Umfrage-Ergebnisse: Jeder trägt seine eigene Last

Bei der Verschmelzung von Privatleben und Beruf gibt es keine Schwarz-Weiß-Positionen. Die jüngste Umfrage des randstadkorrespondent zeigt, dass der Umgang mit dem sensiblen Thema individuelle Lösungen und differenzierte Ansätze braucht.

Fehlende Work-Life-Balance ist stark von individueller Sicht geprägt

  • Die jüngste Umfrage des randstadkorrespondent zeigt eine überwiegende Zufriedenheit der Beschäftigten mit dem Verhältnis von Arbeit und Freizeit.
  • Bei individueller Betrachtung der über 1.000 freien Antworten zeigen sich jedoch zahlreiche Ansatzpunkte, wie sich die Situation für jeden Einzelnen seitens des Arbeitsgebers deutlich und nachhaltig verbessern lässt.
  • Eine mangelnde Trennung zwischen beiden Bereichen führt aus Sicht der Befragten zu mehr Überstunden und lässt das Privatleben auf Dauer zu kurz kommen – was sie als schädlich empfinden.

Es ist die Frage, die sich hierzulande gerade viele Personalverantwortliche stellen, wenn sie sich über die Loyalität ihrer Fach- und Führungskräfte Gedanken machen: „Lässt sich die derzeitige Tätigkeit gut mit dem Familien- oder Privatleben vereinbaren?“ Das Ergebnis der Umfrage aus dem randstadkorrespondent 4/2015 zeigt, dass sie sich nur bei einem kleinen Teil ihrer Mitarbeiter ernsthafte Sorgen zu machen brauchen. Nur 5,6 Prozent der Umfrage-Teilnehmer antworteten auf diese Frage mit „Nein“, fast die Hälfte (48,8 Prozent) dagegen mit „Ja, ich bin zufrieden“. Was die Differenz angeht, so zeigen die 45,6 Prozent „Teils-teils“-Antworten, dass die Wahrheit wie so oft in der Mitte liegt – und dass eine differenzierte Betrachtungsweise nicht schadet.

Zeitraum für Regeneration schrumpft

Zum Beispiel dort, wo auf die Frage „Führen Sie nach Feierabend manchmal berufliche Telefonate oder versenden/lesen Sie berufliche E-Mails?“ fast sieben von zehn Antworten „Ja“ lauten. Auch wenn sehr viele (70 Prozent) dies als Selbstverständlichkeit und Teil ihres Engagements für die Firma betrachten und freiwillig auf sich nehmen: Dieser kommunikative Übergriff reduziert den Zeitraum für Regeneration und Erholung und wirkt sich nachweislich schädlich auf die Gesundheit der Betroffenen aus. Immer mehr Unternehmen gehen daher dazu über, diesen Zustand einzuschränken oder zu reglementieren. Dort wurde z.B. erkannt, dass – wie in der Umfrage (30%) – viele Mitarbeiter unterstellen, dass diese Extra-Leistung von ihnen „erwartet“ wird, ohne dass dies konkret der Fall ist.

Ähnlich verhalten sich die Werte bei den Motiven, warum Mitarbeiter im Urlaub geschäftliche Telefonate erledigen. Von den 60 Prozent der Antwortenden, die solche Anrufe bejahten, machen dies immerhin ein Drittel nicht aus freien Stücken, sondern ebenfalls, um eine Erwartungshaltung zu befriedigen. Beim Rest handelt es sich um eine freiwillige Leistung.

Lasten werden individuell empfunden

Überraschend erscheint vor diesen polarisierenden Werten die Tatsache, dass die Frage nach dem Eindruck, ob Berufs- und Privatleben zunehmend verschmelzen, nur auf ein „Fünfzig-Fünfzig“ bei den Antworten hinauslief. Dies verwundert allerdings nicht mehr beim Blick auf die Antworten zur vertiefenden Frage, ob diese Verschmelzung als Belastung empfunden wird. Da zeigt die stärkste Fraktion mit 60 Prozent und ihrer Einschätzung „teils-teils“ eben sehr deutlich, dass Lasten sehr individuell empfunden und sehr differenziert betrachtet werden müssen. Ein nachdrücklicher Hinweis in Richtung „Personalentwicklung“, dass es nicht mit Standard-Modellen getan ist, sondern nur individuelle Ansätze zum Ziel führen.

