein Teil der Arbeitgeber scheint sich damit nach wie vor schwer zu tun. Denn, wie schon in den Vorjahren, wurde nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) die angestrebte Beschäftigungsquote von fünf Prozent auch in 2012 mit 4,6 Prozent nicht erfüllt. Etwas mehr als ein Viertel der ca. 37.600 Unternehmen, die eigentlich gesetzlich dazu verpflichtet sind, haben keinen einzigen schwerbehinderten Beschäftigten. Andere Unternehmen beschäftigen zwar schwerbehinderte Arbeitnehmer – allerdings nicht so viele, wie sie eigentlich müssten.

Eine Erklärung dafür liegt in der Ausgleichsabgabe. Firmen zahlen diese, um sich von der Schwerbehindertenquote zu befreien. Sie wurde seit der Euro-Umstellung im Januar 2002 nur einmal im Januar 2012 um zwölf Prozent angehoben. Zum Vergleich: Die Inflationsrate betrug im gleichen Zeitraum 18 Prozent. Derzeit liegt die Abgabe bei höchstens 290 Euro monatlich pro unbesetztem Pflichtplatz.

Ist die Pflichtabgabe zu niedrig?

Zu wenig, meint der DGB. Er fordert eine Anhebung bis zu 750 Euro pro unbesetzten Pflichtplatz. Nur so könnten seiner Ansicht nach insbesondere mittlere und große Unternehmen, die keine oder nur wenige schwerbehinderte Menschen beschäftigen, dazu gebracht werden, ihre Haltung zu überdenken.

Doch löst eine Anhebung der Abgabe nur einen Teil des Problems. Auch die Lage für Behinderte, die einen Arbeitsplatz haben, lässt zu wünschen übrig. So sind einer neuen Studie des DGB zufolge Behinderte immer noch mit ihren Arbeitsbedingungen unzufrieden. Fast 50 Prozent aller behinderten Beschäftigten und immerhin noch 38 Prozent der Schwerbehinderten haben demzufolge einen Arbeitsplatz, der nicht ihren Bedürfnissen entsprechend ausgestattet ist.

Fördermöglichkeiten nicht ausreichend bekannt

Bentele schlägt deshalb Alarm: „Diese Arbeitsbedingungen sind alles andere als optimal.“ Damit werde die Hürde zur Teilhabe am Arbeitsleben für behinderte Menschen fast unüberwindlich. Der inklusive Arbeitsmarkt scheitere außerdem oft schon daran, dass Firmen die Fördermittel nicht kennen würden oder immer noch Vorurteile hätten.

„Barrierefreiheit ist sehr viel mehr als die Rampe für Rollstuhlfahrer“, sagt Bentele, die selber blind ist. Es zählten allerdings nicht teure Anschaffungen und neue Maschinen, sondern Kleinigkeiten: Sich kurz hinlegen zu können oder genug Platz für den Rollstuhl zu haben, das könnten sich auch mittelständische Unternehmen leisten, so Bentele.

Motivierte Mitarbeiter gewinnen und Fachkräftemangel begegnen

Die Sportlerin, die ihren Platz in der Gesellschaft mit hartem Training erkämpft hat, hält es für wichtig, dass mehr Behinderte reguläre Stellen bekommen und nicht nur in geschlossenen Systemen wie Behindertenwerkstätten arbeiten. Gerade in ländlichen Gebieten sieht Bentele die Chance, dass die kleineren Betriebe dort besser auf Behinderte eingehen könnten.

Eine Chance hierfür sieht sie im wachsenden Fachkräftebedarf. Er könnte ihrer Ansicht nach helfen, Barrieren aus dem Weg zu räumen. „Jede Gruppe muss bei diesem Thema mit einbezogen werden – auch Menschen mit Behinderung“, so Bentele. Zumal die Potenziale Behinderter und ihrer Beschäftigung für die Unternehmen längst noch nicht ausgeschöpft würden.

Hohe Motivation und Leistungsbereitschaft

Behinderte sind laut der Studie hoch motiviert und messen ihrer Arbeit einen besonders hohen Stellenwert bei. 81 Prozent der Behinderten bewerten ihre Arbeit demnach als nützlich für die Gesellschaft. Mit ihrer Einschätzung liegen sie weit höher als der Durchschnitt der Nichtbehinderten. „Unternehmen gewinnen also sehr leistungsbereite und treue Mitarbeiter“, erklärt Bentele.

Die Vorteile der Beschäftigung von behinderten Menschen für sich erkannt, hat zum Beispiel der Flughafen München, der mit einer Beschäftigungsquote von elf Prozent seine nachhaltigen Inklusionsaktivitäten unterstreicht. Alle Maßnahmen rund um das Thema Inklusion werden beim Konzernpersonalchef gebündelt und koordiniert. Der Flughafenbetreiber überzeugte die Jury des jährlich vergebenen „Inklusionspreis“ der Wirtschaftsorganisation „UnternehmensForum“ in der Kategorie „Mittelgroße Unternehmen“.

