Senioren im Einsatz: Gewusst, wo.

1. April 2017

Unternehmen sichern sich das Knowhow von Ruheständlern und reaktivieren diese für Projekte, bei denen Erfahrung gefragt ist.

Senioren im Einsatz: Gewusst wo.
  • Die Re-Aktivierung pensionierter Mitarbeiter gilt als probates Mittel, um Fachkräftemangel zu überbrücken
  • Die Erfahrung der Experten lässt sich projektbezogen abrufen und erweitert die Wissensbasis
  • Unternehmen wie Senioren profitieren organisatorisch wie auf menschlicher Ebene

Eine Geschichte aus jener Zeit, als Unternehmen alles taten, um Arbeitnehmer möglichst früh in Ruhestand zu schicken, damit genügend Platz sei für die Massen an nach(d)rückenden Jungen. Sie geht so:

In der Werkshalle steht eine mächtige Anlage, vorbereitet zur Abnahme durch den Kunden. Allein, sie tut keinen Mucks. Die Ingenieure des Herstellers suchen fieberhaft nach dem Fehler, finden ihn jedoch nicht. Die Uhr für die Lieferfrist tickt herunter, die Lage ist verzweifelt. Da hat einer der Arbeiter die Idee, den alten Meier zu Hilfe zu holen, vor einigen Wochen in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet, weil man ihn nicht mehr brauchen wollte.
Der alte Meier kommt, sieht sich die Maschine an. Ein Fingerschnipsen: „Hammer!“ Man drückt ihm das Werkzeug in die Hand. Er nimmt Maß, schlägt zweimal an die Anlage und die fängt an zu laufen. Alles glücklich, alles froh, Schulterklopfen für Meier.
Ein paar Tage später trifft dann seine Rechnung ein: 10.000 Mark. Trotz seines sehr erfolgreichen Eingriffs sind die Geschäftsführer empört. Zehntausend Mark für einen Hammerschlag? Frechheit! Wucher! Also bestellen sie Meier ein und fordern ihn auf, er möge erstens seine Rechnung überdenken und sie zweitens spezifizieren. Der kratzt sich kurz am Kinn. „Sie haben recht. Für zwei Hammerschläge ist diese Summe viel zu hoch. Ich korrigiere das. Stift!“ Man reicht ihm einen Stift. Handschriftlich fügt er ein. 
2 Hammerschläge zu je 0,50 DM 1,00 DM
Gewusst wo 9.999,00 DM
Summe 10.000,00 DM

Die Zeiten haben sich geändert. Die Zahl der Unternehmen wächst, die sich den Erfahrungsschatz älterer Mitarbeiter sichern wollen – auch über das Renteneintrittsdatum hinaus. Wichtigster Grund dafür ist der drohende, teilweise schon eintretende Fachkräftemangel.

Fähigkeiten verfügbar halten

Der Automobilzulieferer Bosch etwa hat sich schon 1999 darauf eingestellt, das Wissen seiner Pensionäre auch über deren letzten Arbeitstag hinaus zu nutzen. Die Bosch Management Support GmbH (BMS) wurde gegründet, um die Fähigkeiten langfristig verfügbar zu halten und innerhalb des Konzerns auf Abruf bereitzustellen – zum Beispiel beim Aufbau neuer Standorte oder bei der Reorganisation von Abteilungen und Bereichen. „Unsere Seniorexperten sind ehemalige Bosch-Mitarbeiter, die bereits im Ruhestand sind und zeitlich befristet Beratungs- oder Projektaufgaben übernehmen“, sagt Robert Hanser, selbst ein Senior-Experte und Geschäftsführer der BMS. „Dabei handelt es sich um Fach- und Führungskräfte, die teilweise bis zu 40 Jahre Bosch-Erfahrung mitbringen. Insgesamt gehören derzeit etwa 1.600 Pensionäre unserem Expertenpool an und vereinen ein Wissen, das rund 40.000 Jahren Berufserfahrung entspricht.“ Sie bringen zum Beispiel spezielles Expertenwissen ein oder decken vorübergehende Kapazitätsengpässe ab.