Dies gilt umso mehr, als die Kontrollfrage eine eindeutige Mehrheit fand: „Ist eine strikte Trennung von Privat- und Arbeitsleben für Sie persönlich wünschenswert?“ – die Frage zieht aus Sicht von 67 Prozent der Umfrageteilnehmer ein „Ja“ nach sich. Das sollte auch jene zum Nachdenken bringen, die meinen, dass der normative Druck des Faktischen und der Hinweis auf jene 33 Prozent genügen, die sich das nicht wünschen, um die zögernde Mehrheit umzuerziehen. Im Kontext aller Antworten erscheint dies auf absehbare Zeit unwahrscheinlich.

Privatleben und Broterwerb werden überwiegend getrennt gesehen

Die nötige Tiefenschärfe für differenzierte Ansätze in der Personalentwicklung und für unternehmensspezifische Überlegungen zum Umgang mit der Grenze zwischen Arbeit und Privatleben liefert die Umfrage dort, wo die Teilnehmer bestimmte Einschätzungen gewichtet haben.

Mein derzeitiger Job bedeutet für mich vorrangig „Broterwerb… verzeichnete den höchsten Anteil an „stimme eher nicht zu" -Voten und rangierte mit 33 Prozent bei Zustimmung auf Position 3. Leben und Erfüllung finde ich abseits des Jobs… findet nur bei 17 Prozent volle Zustimmung und erreicht mit 38,8 Prozent den höchsten „teils-teils“-Wert. Wer strikt zwischen Arbeits- und Privatleben trennt, hat den falschen Job… findet bei den meisten Teilnehmern keine Zustimmung – sowohl bei „stimme gar nicht zu“ als auch bei „stimme eher nicht zu“.Die Verschmelzung von Arbeits- und Privatleben führt zu Mehrarbeit in Form von Überstunden… findet ebenso wie … Bei fehlender Trennung zwischen Privat- und Berufsleben kommt das Privatleben zu kurz… mit jeweils fast 60 Prozent die größte Zustimmung. Auch sonst liegen die Antworten bei beiden Aussagen fast deckungsgleich.Arbeitszeit ist Lebenszeit. Arbeit und Privatleben gehören zusammen… findet in der Summe weniger Zustimmung als Ablehnung. Ich finde bei meiner Arbeit meine persönliche Erfüllung… ist für fast 50 Prozent der Teilnehmer eine Zustimmung wert. Nur 3,7 Prozent stimmen gar nicht zu – der niedrigste Wert.

Wie stark das Thema die Beschäftigten jenseits von Zahlen und Gewichtungen bewegt, zeigt die gewaltige Anzahl an freien Antworten auf die Frage „Wie stehen Sie persönlich zum Thema Work-Life-Blending, also dem Verschmelzen von Arbeits- und Privatleben?“ 1.043 von über 2.000 Teilnehmern haben hier in eigenen Worten ein Statement abgegeben. Das Spektrum reicht dabei von strikten Positionen zur Abgrenzung – „In geringem Maße mag es noch gehen, aber ein Job sollte so sein, dass man nach Feierabend nichts mehr mit der Arbeit zu tun hat. Ich nehme ja auch keine privaten Dinge mit auf Arbeit.“ – über selbstbewusste Haltungen – „Ich bekomme das ganz gut hin.“ – bis zu Verständnis für die gewandelte Rolle eines Jobs – „Ist mit Vorsicht zu genießen, aber ab einem gewissen Gehalt bzw. Position wird es erwartet und dann kann ich auch damit leben. Solange es nicht ausufert und die Anerkennung und Bezahlung stimmt, ist es für mich derzeit OK.“

