Trauer braucht Raum – auch im Job

30. Oktober 2014

Unsicherheit im Umgang mit trauernden Menschen ist nicht nur im Privaten weit verbreitet. Am Arbeitsplatz trifft der Tod eines Menschen seine Vorgesetzten und Kollegen ebenfalls unvorbereitet.

„Plötzlich und unerwartet ist unsere Kollegin durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen… Wir werden Frau … stets ein ehrendes Andenken bewahren.“ Eine Todesanzeige in der Lokalzeitung, anrührende Worte von Geschäftsleitung und Betriebsrat. Aufrichtige Geste oder Pflichtübung?

Wenn Mitarbeiter mitten aus dem Leben gerissen werden, bedeutet das in mehrfacher Hinsicht einen Notfall für das betroffene Unternehmen. Doch während sich organisatorische Fragen standardisiert und schnell regeln lassen, benötigt das menschliche Miteinander im Betrieb in diesem Moment besondere Aufmerksamkeit. Vor allem dann, wenn Zusammenhalt und Teamgeist gut ausgeprägt sind. Dann ist es wie in einer Familie: Die nächsten Angehörigen trauern – und brauchen Zuwendung.

Eine Aufgabe, der sich Unternehmen nicht entziehen können, denen Betriebsklima und menschliche Faktoren etwas bedeuten. Weil es in der Regel HR und Personalabteilung sind, die „Schlüssel“ zu den Menschen im Betrieb in den Händen halten, sind sowohl vorbereitende Maßnahmen wie auch die Umsetzung im konkreten Fall dort am besten aufgehoben.

Wenige Unternehmen sind vorbereitet

Die wenigsten Unternehmen allerdings sind auf diesen (Trauer)Fall vorbereitet. Allenfalls in Branchen, in denen lebensbedrohliche Situationen zum Alltag gehören, gibt es angemessene Verfahren und Prozesse. Bei der Polizei und bei Rettungskräften zum Beispiel sind „Kriseninterventionsteams“ nicht nur für die Betreuung von Opfern und Angehörigen da, sondern auch für ihre Mitarbeiter.

„Erkrankt ein Mensch oder ist er von einem Trauerfall betroffen, kann die Situation am Arbeitsplatz für Vorgesetzte, Kollegen und den Betroffenen selbst zu einer Herausforderung werden“, sagt Alexander Helbach vom Aeternitas e.V., einer Verbraucherinitiative für mehr Bestattungskultur. Sie stellt auf dem Portal www.gute-trauer.de Leitfäden für den Umgang mit trauernden Menschen bereit. „Die Suche nach den richtigen Worten, nach der passenden Geste oder auch der Wunsch, der Betroffene möge sich möglichst schnell wieder funktionsfähig zeigen und seine Arbeit so produktiv wie früher erledigen, sind Beispiele für Gedanken, die Vorgesetzte und Kollegen beschäftigen.“

Offene Zuwendung besser als Distanz

Das gilt für Betriebe aller Wirtschaftszweige und Größenordnung, wie Doris Weißenfels deutlich macht; sie hat sich auf Trauerbegleitung spezialisiert und berät auch Firmen bei dieser Aufgabe. „Die Situation ist nicht einfach: Die Arbeit im Betrieb muss weitergehen, aber Betroffenheit und Trauer fordern ihren Raum. Insbesondere wenn ein Mitglied der Belegschaft stirbt, hat dies nicht nur Auswirkungen auf den Einzelnen, sondern auch auf das Team und die Dynamik des gesamten Systems“, schreibt sie auf ihrer Website.

Bei offenem und bedachtsamem Umgang mit der Situation sind nach Weißenfels‘ Einschätzung aus dem Trauerfall heraus mittel- bis langfristig positive Auswirkungen auf Arbeitsklima und Arbeitsleistung zu erwarten. Zumindest dann, wenn nicht scheue Distanz gewahrt wird, sondern offene Zuwendung erfolgt. Sie empfiehlt: „Mitarbeiter, die einen Angehörigen verloren haben, sollten ihre Trauer am Arbeitsplatz nicht verstecken müssen. Kollegen und Führungskräfte können unterstützen: durch Verständnis und Geduld, durch Gesprächsangebote, durch konkrete Hilfen, durch Veränderung der Arbeitsorganisation oder nur durch Signale, die deutlich machen, dass der Trauernde weiterhin dazu gehört‘.“

Extreme Belastung lindern

Alexander Helbach weist darauf hin, dass die Wünsche der Betroffenen häufig sehr unterschiedlich sind. „Der eine will sich nicht mitteilen müssen oder nicht auf die Situation angesprochen werden. Andere wünschen sich zudem, eine „Schonzeit“ zu bekommen oder aber auch am Arbeitsplatz emotional sein und über die Situation reden zu dürfen.“ Herrsche keine vertrauensvolle Atmosphäre, die diese mitunter widersprüchlichen Wünsche und Anforderungen auflöse, dann könne das dazu führen, „dass sich erkrankte Personen und Trauernde an ihrem Arbeitsplatz zunehmend unwohl und extrem belastet fühlen“. Das wirkt sich auf die Stimmung und das Miteinander im ganzen Unternehmen aus.

„Vorgesetzte und Kollegen am Arbeitsplatz können viel dafür tun, um Betroffene in dieser Zeit zu unterstützen und weiterhin einen produktiven, leistungsstarken und vor allem loyalen Mitarbeiter und Kollegen zu behalten“, sagt Helbach. Er verweist auf wissenschaftliche Untersuchungen die unter anderem folgende Wege empfehlen:

  1. Das Schaffen einer Arbeitsatmosphäre, die bei allem Profitstreben auch auf Werte wie Unterstützung und Menschlichkeit setzt.
  2. Das Angebot von Schulungen für Führungspersonen zum Thema Trauer.
  3. Das Bereitstellen einer Informationssammlung zum Thema Trauer (z.B. mit Informationen über Trauer allgemein, aber auch mit konkreten und aktuellen Angeboten von Trauerberatungsstellen), auf die Betroffene bei Bedarf zurückgreifen können.
  4. Das Verstärken des Kontaktes zwischen Vorgesetztem und trauerndem Mitarbeiter. Vorgesetzte sollten wissen, was sie von einem trauernden Arbeitnehmer erwarten können oder welche Art der Unterstützung er momentan braucht, um bei der Ausübung seiner Arbeit erfolgreich zu sein.
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