Botschafter auf Augenhöhe mit Kunden

Mitunter liefern die Veteranen auch eine besondere Form von „Social Media“: Weil sich vermögende Privatkunden lieber auf Augenhöhe mit Gleichaltrigen unterhalten als mit dem „Nachwuchs“ einen Online-Chat zu führen, beschäftigt die Deutsche Bank in einem „Botschafter-Programm“ ehemalige Direktoren. Die unterschreiben zwar keine Verträge mehr, aber ihr umfassendes Wissen zur Finanzwelt und den persönlichen Verhältnissen der Kunden sowie ihre weitreichende Vernetzung machen sie zum wertvollen Asset im Geldhaus.

Lücken im Arbeitsprozess schließen

2012 ist auch die Hamburger Otto Group mit der Otto Group Senior Expert Consultancy GmbH einen vergleichbaren Schritt gegangen und hat ein Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen gegründet, das ausschließlich Pensionärinnen und Pensionäre beschäftigt. Sie sollen helfen, etwaige Lücken in Arbeitsprozessen zu schließen – eine Maßnahme des konzernweiten Diversity Managements im Hamburger Handels- und Dienstleistungskonzern. Bei kurzfristigen Engpässen von Fachkräften im Konzern können sie im Rahmen eines befristeten Arbeitsvertrages je nach Bedarf und Qualifikation aushelfen solche Lücken im Arbeitsprozess zu schließen, die nicht mit vorhandenen Mitarbeitern gelöst werden können. Die Pensionäre wirken dann – je nach ihrer früheren Profession bzw. Fachrichtung – zeitlich begrenzt operativ an Projekten mit oder sind in beratender Funktion tätig.

Gebraucht werden und dazuverdienen

Im Sinne eines nachhaltigen Personalmanagements strebt die Otto Group nach einer ausgeglichenen Belegschaftsstruktur. Mit der neuen Firma „erweitern wir unseren umfangreichen Diversity-Maßnahmenkatalog und öffnen uns für eine Zielgruppe, die über ein extrem hohes Maß an Experten-Know-how verfügt, welches zurzeit kaum eingebracht wird“, erläuterte damals Sandra Widmaier, Direktorin Konzern Personal/Vice President Corporate HR. „Davon profitieren beide Seiten. Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die jetzt in Rente sind, genießen oftmals das Gefühl, weiterhin gebraucht zu werden und freuen sich über die Möglichkeit des Zusatzverdienstes zur Rente. Als Unternehmen nutzen wir ihren Erfahrungsschatz und Leistungsstandard, zumal sie diesen meist ohne Einarbeitungszeit einbringen können.“

Im Einsatz gegen Ausbildungsabbrüche

Noch eine Stufe weiter geht der Senior Experten Service (SES), der seit mehr als 30 Jahren eine spezielle Form von Entwicklungshilfe anbietet: Im In- und Ausland übernehmen seine ehrenamtlichen Expertinnen und Experten Einsätze – 2016 überschritt deren Zahl erstmals die 5000er-Grenze. „Wir können mehr als zufrieden sein“, sagt SES-Geschäftsführerin Dr. Susanne Nonnen. „Das gilt vor allem für unsere Initiative VerA zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen hier in Deutschland. 2016 entfielen gut zwei Drittel aller unserer Einsätze auf dieses eine Angebot. Junge Menschen in der Berufsausbildung zählen auf die Erfahrung unserer Expertinnen und Experten.“

Knowhow-Export in Entwicklungsländer

In Entwicklungs- und Schwellenländern war das Knowhow der Generation Ruhestand stärker denn je gefragt. Der SES trägt mit seinen Einsätzen dort zur Stärkung lokaler Strukturen und zur Verbesserung der Lebensbedingungen bei. Die meisten internationalen Experteneinsätze des SES fanden in Unternehmen, Organisationen oder Kommunen kleiner und mittlerer Größe statt. Inhaltliche Schwerpunkte waren die nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, die Bereiche Bildung und Ausbildung, das Gesundheitswesen und die soziale Sicherung.

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