Umfrage-Antworten liefern zahlreiche konstruktive Ansätze

Stellvertretend für die Forderung nach individuellen Lösungen und differenzierten Betrachtungsweisen seien vier Antworten zitiert. „Ich sehe diesen Trend und finde ihn teilweise auch positiv, da viele meiner Freunde durch Homeoffice-Optionen flexibler ihr Familien- und Privatleben gestalten können. Es ist aber insbesondere zur heutigen digitalen Zeit wichtig, auch mal komplett vom Job abschalten zu können, um mit neuer Energie in den Berufsalltag starten zu können. Erst wenn ich dies schaffe, habe ich Spaß an meinem Job und die nötige Energie. Viele bekommen dies leider heutzutage nicht mehr hin, was ich als problematisch ansehe, da die Gesundheit aufs Spiel gesetzt wird. Allgemein birgt die Verschmelzung viele Chancen, wenn man sie mit Maß einsetzt, da man sehr viel Lebenszeit im Büro verbringt und man somit auch zufrieden und glücklich im Umgang mit Kollegen und Vorgesetzten sein.“ Wenn es wichtige Dinge zu klären gibt, die keine Zeit zum Warten haben, finde ich es ok, auch nach Feierabend für das Unternehmen zu telefonieren oder e-mailen. Lieber so, als wie nächsten Tag etwas auszubügeln, was vorher zu verhindern gewesen wäre, z.B. durch eine kurzes Telefonat in der Freizeit. „Außerbetriebliche, private und gelegentliche Aktivitäten mit guten Kollegen sowie die Freizeit als zwangloser Ideengeber für berufliche Situationen/Probleme sind für mich vollkommen in Ordnung. Dauerhafte Mehrarbeit und ständige Erreichbarkeit sind für mich bei passender Bewerbermarktlage ein Kündigungsgrund.“ Bis zum 30. Lebensjahr sehe ich da wenige Probleme. Es ist aus meiner Sicht eine Frage des Alters. Ernsthaft eine Familie zu gründen oder auch im privaten Bereich erfolgreich zu werden (Freizeit, Sport, Vermögensaufbau, Bildung) erfordert eine Trennung von Arbeits- und Privatleben. In den ersten Berufsjahren kann und sollte man die Verschmelzung hinnehmen bzw. lässt die sich bei einem Karrierestreben nicht vermeiden. Der Einsatz wird erwartet. Mit Anfang 30 sollte man abschätzen, welche Entwicklung lohnenswerter ist.

Werden zulässige Arbeitszeiten überschritten?

Aus rechtlicher Sicht spielt sicher auch der Hinweis eines Teilnehmers eine wichtige Rolle, der auf die Grenzen der zulässigen Arbeitszeit abhebt: „Sowohl aus rechtlichen als auch aus arbeitssicherheitstechnischer Sicht ist eine Verschmelzung mehr als fragwürdig! Rechtlich: Der Arbeitgeber kann seiner Fürsorgepflicht in Bezug auf die tatsächlich geleistete Arbeitszeit nicht nachkommen, hat er doch keine Kontrolle, wie lang der AN tatsächlich arbeitet. Es kann hier (auch aufgrund eigener Erfahrungen in früheren Jobs) zu permanenten Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz kommen, ohne dass der AG dies bemerkt.“ Zudem müsse ein Arbeitgeber lt. ArbSchG und BetrSichV eine Begehung und Bewertung des jeweiligen Arbeitsplatzes hinsichtlich der Risiken und Gefahren machen, eine Gefährdungsbeurteilung erstellen und anhand dieser den Mitarbeiter unterweisen.“ Dies sei bei Arbeiten in der Freizeit, auf Reisen oder zuhause kaum zu gewährleisten.

Appell an die Fürsorgepflicht des Arbeitsgebers

Einen zielführenden Hinweis für die Rolle von HR im Spannungsfeld zwischen Privatem und Beruflichem lieferte schließlich Antwort 930. „Die Verschmelzung lässt sich immer weniger vermeiden, insbesondere vor dem Hintergrund einer immer stärker vernetzten und digitalisierten Arbeitswelt. Ich sehe dies mittelfristig als gesundheitliche Belastung insbesondere für diejenigen, die nicht in der Lage sind, ab einem bestimmten Punkt eine Trennung vorzunehmen und sich zu sehr vereinnahmen lassen (Hervorhebung durch die Redaktion). Hier sind … zum einen die Arbeitgeber gefordert, verantwortungsbewusst mit der Bereitschaft zum freizeitlichen Engagement ihrer Arbeitnehmer umzugehen und dies mit Guidelines zu versehen ... Gleichermaßen sollten sich aber auch die Arbeitnehmer damit auseinandersetzen und sich klare Grenzen setzen, bis zu welchem Grad sie ihre Freizeit mit beruflichen Tätigkeiten füllen wollen. Hierzu sollten sie ggf. externe Hilfestellung (Coaching, Beratungsstellen) in Anspruch nehmen, wenn sie diese nicht selber ziehen können.“

Die Umfrage-Ergebnisse in der Übersicht