Alternative zum Auslagern einfacher Tätigkeiten

Die Experten lobten vor allem die berufliche Unterstützung junger Menschen mit geistiger Behinderung, die durch die enge Zusammenarbeit mit einer Förderschule der Lebenshilfe Freising ermöglicht wird. Leichtere Tätigkeitsbereiche wie die Befüllung von Getränke- oder Snackautomaten werden nicht extern in Auftrag gegeben, sondern vom Unternehmen selbst ausgeführt. So entstehen zusätzliche passgenaue Arbeitsbereiche für leistungsgewandelte Mitarbeitende. Zahlreiche Arbeitsplätze wurden außerdem behindertengerecht umgestaltet.

Beim gleichen Wettbewerb erhielt der BioMARKT Roland Geist aus dem baden-württembergischen Öhringen als überzeugendster „Kleinbetrieb“ die Auszeichnung. Gleich drei junge Frauen mit Mehrfachbehinderungen bedienen hier die Kunden. Für die Beschäftigung ihrer Tochter und zwei weiterer junger Frauen mit Behinderung wurden rollstuhlgerechte Arbeitsplätze geschaffen. Im Unternehmen wird auf den Therapiebedarf der Frauen, die eine schwere körperliche und eine leichte geistige Behinderung haben, besonders Rücksicht genommen.

Kreative Finanzierung

In Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Sozialamt wurde außerdem das deutschlandweit erste trägerübergreifende „persönliche Budget“ umgesetzt: Das Sozialamt stellt den drei Frauen das Geld für die gemeinsame Wohnung zur Verfügung, die Agentur für Arbeit finanzierte für drei Jahre die Stelle einer Arbeitsassistenz.

Beste Erfahrungen hat auch der Labordienstleister Febikon Labortechnik GmbH des Unternehmerehepaars Sven und Heike Paas in Wermelskirchen gemacht. In seinem fünfköpfigen Mitarbeiter-Team haben drei Mitarbeiter einen Schwerbehindertenausweis. Das Unternehmen im Rheinisch-Bergischen Kreis kann als Beleg dafür gelten, dass Inklusion im Firmenalltag durchaus Chancen für beide Seiten bergen kann. 

Netzwerke und Fördermittel stärken Inklusions-Projekte

Weit die Tore für Schwerbehinderte geöffnet hat schon seit längerem das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Information. „Seit Beginn inklusiver Projekte im DIMDI in 2002 konnten wir über 50 schwerbehinderte Menschen im ersten Arbeitsmarkt integrieren. Für ein Haus mit 150 Beschäftigten eine beeindruckende Zahl", würdigte Direktor Dr. Dietrich Kaiser im Sommer 2014 diesen Meilenstein.

Dauerhafte Perspektiven geschaffen

Das DIMDI engagiert sich seit Jahren für die berufliche Teilhabe schwerbehinderter Menschen. Vor allem über entsprechende Projekte konnte und kann sie das Institut immer wieder beschäftigen. Vielen wurden auch dauerhafte Perspektiven geboten, vom Bürosachbearbeiter bis zum Gruppen- oder Projektleiter. Dazu trägt auch die Unterstützung aus Geschäftsbereich, Verbänden, Arbeitsagenturen, Stadt Köln und vielen anderen Einrichtungen bei. Kaiser: „Erst dieses Netzwerk hat uns den jetzigen Erfolg ermöglicht.“

Das DIMDI hatte seine Inklusionsarbeit 2002 umstrukturiert, um schwerbehinderte Menschen effektiver für die Berufspraxis zu qualifizieren. Seither wurden über Inklusionsprojekte und Einzelmaßnahmen mehr als 50 schwerbehinderte Menschen mit unterschiedlichen Tätigkeitsprofilen ins Berufsleben integriert. Im bisher größten Projekt stellte das DIMDI 2009 beispielsweise 13 Personen ein. Sie arbeiteten in verschiedenen Behörden, neben Fachaufgaben für die Projektkoordination, aber auch für Verwaltung sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Qualifikation auch für andere Arbeitgeber

Mit seinen Projekten eröffnet das DIMDI aus eigener Sicht „neue Perspektiven. Zum einen für die Menschen mit Behinderung, die sich darüber auch für andere Arbeitgeber qualifizieren. Aber auch für die Kolleginnen und Kollegen im DIMDI, für die die gelebte Inklusion schon lange zum normalen Arbeitsalltag gehört.“ Gerade auch diese Kultur des Miteinanders sei der Schlüssel zum Erfolg, betonte die Vertrauensfrau der schwerbehinderten Menschen, Sibille Windhof, anlässlich des Jubiläums im DIMDI.

Vorteilhaft wirkt sich die Beschäftigung von behinderten Menschen mitunter auch finanziell aus. So erhalten dem Portal „einfach teilhaben“ zufolge Firmen, die behinderte und schwerbehinderte Menschen einstellen oder beschäftigen, Zuschüsse und Darlehen. Die Website „für Menschen mit Behinderungen, ihre Angehörigen, Verwaltungen und Unternehmen“ gibt an, dass z. B. für die Neueinstellung behinderter und schwerbehinderter Menschen oder zur Unterstützung der behinderungsgerechten Einrichtung des Arbeitsplatzes Zuschüsse gewährt werden.

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