"Beten und arbeiten – geht das zusammen?"

13. April 2016

Benediktinermönche praktizieren „Ora et Labora“, Gebet und Arbeit. In Unternehmen braucht der Umgang mit Religion klare Regeln – und die Bereitschaft zu Toleranz und Kompromissen auf beiden Seiten.

  • Unternehmen brauchen innerhalb ihres Wertekanons „Leitplanken“ für den Umgang mit Religion.
  • Neben kulturellen Unterschieden gilt es auch Fragen der persönlichen Belastbarkeit und der Arbeitssicherheit zu berücksichtigen.
  • Das Allgemeine Gleichbehandlungs-Gesetz (AGG) spielt eine Schlüsselrolle bei allen Maßnahmen des Arbeitgebers.

Die Amerikaner haben es sich einfach gemacht. In deren Feiertagskalender gibt es nur einen, der religiösen Ursprungs ist: der 25. Dezember, Christmas. Alle anderen haben einen historischen Ursprung oder lassen sich nicht eindeutig einer Quelle zuordnen. Damit brauchen sich Unternehmen in den USA auch keine Gedanken zu machen, welche ihrer Mitarbeiter unterschiedlicher Religionszugehörigkeit einen freien Tag beanspruchen dürfen: keiner. Wer seinem Glauben nachgehen möchte, investiert einen Urlaubstag.

Unterschiedlicher Stellenwert der Religion

Nichtsdestoweniger spielt der Umgang mit individuellen Glaubensfragen an vielerlei Stellen in den betrieblichen Alltag hinein. Koschere Mahlzeiten in Kantinen oder auf Geschäftsreisen gelten als berechtigter Anspruch. Grundsätzlich genießt auch der Sonntag einen privilegierten Status als weitgehend arbeitsfreier Tag. Gleichwohl lernen Unternehmen jenseits des Atlantik damit umzugehen, dass bei ihrem Abschöpfen des globalen Talentemarkts auch Mitarbeiter ins Netz geraten, für die Religiosität einen anderen Stellenwert genießt als bei heimischen Kräften.

Rücksicht auf Feiertage und Fastenzeit

Auch wenn es mitunter organisatorisch nicht einfach ist: Die Dinge schleifen sich ein. Ähnlich verhält es sich in Deutschland und Europa, wo der kalendarisch bewegliche islamische Fastenmonat Ramadan längst in die Prozess- und Personalplanung der Unternehmen hineinspielt. Auch mit dem muslimischen Gebetstag am Freitag haben die Personalabteilungen in den meisten Firmen umzugehen gelernt. Wobei sich jene etwas leichter tun, in denen Gleitzeit und Zeitkonten organisatorischer Standard sind.

AGG wirkt nach innen wie nach außen

Gleichwohl kommt kein Unternehmen darum herum, für das Thema „Umgang mit Religion“ Regeln aufzustellen. Denn das Allgemeine Gleichbehandlungs-Gesetz (AGG) fordert ja nicht nur den Schutz vor Diskriminierung nach außen, sondern auch nach innen. Sprich: Firmen haben sich schützend vor ihre Mitarbeiter zu stellen, sollten diese durch Kollegen oder Kunden wegen ihres Glaubens angegangen werden. Diese Verpflichtung bezieht sich auch auf den Datenschutz; Angaben in der Personalakte von Mitarbeitern über ihre Religionszugehörigkeit sind absolut vertraulich.

Ausrichten am Wertegefüge des Unternehmens

Bewährt haben sich „Leitplanken“ für ein respektvolles Miteinander aller Mitarbeiter – über religiöse Aspekte hinaus. Diese sollten sich in den Wertekanon eines jeden Unternehmens nahtlos einfügen lassen. Gelingt dies nicht, hat das Unternehmen größere Probleme zu bewältigen als das Miteinander der Religionen. Gewarnt wird andererseits von Praktikern vor falsch verstandener Gleichmacherei oder, theologisch formuliert, „Ökumene“. So finden sich immer wieder Beispiele für das Scheitern überkonfessioneller Gebetsräume, weil manche Religionen ohne feste Symbole praktizierbar sind, andere nicht.

Sicherheit geht vor Glaubensfreiheit

Grenzen der freien Religionsausübung finden sich dort, wo Fragen von Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit berührt sind. Regelmäßige Gebetspausen etwa müssen Arbeitgeber nur tolerieren, wenn sie betriebliche Abläufe nicht signifikant einschränken – das sehen Arbeitsgerichte ähnlich wie bei Raucherpausen. Strenger sind versicherungsrechtliche Aspekte gefasst: Bestehen bei fastenden Mitarbeitern zum Beispiel mangelnde körperliche Fitness oder eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit, sind sie für das Führen von Maschinen oder Fahrzeugen kaum einsetzbar. Auch Kleidung, die nicht maschinensicher ist, macht bestimmte Einsätze unmöglich.

Fürsorge bei Auslandsentsendung

Unterstützung bei der Ausübung bzw. beim Schutz ihres Glaubens dürfen Arbeitnehmer in gewissem Umfang auch erwarten, wenn ihr Arbeitgeber sie ins Ausland entsendet. Hier greift die allgemeine Fürsorgepflicht im Arbeitsverhältnis. In der Regel wird es auch hier zu einem gemeinsam erarbeiteten Kompromiss kommen.

Tendenzbetriebe haben eigene Regeln

Einen Sonderfall stellen in Deutschland die sogenannten Tendenzbetriebe dar, also Unternehmen in kirchlicher Trägerschaft. Sie dürfen von ihren Mitarbeitern in bestimmten Umfang Verhalten und Lebensführung erwarten, die im Einklang mit den Regeln des Glaubens stehen. Obwohl in Reich– und Tragweite mitunter umstritten, ist dieser Tendenzschutz bislang nicht in Frage gestellt.

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