Interkulturelle Kompetenz

Interkulturelle Kompetenz ist in aller Munde. In Stellenausschreibungen wird sie oft als Schlüsselqualifikation gefordert. Die wenigsten Menschen wissen jedoch, was sie sich unter dem Begriff vorstellen sollen. Insbesondere international agierende Unternehmen haben verstanden, dass es heutzutage unabdingbar ist, unterschiedliche Kulturen zu verstehen und zu lernen mit ihnen umzugehen. Zudem wird (inter-)kulturelle Kompetenz vor dem Hintergrund temporärer oder langfristiger Migration in den deutschen Arbeitsmarkt immer wichtiger. Die produktive Zusammenarbeit in interkulturellen Teams gelingt nur dann, wenn Mitarbeiter mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen einander besser verstehen.

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Interkulturelle Kompetenz – Definition

Was ist interkulturelle Kompetenz überhaupt? In der wissenschaftlichen Fachliteratur gibt es dazu verschiedene Definitionsansätze und Erklärungen. Im Allgemeinen bezeichnet der Begriff „interkulturelle Kompetenz“ die Fähigkeit zum erfolgreichen Umgang mit Personen anderer kultureller Hintergründe. Dabei geht es einerseits um die Kenntnis von Fremdsprachen und andererseits um die Fertigkeit, respektvoll und verständnisvoll mit Menschen aus anderen Kulturen umzugehen.

Das lateinische Wort „inter“ bedeutet „zwischen“, wortwörtlich bedeutet „interkulturell“ folglich „zwischen den Kulturen“. Daneben gibt es das Konzept der Transkulturalität. Hier geht man davon aus, dass Kulturen infolge der Globalisierung zunehmend enger miteinander vernetzt sind. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Kulturen verlaufen mittlerweile fließend.

Angestellte im Tourismus und der Gastronomie haben regelmäßig mit Kunden aus anderen Kulturkreisen zu tun. Dafür braucht es nicht nur Fremdsprachenkenntnisse, sondern vielmehr Einfühlungsvermögen und Verständnis für das Gegenüber. Mitarbeiter des Handels sehen sich ebenso mit Situationen konfrontiert, in denen interkulturelle Kommunikation gefragt ist. Wussten Sie beispielsweise, dass ein Nicken in Bulgarien „nein“ und Kopfschütteln „ja“ bedeutet? Oder war Ihnen bewusst, dass die linke Hand im arabischen Raum als unrein gilt und in China ein Händedruck möglichst sanft sein sollte? Interkulturelle Kompetenz geht weit über die verbale Kommunikation hinaus und betrifft Menschen in beinahe allen Arbeitsbereichen.

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Was ist Kultur?

Spricht man über interkulturelle Kompetenz, begegnet man immer wieder dem Begriff der „Kultur“. Was ist Kultur, was bedeutet Kultur und was gehört zur Kultur?

Eine Definition besagt, dass Kultur alles ist, was von Menschen gemacht oder geschaffen wurde. Wenn wir über Inter- oder Transkulturalität sprechen, reden wir oft von einem „breiten“ Kulturbegriff. Das bedeutet, dass Kultur als eine Art System verstanden wird, das festlegt, wie wir unsere Welt wahrnehmen, wie wir Dinge beurteilen und wie wir handeln. Diese Regeln und Prinzipien, die innerhalb einer kulturellen Gemeinschaft gelten, nennt man „Kulturelle Standardisierung“. Die kulturelle Standardisierung dient vor allem der Vereinfachung komplexer Sachverhalte. Sie lässt sich in unterschiedlichen Bereichen des Alltagslebens beobachten

So ist Lächeln beispielsweise in Deutschland Ausdruck von Wohlwollen und Fröhlichkeit. In Japan ist es Teil der Etikette. Schmerz und Trauer werden hingegen nicht in der Öffentlichkeit gezeigt, um sein Gegenüber nicht damit zu belasten.

