Seitenblicke: Haltung haben

Michael Meier war zwölf Jahre lang katholischer Militärseelsorger. Seine Einsätze führten ihn insgesamt 16 Monate nach Bosnien und Herzegowina und Afghanistan. Ein Marineeinsatz am Horn von Afrika ­wurde kurzfristig zur humanitären Rettungsaktion für die Tsunamiopfer in Nord-Sumatra.

Entscheidungen treffen und sie vertreten: Das macht eine gute Führungskraft in der Krise aus. Schnell und entschlossen handeln. Nicht abwarten, zögern, die Verantwortung auf andere verteilen oder abschieben. Ob einer das kann oder nicht, entscheidet sich schon vor der Krise. Wenn er sich darauf vorbereitet. Wenn er sich psychische Stabilität erarbeitet – und sie pflegt, sobald er sie hat.

Das gilt nicht nur für die Führungskraft, sondern für alle: Ohne psychische Stabilität ist keine Krise zu meistern. Das fängt bei scheinbar so nebensächlichen Dingen wie der Verpflegung oder der Möglichkeit an, an der eigenen Fitness zu arbeiten. Ich habe erlebt, wie aufwendig sich die US-Army um ihre Angehörigen in diesem Punkt sorgt. Das sind einfache Maßnahmen, aber sie wirken, weil man sie nicht erst erklären muss.

„Es ist unerheblich, ob eine Präsentation in Arial geschrieben ist, wenn draußen Schüsse fallen.“

Gerade in der Krise ist wichtig, dass sich der Mensch als wertvoll wahrgenommen sieht. Dass die Investitionen in die Person nicht hinter jenen ins Kriegsgerät – oder die Maschinen – zurücksteht. Wenn der Sinn der Arbeit oft schon schwer erkennbar ist, eskaliert das Unverständnis in jenen Momenten, in denen die persönliche Erfahrung mit den aktuellen Erlebnissen kollidiert. Teams entstehen nicht von selbst, sondern reifen in Krisen und unter glaubwürdiger Führung, einer mit Haltung, mit innerer, verlässlicher, erkennbarer Haltung. Die „Einheit“ – keine Organisationsgröße, sondern eine Funktion.

Seelsorger im Kriseneinsatz sind für den Menschen da, nicht zum Missionieren. Natürlich kann Gott ein Thema für denjenigen werden, der sich auf ihn einlassen will, für den er gegenwärtig ist. Aber für die Soldaten ist der interne externe Berater vor allem als Vertrauensperson wichtig, die zwar ins Gefüge eingebunden ist, aber außerhalb der dienstlichen Hierarchie steht. Das Gespräch unter vier Augen ist für Generäle genauso wertvoll wie für Gefreite.

Ein unabhängiger Ratgeber kann zum Coach für beide Seiten werden. Zumal wenn er die Krise anders wahrnimmt. Dass die Bundeswehr hier viel investiert, kann nicht hoch genug gewertet werden.

Er kann auch darauf hinwirken, dass Krisen in der Krise vermieden werden. Diese wirken verheerend, weil oft Nebensächlichkeiten problematisiert werden und sie zusätzliche Verunsicherung und Belastung erzeugen. Es ist unerheblich, ob eine Präsentation in Arial geschrieben ist, wenn draußen Schüsse fallen. Aber es ist gefährlich, wenn die Persönlichkeit unter formaler Kritik leidet – und nicht mehr mit ganzer Kraft für die Krisenbewältigung verfügbar ist. Zeichen für solche Risiken lassen sich lange im Vorfeld erkennen, auf beiden Seiten: Wenn’s im normalen Umgang miteinander nicht klappt, dann klappt’s auch in der Krise nicht.