Sind Namen wirklich Schall und Rauch?

15. August 2014

Viele Menschen scheitern daran, sich Namen zu merken. Die einen gleich im ersten Moment, die anderen eher längerfristig. Woran liegt das? Was kann man dagegen tun?

Bilder sagen mehr als Buchstaben

„Guten Morgen, schön Sie zu sehen, Herr ähmmmmmmmm…“. „Könnten Sie mir bitte die Dokumente noch einmal kopieren, Frau ööööööhhhhhhh…“. Alltägliche Situation, alltägliche Peinlichkeit. Weil wir von uns selbst wissen, wie angenehm es uns ist, beim eigenen Namen genannt zu werden, empfinden wir es als belastend, wenn wir uns die Namen anderer nicht merken. Vor allem, wenn es sich nicht um Zufallsbekanntschaften handelt, sondern um Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten oder die uns täglich begegnen.

Merken kann man trainieren

Also „auf!“ ins Training. Kein Geringerer als der amtierende Weltmeister im Namenmerken steht auf der Bühne. Dr. Boris Nikolai Konrad. Witzigerweise merkt man sich seinen Namen genau. Vielleicht liegt’s ja daran, dass man sich nicht blamieren will? Dennoch ist diese bescheidene Gedächtnisleistung nichts im Vergleich zu dem, was der Referent selbst demonstriert: Der Reihe nach begrüßt er zwei Dutzend Teilnehmer der Veranstaltung mit Namen, spricht sie direkt an. Obwohl er sie erst ein paar Minuten vorher zum ersten Mal gesehen hat.

Zweifel werden wach: Das schaffe ich nie!

Namen merken ist für unser Gehirn eine schwierige Aufgabe. „Die Namen habe an sich keine Bedeutung, oft sind es nicht einmal bekannte Begriffe“, erläutert Konrad im Gespräch nach der Veranstaltung hinter der Bühne. „Daher ist es schwer, diese mit wiederum neuen Gesichtern zu kombinieren.“ Hinzu komme, dass noch vor wenigen Generationen Menschen in ihrem ganzen Leben weniger andere Menschen kennen gelernt haben, als wir heute manches Mal auf einem einzigen Event treffen. Unser Gehirn ist auf solche Mengen nicht gut vorbereitet, hinkt sozusagen der Evolution hinterher.

Bilder helfen dem Gedächtnis auf die Sprünge

Die gute Nachricht: Es ist grundsätzlich möglich, diese Schwäche abzustellen. Über Gedächtnistechniken, so erläutert der Experte, lässt sich das Namenmerken in eine „Bilder-Merken“-Aufgabe „umwandeln“. Darin wiederum ist unser Gedächtnis sehr gut; wir können also ein vorhandenes Talent nutzen, um die Schwachstelle auszumerzen.

Was sind die ersten Schritte, um das zu erreichen? „Bevor eine Gedächtnistechnik helfen kann, muss ich das Ziel haben, mir den Namen auch zu merken“, sagt Konrad. Der erste Schritt ist daher, genau hinzuhören. Oft genug werde der Name gar nicht erst verstanden, weil es laut ist im Hintergrund oder der andere undeutlich spricht. Wenn dem so ist, helfe es nachzufragen und den Namen selbst einmal auszusprechen. Oft scheue man diesen Schritt, weil es einem unangenehm ist, beim Nichtverstehen ertappt zu werden.

Lerntechniken machen Gemerktes haltbar

Der Mann, der sich für seinen Rekord 201 Namen und Gesichter in 15 Minuten einprägte, wendet selbst „Lerntechniken" an. Sie sind, wie er meint sehr leicht zu erlernen, brauchen dann aber etwas Übung, um so richtig gut zu funktionieren. „Die Grundidee ist immer, jeden Namen in ein Bild umzuwandeln“, erläutert Konrad, der auch als Neurowissenschaftler arbeitet.