Kulturen im Wandel

Kultur ist kein starres Konzept. Seit einigen Jahrzehnten unterliegen die Kulturen auf der Welt einem enormen Wandel. Durch Globalisierung und Migration kommt es zu einer zunehmenden Verschmelzung der Kulturen miteinander, Standards und Wertvorstellungen vermischen sich. Bei Kulturen handelt es sich nicht mehr um einheitliche Gebilde. Sie beeinflussen und durchdringen einander. Diese Entwicklung nennt man auch „Transkulturalität“. Transkulturalität macht interkulturelle Kommunikation einfacher. Sie sorgt dafür, dass wir auf natürliche Weise interkulturelle Kompetenz erwerben.

Mann und Frau am Arbeiten an der Rezeption
Mann und Frau am Arbeiten an der Rezeption
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Warum ist das Thema wichtig?

Transkulturalität und interkulturelle Kommunikation sind aus der heutigen Arbeitswelt kaum wegzudenken. Je diverser und vielfältiger die Gesellschaft wird, umso wichtiger ist es, dass Unternehmen den interkulturellen Kompetenzerwerb fördern.

Wenn Menschen unterschiedlicher kultureller Backgrounds zusammenarbeiten, lassen sich interkulturelle Konflikte am Arbeitsplatz nicht gänzlich vermeiden. Das Problem ist oftmals, dass viele Menschen ihre eigenen kulturell geprägten Wertvorstellungen und Handlungsmuster als Maßstab aller Dinge betrachten. Dieser Umstand erschwert die Zusammenarbeit in interkulturellen Teams und führt auch auf Geschäftsreisen zu Schwierigkeiten. Darüber hinaus herrschen bei vielen Menschen bewusste oder unbewusste Vorurteile gegenüber anderen Kulturen vor. 

In Betrieben, die interkulturelle Kompetenz fördern, arbeiten die Mitglieder der interkulturellen Teams nachweislich kreativer und lösungsorientierter. Daher ist es im Sinne der Arbeitgeber, wenn Sie diese Fähigkeit zum Beispiel durch Schulungen im Team verbessern.

Temporäre Zuwanderung vs. internationale Unternehmen

In Deutschland lassen sich vor allem zwei Kontexte in der Arbeitswelt beobachten, in denen interkulturelle Kompetenz eine wesentliche Rolle spielt. Zum einen gibt es zahlreiche international agierende Unternehmen, die hierzulande Standorte aufgebaut haben und auf internationale Teams setzen. Die Arbeitssprache ist in diesen Betrieben oftmals Englisch. 

Zum anderen versuchen Politik und Wirtschaft den hiesigen Fachkräftemangel durch Zuwanderung zu lösen. Bestimmte Branchen, wie beispielsweise die Pflege, sind massiv auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. In der Krankenpflege waren laut dem Institut der deutschen Wirtschaft 2020 insgesamt 26.000 Menschen beschäftigt, die aus Ländern außerhalb der EU stammen, 12.000 weitere in der Altenpflege. 

Je nach Rahmenbedingungen bringen interkulturelle Teams Vor- und Nachteile mit sich. Als nachteilig empfunden werden im Zuge der interkulturellen Kommunikation insbesondere die sprachlichen Barrieren. 

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Chancen und Herausforderungen

Unternehmen bieten Inter- und Transkulturalität vor allem viele Möglichkeiten. Die Chancen, durch internationales Marketing bzw. interkulturelles Marketing neue Märkte zu erschließen, sind enorm. Ebenso profitieren Betriebe von den unterschiedlichen Kompetenzen, die Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen mitbringen. Auf der anderen Seite stehen Unternehmen vor der Herausforderung, interkulturelle Missverständnisse zu vermeiden.

Interkulturelle Konflikte

In Deutschland gibt es beispielsweise immer wieder Missverständnisse, wenn es um das Thema Zeit geht. In den sogenannten „monochronen“ Kulturen wie der deutschen oder niederländischen wird auf eine strenge Zeiteinteilung geachtet. „Polychrone Kulturen“ wie die romanischen und die US-amerikanische hingegen setzen auf eine flexible Einteilung der Zeit. Diese unterschiedlichen Auffassungen von Zeit haben beispielsweise in deutsch-französischen Unternehmen in der Vergangenheit nachweislich zu interkulturellen Missverständnissen geführt.

