Firmen und Behörden werben auf Karrieremessen für ihre Stellenangebote und gehen direkt an Hochschulen, um Studierende frühzeitig für sich zu gewinnen. Offenbar mit Erfolg.

„Als eines der führenden Recyclingunternehmen weltweit sind wir immer auf der Suche nach qualifizierten Nachwuchskräften – sei es für Praktika, Werkstudenten-Stellen oder den Direkteinstieg. Die beste Möglichkeit, hier fündig zu werden, ist mit den Studierenden direkt in Kontakt zu treten“, sagt Vivien Kreipe, Referentin für Personalmarketing/Nachwuchs der Alba Group. Das Unternehmen förderte die Career Week 2017 an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin und schickte wie Securitas, Leonhardt Rattunde, die Berliner Sparkasse, der Bundesnachrichtendienst und verschiedene Senatsverwaltungen Personalverantwortliche zur Karrierewoche im November. Sie sollten den Studierenden Berufsperspektiven nach dem Studium aufzeigen, Berufsfelder vorstellen sowie über Karrierechancen und Erwartungshaltungen auf beiden Seiten diskutieren.

Persönlichkeit zählt immer mehr

Suchen Arbeitgeber eher nach dem Typ eierlegende kosmopolitische Wollmilchsau oder den Nerd, der die Digitalisierung noch im Schlaf buchstabieren kann, versuchte bei einer der Podiumsdiskussionen ein Student Klarheit über Recruitingstrategien zu gewinnen. Die Personalleiterin der Messe Berlin GmbH, Dr. Julia Borggräfe, erklärte, dass Fachkompetenz und sichere Fremdsprachenkenntnisse zwar weiter vorausgesetzt würden, die Persönlichkeit der Bewerberin oder des Bewerbers letztlich das ausschlaggebende Einstellungskriterium sei. Von Seiten der DB Systel wurde auf die steigende Bedeutung der Unternehmenskultur verwiesen sowie auf eine dynamische und motivierende Atmosphäre und flexible Arbeitsstrukturen mit flachen Hierarchien, ohne die ein Unternehmen für Fachkräfte nicht mehr interessant sei und sich nicht mehr erfolgreich am Markt behaupten könne. Dafür brauche es Menschen mit ausgeprägter Sozialkompetenz, Teamplayer, die andere motivieren können und selbst bereit seien, ständig dazuzulernen.

Chancen auch bei Start-ups

Wenngleich von Bewerbern oder Arbeitnehmern viel Flexibilität erwartet wird, tun sich noch nicht alle Unternehmen leicht mit modernen Arbeitszeitmodellen. Home Office, Job Sharing oder Sabbaticals zum Beispiel für einen längeren Auslandsaufenthalt sind vielfach noch Fremdworte. Das schlägt sich in den Augen mancher Bewerber negativ bei der Arbeitgeberattraktivität nieder. Auch das wurde bei den Veranstaltungen in der Career Week 2017 an der HWR Berlin deutlich. Da kamen Fragen zu Start-ups auf, die sich so ähnlich auch bei weniger bekannten Firmen stellen: Haben beispielsweise junge Studierende mit Kind überhaupt eine Chance und können sie den Arbeitsalltag dort bewältigen? Florian Nöll, Vorstandvorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Startups e. V. verwies darauf, dass die Startup-Szene vielfältig sei, riet den Eltern unter den Studierenden jedoch, sich ein Startup auszusuchen, das selbst schon „in der Kita oder Schule“ sei, also nicht mehr ganz am Anfang stünde.

Bachelor – oder was?

Was die Idealqualifikation angeht: Nicht immer ist offenbar ein Masterabschluss nötig, um beruflich ein- und aufzusteigen. Vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen wie der Fit Analytics haben Berufsstarter schnelle Aufstiegsmöglichkeiten, stellte Steffen Poralla, Head of Operations, den künftigen Bachelor-Inhabern in Aussicht. Das Berliner Startup zur Vermarktung und Entwicklung datengetriebener Online-Größenberater unterhält inzwischen zusätzliche Büros in San Francisco und Prag. Auch für internationale Konzerne ist Berufserfahrung wichtiger als der Master-Titel. Jody Fendes, Referentin für Personalcontrolling bei Coca Cola European Partners Deutschland und Alumna der HWR Berlin, empfahl ein Praktikum als „soften Einstieg ins Unternehmen“, aber nicht erst kurz vor oder gar nach Ende des Studiums.

Aufwand muss sich für Arbeitgeber lohnen

Roxana Junczyk, HR/Recruiting für Führungskräfte bei der BVG, riet künftigen Berufseinsteigern, sich unbedingt frühzeitig beruflich ausprobieren. Wichtig für die Entscheidung über die ersten Schritte in der eigenen Karriereplanung sei zu wissen, was man nicht möchte im Berufsleben. Hier bestehe auch eine gewisse Erwartungshaltung seitens der Arbeitgeber. Unternehmen und öffentliche Einrichtungen betrieben einen großen Aufwand, um qualifiziertes und motiviertes Personal zu gewinnen und zu halten und erwarten im Gegenzug engagierte Bewerber mit ausgeprägter Sozialkompetenz sowie Teamplayer, die andere beflügeln können und selbst bereit sind, ständig dazuzulernen.