Von der Digitalisierung zur Arbeit 4.0

25. Januar 2016

Die vierte industrielle Revolution, Industrie 4.0 oder das Internet der Dinge – viele Bezeichnungen für ein Phänomen, das die Welt der Arbeit nachhaltig zu verändern scheint. Dabei geht die Digitalisierung weit über die Arbeitswelt hinaus.

Geschwindigkeit der Digitalisierung

Sie betrifft nahezu alle Lebensbereiche und hat in den Alltag der allermeisten Menschen schon längst Einzug gehalten. Ein Blick in die Zukunft, aber auch eine Beschreibung der Gegenwart. ‚Digitalisierung? Nicht mein Ding!‘ – so die Überschrift eines Artikels in der ‚Frankfurter Allgemeinen‘ vom 11. Juli 2015. Laut einer Umfrage der Personalberatung Rochus Mummert zur digitalen Arbeitswelt, haben 56 Prozent der deutschen Arbeitnehmer nur eine vage Vorstellung, was sich hinter den Bezeichnungen Digitalisierung oder Industrie 4.0 verbirgt. Jeder dritte Befragte hatte angeblich noch nie davon gehört.

Diese mangelnde Kenntnis mag überraschen angesichts der Tatsache, dass ein Großteil der Deutschen in ihrem Privatbereich längst digital unterwegs ist. So ist es für viele eine Selbstverständlichkeit, sich von ihren Navigationsgeräten leiten zu lassen und tagtäglich in den sozialen Medien zu kommunizieren. Was bezogen auf die Arbeitswelt noch sehr abstrakt zu sein scheint, ist im privaten Umfeld längst Wirklichkeit.

Das Internet ist zu dem mit Abstand wichtigsten Treiber gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungsprozesse geworden. Während noch vor fünfzehn Jahren lediglich 350 Millionen Menschen weltweit über einen Internetzugang verfügten, waren es im letzten Jahr bereits 2,8 Milliarden und täglich kommen über 200.000 dazu. Der Branchenverband Bitkom rechnet damit, dass schon in wenigen Jahren weltweit ca. 50 Milliarden Geräte an den Kommunikationsnetzen hängen, die eine unvorstellbare Datenmenge generieren werden. 

„56 Prozent der deutschen Arbeitnehmer haben nur eine vage Vorstellung, was sich hinter den Bezeichnungen Digitalisierung oder Industrie 4.0 verbirgt.“

Der Begriff der Digitalisierung bedeutet zunächst nichts anderes als die Erfassung und Aufbereitung analoger Daten auf einem elektronischen Speichermedium. Diese Möglichkeit ist nicht neu. Sie gibt es wahrnehmbar schon seit vielen Jahrzehnten. Neu ist lediglich die Geschwindigkeit, mit der diese weiterentwickelt wird. Daher beschreibt der Begriff ‚Revolution‘ die Umwälzungen nur unzureichend. Was uns heute als die digitale Welt begegnet, ist vielmehr das Ergebnis einer zum Teil langen Entwicklung, deren einzelne Zyklen allerdings immer kürzer werden.

Das Tempo dieser Entwicklung dürfte auch den ersten wirklich qualitativen Unterschied ausmachen zu anderen großen technologischen Fortschritten in der Vergangen­heit. Während früher die Menschen ein, zwei oder gar noch mehr Generationen Zeit hatten, sich auf die Folgen umwälzender technischer Neuerungen einzustellen – erinnert sei an die Erfindung der Dampfmaschine 1769 und der danach einsetzenden Industriealisierung oder an die Einführung der Fließbandarbeit in der Auto­mobilindustrie ca. hundert Jahre später (von Henry Ford von den amerikanischen Schlachthöfen übernommen), gibt es diese großen Zeitfenster heute nicht mehr. Eine neu installierte Plattform oder eine neu entwickelte App steht praktisch ab sofort jedem weltweit zur Nutzung zur Verfügung. Das macht ihre Folgenabschätzung so schwierig.

Auswirkungen der Digitalisierung

Neben der Geschwindigkeit ist das allumfassende Wirken eine zweite fundamentale Auswirkung der Digitalisierung.

Die Digitalisierung dringt in alle Lebensbereiche des Menschen ein und diese hat sie – um bei den zitierten Beispielen der Navigationsgeräte oder sozialen Medien zu bleiben – bereits voll in seine Lebenswirklichkeit integriert. Damit ist die digitale Technik näher am Menschen als jede andere Technik zuvor.

Die technischen Neuerungen und die Globalisierung der Märkte bedingen und beschleunigen sich gegenseitig. Mit der Globalisierung geht ein zunehmender Kosten- und Wettbewerbsdruck einher und durch die neue Technik rückt die Welt immer mehr zusammen. Digitale Medien erlauben es uns, via Echtzeit von jedem Ort der Welt aus zu kommunizieren. Geographische Entfernungen spielen in der digitalen Welt keine Rolle, nationale Grenzen haben beim weltweiten Daten­verkehr längst ausgedient.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Einschätzung des Präsidenten des Branchenverbands Bitkom – Thorsten Dirks – nachvollziehbar: „Wir erleben derzeit die spannendste, die dichteste Phase, die es in der Wirtschafts- und Technologiegeschichte je gab“ (siehe FAZ 01.07.2015).

Der Kern von Industrie 4.0 besteht darin, kognitive Arbeit und damit auch Nicht-Routinearbeiten zu automatisieren. Frühere Entwicklungen von Maschinen und Arbeitsprozessen hingegen hatten zum Ziel, körperliche Routinearbeiten zu ersetzen. Jetzt geht es schlechthin um eine Neudefinition des Zusammenspiels von Mensch und Maschine mittels Steuerung über das Internet. Die damit erzielten Effiziensteigerungen liegen vor allem zwischen den einzelnen Wertschöpfungs­ketten, also z.B. zwischen Lieferant und Kunde oder zwischen der Entwicklungsabteilung und der Produktion. Der Mensch als in das Geschehen unmittelbar eingreifende Subjekt tritt in den Hintergrund. Ihm kommt – mehr oder weniger – nur noch eine Überwachungsfunktion zu.

„Der Kern von Industrie 4.0 besteht darin, kognitive Arbeit und damit auch Nicht-Routinearbeiten zu automatisieren.“

Dies alles ist keine Vision. In der Arbeitswelt ist die Zukunft zum großen Teil längst Gegenwart, denn die Grundlagen wie Internet, mobile Rechner, Cloud Computing und Big Data-Anwendungen existieren bereits und werden in immer schnelleren Schritten weiter entwickelt.

Digitalisierung verunsichert

Das Tempo der Entwicklung als auch die Auswirkungen verunsichern

Es liegt auf der Hand, dass sowohl das Tempo der Entwicklung als auch die Auswirkungen viele Menschen verunsichern, selbst wenn diese in ihrer Freizeit in der digitalen Welt schon lange angekommen sind. Bezogen auf die Arbeitswelt rechnen Studien aus Amerika damit, dass knapp die Hälfte von ca. 700 Berufen durch die Digitalisierung gefährdet ist und es stehen nach Einschätzung der Autoren keineswegs nur die vermeintlich einfachen Qualifikationen auf der Kippe (vgl. Brynjolfsson/McAffee bzw. Frey/Osborne).

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