Darf Arbeit Spaß machen?

30. Oktober 2014

Dieser Faktor steht in keinem ERP-Programm und er lässt sich auch kaum als Prozess-Schritt definieren. Dennoch gehört „Spaß an der Arbeit“ zu den produktivsten Angeboten, zu denen ein Unternehmen fähig sein sollte. Ein Kommentar von Ulrich Pfaffenberger.

Schorsch, mein Physiotherapeut, hat sichtlich Freude daran, wenn er mich in die Finger bekommt. Er lächelt bei der Begrüßung, er gibt heitere Kommentare während der Behandlung zum Besten, er verabschiedet sich herzlich von mir. Wer weiß, wie schmerzhaft ein Daumen sein kann, der sich in einen verspannten Muskel hineinbohrt, könnte Schorsch unterstellen, er habe Spaß daran, andere zu quälen. Ich weiß es besser: Schorsch hat Spaß daran, andere wieder beweglich zu machen. Wenn ich aufstehe und signalisiere, dass ich mich schon besser fühle – da strahlt er.

Helene, unsere Nachbarin, hat vor kurzem den Arbeitgeber gewechselt. Sie arbeitet im Vertrieb eines Investitionsgüterherstellers. Beim alten Arbeitgeber hatte sie auf ihren Kundenbesuchen immer einen Laptop dabei. Standardausführung, zweckmäßig, robust. In der neuen Firma zeigt sie ihren Kunden die Produkte auf einem Tablet. Das ist nicht nur leichter, die Arbeit damit macht ihr, wie sie uns übern Gartenzaun erzählt hat, „wieder richtig Spaß – vor allem, weil’s auch den Kunden Spaß macht, da reinzuschauen“.

Konrad, ein alter Schulfreund, hat eine Schreinerei. Weil er oft mehrfach am Tag die Baustelle wechselt und lange Strecken fahren muss, hat er sich ein ziemlich komfortables, großes Auto gekauft, damit er „wenn ich schon fahren muss, wenigstens gut fahren kann“. Unlängst hat er das Fahrzeug für einen Tag einem Gesellen zur Verfügung gestellt, der an seiner Stelle die Baustellen abklapperte. „Der freut sich auch, wenn er entspannt fahren kann – und außerdem soll er ruhig auch mal ein bisschen Spaß haben, wenn er mit dem Schlitten unterwegs ist.“

Spaß bei der Arbeit: Der ist in der umfassenden Diskussion über Werte im Unternehmen etwas in den Hintergrund gerückt. Auch in den meisten Motivationsprogrammen taucht er eher als Ergebnis, denn als Voraussetzung auf. In den eng getakteten Produktionsabläufen und verschlankten Arbeitsprozessen scheint auch wenig Platz dafür zu sein. Die drei Beispiele zeigen, dass es oft Kleinigkeiten sind, die diesen Spaß ausmachen. An ihnen lässt sich auch erkennen, dass Investitionen mit dem Ziel, „Spaß bei der Arbeit zu haben“, oft erstaunlich gute Renditen abwerfen.

Der Faktor Spaß in der Unternehmens- und Personalführung hat einen höheren Stellenwert verdient. Es würde mich nicht überraschen, wenn Entscheider, die das berücksichtigen, selbst auch mehr Spaß an ihrer Arbeit haben.

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