Frau Seiffert wäscht sich die Hände…

„Bei Namen, die einen Beruf beschreiben, kann dies die entsprechende Tätigkeit sein, bei komplizierten Namen reicht aber auch ein Wort, das ähnlich klingt. So lasse ich Herrn Fischer in meiner Vorstellung einen Fisch angeln, oder vielleicht noch besser: Mit einer Harpune in der Hand am Bug eines Fischerbootes stehen. Frau Seiffert stelle ich mir vor, wie sie sich gerade intensiv mit Seife die Hände einseift. Wenn ich darauf geachtet habe, den Namen bewusst zu verstehen, reicht das Bild hinterher problemlos aus, um auf den korrekten Namen zu kommen.“

Wie stellt er sicher, dass er bei einem späteren Treffen das richtige Bild noch weiß? Seine Empfehlung hierzu ist, sich immer die zu merkende Person vorzustellen, wie sie gerade etwas tut – was natürlich mit dem Namensbild zu tun hat. „Schaffe ich es, mir jemanden bei einer Aktivität vorzustellen, die er oder sie natürlich gerade nicht ausübt - wir stehen ja nebeneinander und stellen uns vor - dann habe ich das Bild mit genau dieser Person verknüpft.“

Techniken wirken auch bei anderen Merkaufgaben

Vom Prinzip her taugen solche Methoden auch beim Merken zum Beispiel von PINs und Passwörtern: Die Grundlage aller Gedächtnistechniken bleibt das Denken in Bildern, so Konrad: „Auch wissenschaftlich ist längt bewiesen, dass dies eine absolut sinnvolle Vorgehensweise ist und etwa zu zusätzlicher Aktivierung von Gehirnbereichen führt.“ Allerdings sei das Namens-Prinzip nicht eins zu eins übertragbar: Für verschiedene Inhalte gebe es unterschiedliche Methoden. Für Zahlen zum Beispiel würde man sich noch etwas mehr vorbereiten müssen.

Nach Ansicht des Schnellmerkers, der schon bei „Wetten Dass…?“ und „Deutschlands Superhirn“ sein Publikum verblüffte, liegt die Belohnung für die Mühe in den positiven Gefühlen, die der richtige Name beim Merkenden wie beim Gemerkten auslösen. „Diese Gefühle sind für den weiteren Kontakt natürlich optimal. Jeder hört seinen Namen gerne, das Gehirn verarbeitet ihn tatsächlich anders als jeden anderen Laut.“ Selbst im Schlaf reagiere unser Gehirn, wenn der eigene Name genannt wird. Merke sich jemand unseren Namen, gewinne er damit leicht unsere Aufmerksamkeit und erscheint uns sympathisch, „insbesondere wenn wir nicht damit gerechnet haben, dass derjenige den Namen weiß“.

5 Schritte zum Namen merken

  1. Genau hinhören, gegebenenfalls nachfragen
  2. Bilder finden, die zum Nachnamen passen (Assoziationen mit Tätigkeiten entwickeln)
  3. Die Person „verbildern“ (körperliche Merkmale merken)
  4. Bilder verknüpfen
  5. Das Ergebnis wiederholen, um es sich einzuprägen

ZUR PERSON

Nach ersten Erfolgen im Gedächtnissport und bei Auftritten in TV-Sendungen folgten für Dr. Boris Nikolai Konrad Engagements als Gedächtniskünstler und Redner. Schon 2006 machte der heute 30-Jährige sich dann in diesem Bereich selbständig http://www.namenmerken.de. Nach dem Studienabschluss rückte er sein Interesse auch wissenschaftlich in den Mittelpunkt und wechselte an das Max Planck Institut für Psychiatrie in München und arbeitete hier im Bereich Neuroimaging an der Erforschung der neuronalen Grundlagen außergewöhnlicher Gedächtnisleistungen. Im Januar 2014 schloss er seine Promotion erfolgreich ab und wechselte anschließend an das angesehene Donders Centre for Cognitive Neuroimaging in Nijmegen (Niederlande), wo er weiterhin wissenschaftlich tätig ist. Seit 2006 ist Boris Nikolai Konrad Präsident von MemoryXL e.V., dem größtem Gedächtnissportverein der Welt und engagiert sich für die Verbreitung von Gedächtnissport und -training sowie bei Mensa in Deutschland e.V.

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