Teilhabechancengesetz - eine Chance für den Arbeitsmarkt?

Obwohl Deutschland im neunten Jahr in Folge Beschäftigungsrekorde meldet und knapp 45 Millionen Menschen erwerbstätig sind, profitieren längst nicht alle davon. Es existiert trotz deutlichem Rückgang bei der Zahl der Langzeitarbeitslosen ein `harter Kern´ mit oftmals multiplen Vermittlungshemmnissen. Diesen gut eine halbe Million Hartz-IV-Beziehern ermöglicht das Teilhabechancengesetz einen Weg ins Erwerbsleben. Unser Arbeitsmarktexperte Dr. Christoph Kahlenberg analysiert die Erfolgsaussichten.

Dr. Kahlenberg, Sie sind in Sachen Teilhabechancengesetz viel im Austausch mit Jobcentern quer durch Deutschland. Was nehmen Sie aus diesen Gesprächen mit?

Die Mitarbeiter der Jobcenter bereiten sich größtenteils sehr intensiv auf die Gesetzesanwendung vor. In dem Gesetz sehen sie eine gute Perspektive, Menschen, die aus aus der Arbeitslosigkeit raus wollen, einen Weg ins Erwerbsleben zu ebnen.

Förderungen und Coaching sollen es möglich machen

Als Leiter der Randstad Akademie und der Abteilung Arbeitsmarktprojekte haben Sie Erfahrung mit Menschen, die es am Arbeitsmarkt besonders schwer haben. Worin genau liegt nun der Unterschied zu bisherigen Fördermaßnahmen?

Die Fördermaßnahme unterscheidet sich von anderen Maßnahmen vor allem durch das beschäftigungsbegleitende Coaching. Zudem erhalten die Arbeitgeber attraktive Förderkonditionen. Dadurch sind sie eher bereit, in die Mitarbeiter zu investieren. Gemeinsam mit dem begleitenden Coaching steigen die Erfolgsaussichten, auch langfristig in Beschäftigung zu bleiben.

Pragmatische Umsetzung gefordert

Gibt es weitere Faktoren, die aus Ihrer Sicht maßgeblich sind?

Die Praxis lehrt: Sowohl die betreuenden Jobcenter als auch die Arbeitgeber müssen realistisch vorgehen. Sie sollten für die einzelnen Kandidaten nach Wegen in den Arbeitsmarkt suchen, die individuell Erfolg versprechen. Das heißt in erster Linie, sich an dem zu orientieren, was der Kandidat mitbringt und im Stande ist zu leisten.

Die Intension der zum Teil über mehrere Jahre laufenden Förderung ist es, den Menschen Zeit zu geben. Weder ist zu erwarten, dass Personen, die lange nicht mehr im Arbeitsprozess waren, von Anfang an produktiv sind, noch können sie die Lösung für den (Fach-)Arbeitskräftemangel der Unternehmen sein. Zumindest nicht kurzfristig.

Integration durch Zeitarbeit

Inwiefern ist dieses Gesetz auch für Ihre Branche von Relevanz?

Wir freuen uns, dass unser Engagement bei der Integration von Langzeitarbeitslosen mit diesem Gesetz unterstützt wird. Schon immer betreuen wir unsere Mitarbeiter individuell und eine entsprechende Förderung ermöglicht es uns, dieses Angebot weiter auszubauen. Denn die Personaldienstleistung erfüllt am Arbeitsmarkt eine entscheidende Integrationsfunktion. 

Es gibt keine Branche, die mehr Menschen aus der Arbeitslosigkeit einstellt als die Zeitarbeit. Das gilt insbesondere auch für die Gruppe der Langzeitarbeitslosen. Fakt ist auch, dass über 70% derer, die aus der Arbeitslosigkeit heraus den Einstieg in die Zeitarbeit gewählt haben, nach zwei Jahren immer noch in Beschäftigung sind. Das zeigt, dass kaum eine Branche mehr Erfahrung hat, wenn es darum geht, Menschen den Wiedereinstieg in die Arbeit zu ermöglichen, sie wieder am Arbeitsprozess teilhaben zu lassen. Es bleibt zu hoffen, dass mit dem neuen Teilhabechancengesetz auch bei Arbeitgebern anderer Branchen die Bereitschaft wächst, dem angesprochenen Personenkreis eine Chance zu geben.

Was raten Sie Arbeitgebern, die bisher noch wenig Berührung mit der Beschäftigung von ehemals Langzeitarbeitslosen hatten?

Mut haben! Nutzen Sie das neue Förderangebot und gehen Sie aktiv auf die Jobcenter zu. Aus Erfahrung kann ich sagen: Es lohnt sich! Wir unterstützen andere Arbeitgeber bei diesem Prozess auch gerne.

Das Teilhabechancengesetz

Seit dem 01.01.2019 greift das Teilhabechancengesetz. Es beinhaltet die Fördermöglichkeiten bei Einstellung von Langzeitleistungsbeziehern. Grundvoraussetzung zweier Förderwege ist, dass die Kandidaten mindestens zwei oder sechs Jahre gar nicht oder nur ‚kurzfristig‘ beschäftigt waren. Arbeitgeber, die Mitarbeiter aus dieser Zielgruppe einstellen, haben Anspruch auf gestaffelte Lohnkostenzuschüsse. Die Arbeitnehmer werden während ihrer neuen Beschäftigung von Beginn an durch ein ganzheitliches Coaching begleitet und unterstützt. 

Zur Person

Christoph Kahlenberg

Dr. Christoph Kahlenberg ist seit 2008 Leiter der Randstad Akademie und der Abteilung Arbeitsmarktprojekte. Als Referent zahlreicher Arbeitsmarktveranstaltungen und durch den deutschlandweiten Austausch mit Arbeitsagenturen und Jobcentern zur Integration von Erwerbslosen und Geflüchteter ist er ein gefragter Experte zu den Themen Förderung und Integration.