Vergebliche Suche nach einem Guru

Aus Witzigkeit wird Anbiederung, aus Kult-Formeln entspringt Verwirrung. Vermeintlich „coole“ Jobbezeichnungen eignet sich wenig zur Mitarbeitersuche in Stellenzeigen.

Guru gesucht
  • Recruiting mit Begriffen aus Fach- und Sondersprachen ist verlockend, birgt aber das Risiko von Missverständnissen
  • Slangworte verlieren ihre Kraft und entfalten abschreckende Wirkung, wenn sie von Nicht-Berechtigten genutzt werden
  • Missverständnisse sind – nicht zuletzt beim Employer Branding – vorprogrammiert

„Na, Digger, wie, so?“ Es ist Unternehmen auf der Suche nach Nachwuchskräften unbenommen, sich sprachlich auf die Zielgruppe einzulassen. Allein, schon der Versuch ist in der Regel strafbar, wie das Beispiel zeigt. Denn was unter Gleichaltrigen gang und gäbe ist, wirkt aufgesetzt, künstlich und falsch, wenn es von außerhalb der eigenen Welt kommt. Keine neue Erfahrung zumal: Schon der Slang der „Halbstarken“ in den 1950er Jahren war geprägt vom Wunsch, sich abzugrenzen gegen die autoritären Opas und Papas. Eine Entwicklung, die sich seither eher verstärkt denn gelockert hat. Der alljährliche Versuch, ein „Jugendwort des Jahres“ zu küren, zeugt von der Vergeblichkeit des Unterfangens.

Botschaften wirken unterschwellig

Gleichwohl kommen Unternehmen nicht umhin, über ihre Sprache nicht nur offenkundige Botschaften zu verbreiten, sondern auch unterschwellige Signale zu senden. Stellenanzeigen, egal ob analog oder digital, gelten dabei gern als Experimentierfeld für die Zugkraft des „Corporate Wording“ wie auch als Tummelplatz sprachlicher Unterscheidungsmerkmale. Der Grat zwischen „Das fällt angenehm auf“ und „Das ging mal wieder völlig daneben“ ist dabei ziemlich schmal, ein Kratzer an der Arbeitgebermarke wahrscheinlicher als ein Glanzpunkt.

Risiko für die Arbeitgebermarke

Der Imageschaden droht doppelt. Zum einen, weil sich die Angesprochenen alles andere denn als homogene Gruppe verstehen; ergreifen Außenstehende Besitz von der intern gepflegten Sprache, wachen Abwehrkräfte auf. Zum anderen, weil unkontrollierbar ist, welche Emotionen solche Sprache bei allen anderen auslöst, die zwar nicht angesprochen sind, die Botschaft aber doch mitbekommen.

Sprachexperimente auf dünnem Eis

Unternehmen, die sich aus der üblichen Phraseologie des Recruiting herauswagen, sind nicht nur bei der jungen Generation vor irreführenden und missverständlichen Signalen gefeit. Schon wer sich die inzwischen weit verbreitete Terminologie der Internet-Welt aneignet, wagt sich auf dünnes Eis. Welch grausame Ergebnisse da mitunter entstehen, hat Jobfeed zusammengetragen, ein Online-Aggregator von Stellenanzeigen, deren Überblick und Auswertung zum Beispiel Unternehmen als Informationsquelle für Vertriebstätigkeiten dienen sollen.

Ich Robot, du Captain?

Stellenanzeigen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden haben in diesem Fall eine bunte Reihe seltener oder bizarrer Jobtitel geliefert. Während in den Niederlanden häufig Tiernamen in den Annoncen auftauchen, bezeichnen Recruiter ihre Bewerber in anderen europäischen Ländern häufig als „Stars“, „Boss“ oder gar „Champions“. Gern genommen werden auch Robot, Captain, Evangelist, Guru oder Wizard. Am häufigsten tauchen diese Jobtitel in Großbritannien und Frankreich auf, sowie vor allem für IT- oder Marketing-Jobs.

Was taugen Rockstars für den Kundendienst?

Rätselhaft wird es dann, wenn im deutschsprachigen Raum nach „Animals“ gesucht wird oder in Österreich und Großbritannien „Guru-Jobs“ im Angebot sind. Relativ abstrakt sind auch Suchen wie die eines Start-Ups nach einem „Waterproof Web-Wizard“ oder eines Karriereportals nach einem „Kundendienst Rockstar“. Man darf zudem neugierig sein, wer sich als “DevOps Evangelists” bei einem Sportartikelhersteller oder als „Mobile Rockstar“ bei einem Digitalvermarkter bewirbt.

Nicht gesucht, nicht gefunden

Die Stellenanzeigen-Experten bei Jobfeed liefern daher nicht nur die kuriosen Jobtitel, die ihnen quer durch Europa begegnet sind, sondern gleich auch die Empfehlung für Unternehmen, der Versuchung nach maximaler Witzigkeit zu widerstehen. „Obwohl diese Jobtitel sehr humorvoll sind und eventuell bestimmte Berufsgruppen anziehen, können kreative Jobtitel potenzielle Bewerber verwirren“, heißt es dort. „Schließlich bezeichnet sich sicherlich selten ein Kandidat selbst als ,Java Rockstar’.“ Wichtiger aber noch: Die Bewerber selbst suchen im Internet nicht nach solchen Stellenbezeichnungen.