Bewerbungen zum Fest der Liebe

7. Dezember 2015

„Ich hol noch schnell die Gans vom Metzger, in Ordnung?“, fragte Frank seine Frau. Lisa wandte ihm den Rücken zu, da sie den Christbaum schmückte. „Ja, gerne!“, rief sie nun über die Schulter. „Solange du nicht auf dem Weg in deinem Chefsessel kleben bleibst …“

Eine Weihnachtsgeschichte von Petra Plaum

Frank zuckte zusammen. Ertappt! Zog es ihn doch alle Jahre wieder am Heiligabend an seinen Schreibtisch. Aber diesmal würden es wirklich nur zehn Minuten sein.

Das Bürohaus war festlich dekoriert, aber menschenleer. Dass seine Anwesenheit Sinn machte, wusste Frank, sobald er den Großbrief geöffnet hatte, der neu in der Post lag. Er enthielt eine Bewerbungsmappe und kam von Jens. Jens war einer von Franks Lieblingskollegen und zurzeit für den Nahen Osten zuständig. „Habt ihr Bedarf an einer Mediatorin? Ich hätte hier eine kompetente, sympathische Bewerberin in den besten Jahren“, schrieb er. „Sprachbegabt und mit hohem EQ.“ – „Hmmm, und der IQ?“, brummte Frank. „Wie wohl die Zeugnisse sind?“ Er las den Lebenslauf und konnte es kaum glauben: Jens wollte ihm eine Mitarbeiterin ohne Schulabschluss unterjubeln! Von Ausbildungen und Diplomen stand da auch nichts. Dafür immer wieder: „Erziehungsjahr“. Unter Berufserfahrung verstand sie offenbar landwirtschaftliche und kirchliche Tätigkeiten. Von jahrelanger Flucht war die Rede und von vielen Umzügen – das sprach für eine hohe Belastbarkeit. Aber ihr Alter und die große Familie waren definitiv ein Minus. Ein Foto lag nicht bei.

„Das wird nichts“, entschied Frank intuitiv, „Jens‘ großes Herz hin oder her.“ Allerdings, zur Weihnacht eine Absage zu verschicken, erschien ihm unmenschlich. „Am 27. ist es früh genug“, befand Frank. Nun wandte er sich den Mails zu. Eine war als „dringlich“ gekennzeichnet und stammte von Aimi, zuständig für den Raum Asien. Auch der Mail hingen eine Empfehlung und die Kurzvita eines Bewerbers an. „Na also, schon besser“, freute sich Frank beim Lesen. „Anfang 30, Internatsjahre in der Schweiz, gute Noten im Studium. Ein Sportfan. Früh Verantwortung getragen. Da bleiben zwar ein paar Fragen offen – aber Aimi wird mir gleich verraten, was genau er bisher gemacht hat.“ Sofort rief er die Kollegin und Freundin an, doch sie hatte ihr Büro schon verlassen. „Ruf mich zurück, deinen Bewerber würde ich gern einladen“, sprach er auf die Mailbox. „Und du weißt ja, was wir hier heute feiern: Gesegnete Weihnachtstage!“

Er legte auf. Jetzt noch rasch die Aktienkurse studieren … da vibrierte Franks Handy. Eine SMS von Lina. Vier Buchstaben ließen ihn eilig sein Büro verlassen: G.A.N.S. Er erreichte die Metzgerei gerade noch rechtzeitig

Der Rest von Heiligabend verlief wie erhofft. Als die Kinder schliefen und Frank und seine Frau auf dem Sofa saßen, fielen ihm die Bewerbungen wieder ein. „Stell dir vor, Lisa“, sagte Frank, „da hat der Jens mir heute eine Mitarbeiterin empfohlen – du glaubst es nicht. Ein halbes Dutzend Kinder. Kein Schulabschluss. Und er meint, sie passe in eine verantwortliche Position! Wie kommt er auf die Schnapsidee?“

„Mit vielen Kindern hat sie Nerven wie Stahl“, fiel Lisa ein. „Und wenn eins krank wird?“, konterte Frank. „Oder sie selbst? Dann zahlen wir und zahlen … Gleich am 27. schicke ich Jens die Absage. Zum Glück gab es noch einen Bewerber. Aimi mailte mir seinen Lebenslauf. Anfang 30, studiert, weltgewandt, Führungserfahrung. Der passt zu uns.“

„Wenn du meinst“, entgegnete Lisa und schickte hinterher: „Hast du Fotos gesehen?“

„Leider noch nicht. Aber das lässt sich nachholen.“

Da nahm Lisas Gesicht einen Ausdruck an, als trage sie den ersten Vornamen Mona. Sie erhob sich, ging zum Schrank und holte etwas aus einer Schublade. „Ich muss dir etwas gestehen“, flüsterte sie, als sie wieder neben Frank saß, etwas zwischen den Händen verbergend. „Mir war schon klar, dass du heute arbeiten würdest. Und zurzeit wirkst du allzu überzeugt von dir und deiner Intuition, was Bewerber angeht. So kam mir diese Idee. Jens und Aimi fanden sie prima. Und deswegen haben wir drei dir diese zwei Bewerber unter den Christbaum gelegt.“

Frank japste nach Luft, als Lisa die Hände öffnete und ihm ein Gemälde der heiligen Jungfrau Maria zeigte. „Sie“, erläuterte seine Frau, „wird von dir eine Absage erhalten. Und ihn“ – sie drückte ihm ein kleines Zeitungsfoto in die Hand – „willst du zum Vorstellungsgespräch einladen.“ Frank stöhnte. Auf dem Bild war das Konterfei des nordkoreanischen Diktators. „Zeit für ein paar Tage Urlaub, oder?“, fragte Lisa sanft. Frank widersprach ihr nicht.

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