Sie ist der Boss

2. Juni 2014

Sie ist ein Musterbeispiel für „Frauen in Führungspositionen“, noch dazu in einem urtypischen Männerberuf: Kristin Jaworski ist „Trail Boss“ im texanischen Fort Worth. Dort zieht – zur Freude der Touristen – zweimal am Tag eine Viehherde durch die Stadt, wie einst im Wilden Westen. Im Interview berichtet die Chefin über eine Horde Cowboys und eine Herde Longhorns, und wie sie mit beiden umgeht.

Was hat Sie bewogen, sich um den Job als Trail Boss zu bewerben?

Viele der Aufgaben, die mit der Ausschreibung dieser Stelle verbunden waren, haben mich gereizt: Da geht es um Tourismus genauso wie um das Management eines Tierbestands, da ist Führungskraft genauso gefragt wie Marketingtalent. Das mit dem Tourismus hatte ich als Kind am Grand Canyon kennengelernt. Meinen Bachelor-Abschluss habe ich in Marketing und meinen Master in Management und Führung an der Tarleton State University in Stephenville, Texas, abgelegt. Und da ich seit frühester Kindheit auf dem Rücken von Pferden gelebt und auch Tiere aufgezogen habe, war die Position des „Trail Boss“ die perfekte Gelegenheit für mich, die Öffentlichkeit vertraut zu machen mit dem Erbe des Westens und der Kultur der amerikanischen Cowboys, Pferde und Rinder. Gleichzeitig konnte ich so den Bekanntheitsgrad eines Ortes vergrößern, an dem das alles bis heute lebendig ist: Fort Worth, Texas.

Wie halten Sie Ihre „Herde“ zusammen?

Wenn Sie damit auf meine persönliche „Herde“ anspielen: Es ist meistens eine echte Herausforderung, ein Team anzuführen. Ich habe die Verantwortung für eine bunte Gruppe von Drovers (Cowboys und Cowgirls), die mit verschiedenen Talenten aufwarten. Jeder von ihnen ist geeignet, als Botschafter unserer Stadt aufzutreten, während er der Öffentlichkeit vom Pferderücken aus neues Wissen vermittelt. Wenn wir nicht gerade den Trail absolvieren oder die Tiere pflegen, begrüßen wir unsere Gäste oder bringen Kleinen und Großen nahe, wie das ist mit Pferden, Rindern und ihrem Werkzeug – und natürlich auch mit unserer Geschichte, die bis ins späte 19. Jahrhundert zurückgeht.

Und die Tiere?

Es ist wirklich etwas ganz Außergewöhnliches, Tiere mit so viel Stil und Würde zu betreuen. Die 16 Stiere in der Herde von Fort Worth genießen es jedes Mal aufs Neue, wenn sie mit uns die East Exchange Avenue entlangtrotten. Man spürt genau, wie sie ihre natürlichen Instinkte aktivieren, um mit ihren Hufen sicher übers Pflaster zu marschieren. Sie genießen natürlich auch die Bewunderung der mehr als 650.000 Menschen, die jedes Jahr extra wegen ihnen hierher kommen. Fast alle machen sie Bilder, viele nehmen Kontakt mit den Drovers auf – und jeder spürt die Majestät dieser Tiere, wenn sie durchs Blickfeld ziehen.

Was macht ein weiblicher Trail Boss anders als ein männlicher?

Das werde ich immer wieder gefragt: Wie das ist als Frau und Trail Boss? Vermutlich bin ich ein bisschen mehr auf Kleinigkeiten ausgerichtet und eigensinnig bei der Ausführung bestimmter Aufgaben. Ich lege sehr großen Wert auf den würdigen Umgang mit den Tieren und auf die Sicherheit von Rindern, Pferden, Mitarbeitern und Besuchern. Auch versuche ich, die persönlichen Talente jedes Reiters in meinem Team zu kennen und mit ihnen zu arbeiten. Umgekehrt erwarte ich, dass sie umfassend und sorgfältig mit den Ressourcen arbeiten, die ich ihnen zur Verfügung stelle. Von keinem verlange ich dabei etwas, was ich nicht selbst zu tun bereit wäre. Es ist einfach so, dass wir durch unser Auftreten im Fort Worth Stockyards National Historic District höchste Aufmerksamkeit genießen. Das mache ich mir und meinem Team jeden Tag aufs Neue bewusst.

Wenn sich jemand anderes um diesen Job bewirbt: Welche Talente und Kenntnisse sind da gefragt?

Die Aufgabe hier in Fort Worth erfordert eine besondere Mischung. Die Herde ist ein Public Relations-Instrument der Stadt, bei dem Pferde und Rinder die Hauptrolle innehaben. Da muss man sich also genauso mit Tieren auskennen, wie man die Beziehungen zur Öffentlichkeit, zu Geschäftspartnern, Viehzüchtern und Besuchern pflegt und entwickelt. Da heißt es, eine gute Balance zu finden zwischen der täglichen Arbeit im Stall und auf dem Trail einerseits und der langfristigen Aufgabe andererseits. Gespür und Reaktionsschnelligkeit sind vor allem dann nötig, wenn wir auf das natürliche, spontane Verhalten der Tiere reagieren müssen, die da gerade mitten durch die mehr als 700.000 Einwohner zählende Stadt getrieben werden. Egal, was wir ihnen beibringen: Es sind und bleiben Tiere … Und dann gibt es da noch die eiserne Regel für alle im Team: Wenn die Arbeit getan ist – lass deinen Kopf nicht größer werden als deinen Hut!

Sie sind Teil einer langen Geschichte. Was daran hat Sie am meisten beeindruckt?

Seit wir mit der Herde unsere Lernprogramme anbieten, berichten wir über das Leben auf dem Trail. Seit ungefähr 1866 zogen die Herden auf dem legendären Chisholm Trail von Texas nach Norden, zu den Märkten und Verladebahnhöfen in Kansas. Das waren gewaltige Herden von 2000 bis 3.000 Rindern, die da nach Dodge City oder Abilene getrieben wurden. Dabei ging es am Tag 12 bis 18 Kilometer voran, also haben die Frauen und Männer auf einem Trail drei bis vier Monate an ihrer Aufgabe gearbeitet. Der äußerst anstrengende und harte Job eines Drovers verlangte ihnen viele, viele Stunden im Sattel ab. Unser Cattle Drive verkörpert eine lebendige Erinnerung an diese Leistungen.

investor relations