Bei der Teamarbeit lassen sich vier unterschiedliche Konfliktfelder beobachten:

  • Interkulturelle Zielkonflikte: Die Mitglieder des interkulturellen Teams verfolgen in der Zusammenarbeit unterschiedliche Ziele. Wenn beispielsweise die Kundenzufriedenheit einen hohen Stellenwert in der Kultur eines Teampartners hat, wird dies sein Ziel sein, während in der Kultur seines Kollegen vor allem die Umsatzzahlen zählen. Diese Konflikte treten zumeist zu Beginn der Teamarbeit auf.
  • Interkulturelle Beurteilungskonflikte: Das gemeinsame Ziel ist klar, jedoch streiten die Teammitglieder darüber, mit welchen Methoden sie dieses erreichen.
  • Interkulturelle Verteilungskonflikte: Wenn bestimmte Ressourcen knapp sind, kommt es zu Verteilungskonflikten. So können beispielsweise zwei Teams um ein Budget konkurrieren. Hier kommt es vor allem dann zum Konflikt, wenn es darum geht, wie solche Entscheidungen normalerweise in den einzelnen Kulturen getroffen werden: Manche Teammitglieder erwarten, dass die Führungskraft entscheidet, während andere Kollegen selbst über die Verteilung argumentieren möchten.
  • Interkulturelle Beziehungskonflikte: Beziehungskonflikte treten dann auf, wenn Menschen mit unterschiedlichen Normen und Wertvorstellungen aufeinandertreffen. Zum Beispiel kann es zu Beziehungskonflikten kommen, wenn in einer Kultur traditionelle Geschlechterrollen betont werden, während in einer anderen Kultur mehr Gleichberechtigung erwartet wird.

Die meisten interkulturellen Missverständnisse beruhen auf Beziehungskonflikten. Eine Teamleitung mit hoher interkultureller Kompetenz kann in der Regel in Zusammenarbeit mit dem Team interkulturelle Konflikte lösen. Langfristig werden Teams oft sogar durch überwundene Herausforderungen gestärkt.

Transkulturalität in Unternehmen als Chance

Transkulturalität bringt natürlich nicht nur Konflikte in der interkulturellen Kommunikation mit sich. Vor allem betrachten sie viele Unternehmen mittlerweile als Chance. Wer als Unternehmen international Fuß fassen möchte, ist auf das Know-how einer internationalen Belegschaft angewiesen. Die interkulturelle Teamarbeit fördert außerdem die Kreativität. Zudem sind viele Firmen in Zeiten von Fachkräftemangel auf Arbeitskräfte vieler verschiedener Nationen angewiesen.

Interkulturelle Kompetenz und Transkulturalität im Marketing

Früher expandierten in erster Linie große Konzerne ins Ausland. Bedingt durch die Digitalisierung bewerben und verkaufen mittlerweile selbst Kleinunternehmer ihre Produkte und Dienstleistungen in anderen Ländern. Ebenso wagen viele mittelständische Unternehmen den Schritt in Richtung Ausland. Wesentlich für das Erschließen dieser neuen Märkte ist ein ausgeklügeltes internationales Marketing. Tatsächlich ist interkulturelles Marketing im digitalen Zeitalter besonders wichtig.

Beim Entwickeln von Strategien für interkulturelles Marketing stehen die folgenden Überlegungen im Vordergrund:

  • Wer trifft im jeweiligen Land (Kauf-)Entscheidungen?
  • Wie sehen die Lebensumstände der Zielgruppe im jeweiligen Land aus?
  • Welche Art von Mentalität herrscht dort vor? Handelt es sich eher um eine DIY-Mentalität oder eine Service-Mentalität?

