Arbeitszeitmodelle? Diese Klinik hat 250 zur Wahl.

1. April 2017

Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) macht sich viele Gedanken um die flexible Arbeitszeitgestaltung. Michael van Loo, Geschäftsbereichsleiter Personal, Recht & Organisation und stellv. Kaufmännischer Direktor, erklärt, wie es dazu kommt und wie es funktioniert.

  • Je vielfältiger die Beschäftigungsmodelle in einem Unternehmen, desto mehr Möglichkeiten bestehen für flexible Arbeitszeiten
  • Selbst im komplexen Klinikbetrieb sind – vor allem bei der Teilzeit – die Gestaltungsmöglichkeiten zugunsten der Arbeitnehmer groß
  • Geeignete Modelle werden auf Anfrage und in Abstimmung mit dem Team entwickelt und gestaltet

Medien berichten von „250 Arbeitszeitmodellen“, die das UKE anbietet. Wie kommt diese hohe Zahl zustande?

Van Loo: Das mit den „über 250“ kam ja so: Eine hartnäckige Journalistin wollte unbedingt „eine Zahl“; da habe ich überschlagen und gesagt, dass wir im Konzern sicher über 250 Modelle vorhalten. Das ist natürlich ein Stück weit auch der Größe unseres Konzerns und der Vielzahl von Organisationseinheiten geschuldet. So haben wir z.B. Bereiche außerhalb von Pflege/Medizin, in denen wir mit Gleitzeit arbeiten. Sprich: Rund um eine Kernarbeitszeit ist „alles erlaubt“. Da kommen schon einmal sehr viele Modelle zusammen. Dazu die Bereiche 24/7, in denen wir neben "Standardschichten" (üblicherweise drei binnen 24 Stunden) auch Modelle 2x12 anbieten. Dann Bereiche mit Rufdiensten und wenige mit Bereitschaftsdiensten. Auch bieten wir verschiedene Varianten von Home Office an, etwa im administrativen, wissenschaftlichen, aber auch patientenversorgenden Bereich bei der Dienstplanung oder der Telemedizin.

Lässt sich das managen?

Van Loo: An sich wird es aber ja erst spannend und herausfordernd, wenn man es schafft, individuelle Bedürfnisse in Dienstplänen zu berücksichtigen, ohne dass der Betrieb, am Ende der Patient, leidet. Hier bieten wir tatsächlich eine Vielzahl an Modellen an: Wir bieten Teilzeit von einer Stunde bis zur Vollzeit wöchentlich an. Hier versuchen wir, möglich zu machen, was geht... also beispielsweise auch Modelle, in denen Beschäftigte drei Stunden täglich mit Abweichungen plus-minus zu Arbeitsspitzen eingesetzt werden können.

Hatten Sie Vorbilder - anregende oder abschreckende?

Van Loo: Nein, weder noch. Wir schauen ab und an aber schon gerne in die freie Wirtschaft, zum Beispiel in das produzierende Gewerbe. Aus der Automobilbranche etwa kann man durchaus flexiblen Umgang mit Arbeitszeit abschauen...

Wer hat diese Modelle in welchem Verfahren entwickelt?

Van Loo: Die genannten "Standardmodelle" sind großteils auf Intention des Arbeitgebers, teils in Arbeitsgruppen mit den Beschäftigten, teils unter Begleitung arbeitswissenschaftlicher Expertise und letztendlich über Kollektivvereinbarungen entstanden. Die individuellen Modelle sind immer von der Flexibilität und Bereitschaft der verantwortlichen Führungskraft abhängig - im Rahmen des betrieblich Möglichen/Machbaren.

Wie werden sie dokumentiert und gepflegt?

Van Loo: Wir nutzen eine Dienstplansoftware.

Ist der organisatorische Aufwand nicht sehr hoch und teuer?

Van Loo: Nein, die Modelle werden ja nicht täglich geändert. Und: Einmal eingerichtete Modelle verbleiben im System und dienen eher als Inspiration zum "Kopieren" für die ein oder andere Führungskraft.

Welche Rückwirkungen haben diese Modelle in die Organisation, auf Führung und Kollaboration - positiv wie negativ?

Van Loo: Jegliche Flexibilität soll in eine „win-win-win" Situation münden. Für die Beschäftigten mit ihren persönlichen Work-Life-Balance-Bedürfnissen, für Führungskräfte um eine motivierte(re?) und verlässliche Erledigung des Jobs zu erreichen und für unser Unternehmen ebenso.

Welche Rolle spielt das Gerechtigkeitsgefühl der Mitarbeiter, wenn evtl. andere ein attraktiveres Modell nutzen können?

Van Loo: Da gilt das Gleiche, wie gerade gesagt. Ergänzend sei hinzugefügt: „Attraktiver" ist ja subjektiv. Was für den einen attraktiv ist – zum Beispiel nur nachts zu arbeiten – muss für den anderen nicht ebenfalls attraktiv sein. Außerdem sind die besonders vom Standard abweichenden Modelle wie eine Arbeitszeit von drei Stunden täglich mit Teilzeit verbunden, sodass sie für annähernd oder ganz Vollzeitbeschäftigte gar nicht in Frage kommen.

Führt eine solche Strategie nicht am Ende dazu, dass jeder Mitarbeiter sein eigenes Arbeitszeitmodell entwickeln kann?

Van Loo: In administrativen Bereichen ist das prinzipiell gut denkbar. Im patientennahen Bereich dagegen geht das sicherlich nicht; der Betrieb, gerade in einer Klinik, ist immer vorrangig zu betrachten. Grundsätzlich gilt: „Das Ziel ist entscheidend.“ Dafür sollten die Möglichkeiten, die es gibt, kreativ genutzt werden.

Ist ein Unternehmen der Gesundheitsbranche mit ausgeprägten Mensch-zu-Mensch-Prozessen für ein solches Vorgehen prädestiniert?

Van Loo: Ausgehend von den gerade genannten Einschränkungen wohl eher nicht. Aber, wie gesagt: Solange die Patientenversorgung qualitativ nicht leidet, sollte der Wille aufgebracht werden, Wege zur flexiblen Gestaltung zu suchen und zu gehen. Und: Es gibt mehr Varianten, als viele Kollegen mit dem Argument 24/7 voreilig abtun...

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