Internationales Marketing erfordert nicht nur Mitarbeiter mit hoher interkultureller Kompetenz. Meistens sind transkulturelle Teams gefragt, deren Mitglieder in den jeweiligen Ländern aufgewachsen sind und ein tiefes Verständnis für die Kultur vor Ort besitzen. Es reicht nicht aus, Marketing-Materialien in andere Sprachen zu übersetzen. Im internationalen Marketing sind vollständige Lokalisierungen, also das Anpassen der Inhalte an den jeweiligen Zielmarkt, erforderlich.

Mann und Frau auf Barhockern am sprechen
Mann und Frau auf Barhockern am sprechen
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Interkulturelle Kompetenz aufbauen

Interkulturelle Kommunikation ist in den meisten Berufen notwendig. Deshalb betrachten viele Personaler interkulturelle Kompetenz heute als zentrale Schlüsselqualifikation. Wer in dieser Hinsicht bei Arbeitgebern punkten möchte, sollte deshalb diese Fähigkeit verbessern. Es gibt viele Wege, wie Sie Ihre interkulturelle Kompetenz fördern können:

Bewusstsein über eigene „Kultur“ und Werte

Kulturelle Selbstreflexion ist ein wichtiger Bestandteil der interkulturellen Kompetenz. Machen Sie sich selbst bewusst, welche Ihrer Überzeugungen und Werte auf Ihrer kulturellen Prägung beruhen. Hinterfragen Sie eigene Verhaltensweisen und beobachten Sie Ihr Gegenüber im Zuge der Interaktion. Wie kommt es, dass Sie bestimmte Dinge als normal ansehen? Denken Sie, dass andere Menschen das ebenfalls so sehen wie Sie? Überlegen Sie, inwiefern sich Ihr Verhalten und Ihre Vorstellungen davon unterscheiden.

Offenheit

Interkulturelle Kommunikation erfordert stets ein hohes Maß an Offenheit. Die Devise lautet hierbei: Beobachten statt Bewerten. Seien Sie neugierig und achten Sie auf die Verhaltensweisen anderer Menschen. Lösen Sie sich von bestehenden Vorurteilen und begegnen Sie allen Menschen, unabhängig vom vermeintlichen kulturellen Hintergrund, offen und freundlich.

Interkulturelle Kommunikation

Meistens erfordert interkulturelle Kommunikation mehr als nur Fremdsprachenkenntnisse. Am besten kann man diese interkulturelle Kompetenz lernen, indem man wiederholt mit Menschen aus anderen Kulturen interagiert. Für eine gelungene interkulturelle Kommunikation beachten Sie folgende Tipps.

  • Gute Vorbereitung: Wenn Sie beispielsweise eine Geschäftsreise nach Japan, Brasilien oder Südkorea antreten, informieren Sie sich vorab über die gesellschaftlichen Gepflogenheiten vor Ort. Klassische Landesführer sind ebenso hilfreich wie YouTube-Videos.
  • Sprachkenntnisse erwerben: Beim Erlernen der Sprache erwerben Sie ein tieferes Verständnis für die Kultur und die Denkweise der Menschen im Land.
  • Beobachten und Fragen stellen: Wenn Sie eine gewisse Verhaltensweise nicht verstehen, fragen Sie einfach direkt nach. Oftmals reagiert Ihr Gegenüber erfreut, weil Sie Interesse zeigen.
  • Stereotype ausblenden: Überwinden Sie sämtliche Vorurteile und machen Sie sich selbst ein Bild von der jeweiligen Kultur.

Wenn Sie die genannten Punkte berücksichtigen, reduzieren Sie das Risiko für interkulturelle Missverständnisse und machen es sich selbst leichter.

Coachings und Seminare

Bereits in zahlreichen Unternehmen finden heutzutage Diversity-Schulungen und Interkulturelle-Kompetenz-Trainings statt. Nutzen Sie diese Gelegenheiten unbedingt, um Ihre interkulturelle Handlungskompetenz und interkulturelle Kommunikation zu verbessern.

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Fragen und Antworten

Hier finden Sie die häufigsten Fragen zum Thema Interkulturelle Kompetenz: