Zeitarbeit 2019: Das bewegt die Branche

16. Januar 2019

Im Jahr eins nach der AÜG-Reform sammelt der Markt noch Erfahrungen mit der praktischen Umsetzung. Auch beim Fachkräftemangel herrscht noch großer Handlungsbedarf. Die Digitalisierung dagegen wird zur Normalität.

Noch ist es zu früh für Zwischenbilanzen zum reformierten Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG). Erst neun beziehungsweise drei Monate sind vergangen, seit die neuen Fristen zu Equal Pay und Höchstüberlassungsdauer greifen. Auch hat die Regierungskoalition das Datum für die Evaluation des Gesetzes auf 2020 verschoben. Dennoch werden sowohl die Personaldienstleister wie auch die Arbeitnehmer die kommenden 12 Monate nutzen, um Fakten zu sammeln und zu analysieren – um gut vorbereitet in die Frage-und-Antwort-Runde mit der Politik zu gehen. 

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es auf Seiten der Arbeitnehmer Kritik geben wird. Denn: "Diese Begrenzung schadet mehr Zeitarbeiterinnen und Zeitarbeitern als sie anderen nutzt", merkte Randstad-Betriebsratschefin Damienne Cellier in einem Interview mit der Wirtschaftswoche an. Denn: Die Höchstüberlassung führe dazu, dass Zeitarbeitnehmer nach 18 Monaten das Unternehmen wechseln und in einem anderen Unternehmen bei einem neuen Einsatz finanziell wieder unten starten müssten: "Das kann regelrechte Einbrüche im Haushaltseinkommen bedeuten". Darüber hinaus sei zu beobachten, dass "viele von denen, die zu den Unternehmen wechseln, wo sie zuvor als Zeitarbeitskräfte eingesetzt waren, (...) nur befristete Verträge erhalten, dafür haben sie bei den Zeitarbeitsunternehmen unbefristete Arbeitsverhältnisse aufgegeben. Ich finde, das ist ein schlechter Tausch."

Woran wird „Equal Pay“ gemessen?

Derzeit bahnt sich vor allem beim „Gesamtlohnvergleich“ als Bezugsgröße für Equal Pay größerer Veränderungsdruck an: Stark voneinander abweichende Ansichten von Marktteilnehmern, Politik und Juristen zu angemessenen Berechnungsgrundlagen lassen Handlungsbedarf erkennen. Gerade deshalb bewerten auch alle Beteiligten die längere Frist – ursprünglich war 2019 ins Visier genommen – als positiv.

Verschärfter Engpass bei Fachkräften

Die Engpässe bei der Versorgung mit Fachkräften werde sich 2019 noch verstärken. Hintergrund: Die Arbeitslosigkeit wird im kommenden Jahr voraussichtlich bei durchschnittlich 2,23 Millionen Personen liegen, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in seiner jüngsten Prognose ankündigte. Das wären rund 120.000 weniger als im Jahresdurchschnitt 2018. Für dieses Jahr erwarten die Forscher einen Rückgang um fast 190.000 Personen auf 2,35 Millionen Arbeitslose. Dieser Effekt wird sich direkt auf den Markt der Personaldienstleister durchschlagen – denn der klassische Bedarf nach Zeitarbeit zur Deckung von Spitzenbedarf wird dadurch weiter angetrieben. Gleichzeitig wird in dem noch stärker ausgeprägten Arbeitnehmermarkt die Arbeitgeber-Attraktivität von Zeitarbeits-Anbietern zusätzliches Gewicht erhalten.

Mehr Anstrengung beim Erschließen neuer Potenziale

Zu den Herausforderungen am Arbeitsmarkt gehören dem IAB zufolge außerdem strukturelle Probleme wie die Integration von Langzeitarbeitslosen und Geflüchteten. „Hier sind effektive Vermittlung und Weiterbildung entscheidend. Gleichzeitig ist Weiterbildung ein Schlüssel, den Arbeitsmarkt auf die Veränderungen durch die Digitalisierung vorzubereiten“, so Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“. Auch dieser Herausforderung werden sich Zeitarbeitsunternehmen verstärkt zuwenden müssen – nicht zuletzt im Interesse ihrer Kunden, die ebenfalls diesem Trend folgen.

Die Hälfte der Prozesse sind schon digitalisiert

Allerdings ist in der Branche das Thema Digitalisierung schon weitgehend Routine. Nach Angabe der Befragten bei der PwC-Zeitarbeitsstudie vom Sommer 2018 sind durchschnittlich bereits ca. 50 % der Prozesse in Zeitarbeitsfirmen digitalisiert. „Es wird erwartet, dass der Wert innerhalb der nächsten drei Jahre auf ca. 70 % ansteigt“, schreibt die Unternehmensberatung. Und weiter: „Zeitarbeitsfirmen profitieren hauptsächlich von der Digitalisierung, indem sie produktiver, flexibler sowie kosteneffizienter werden.“ Herausforderungen durch die Digitalisierung seien höhere Kundenansprüche, das Ausscheiden von Zeitarbeitsfirmen und eine intensivere Belastung der Zeitarbeitnehmer. 

In diesem Umfeld dürften sich die ersten Evaluations-Ergebnisse zum Thema „DSGVO und wie wir bei der Arbeit damit umgehen" zeigen. Die neuen Datenschutzregeln, denen sich Unternehmen verpflichtet haben, sind nicht ohne Folgen für betriebliche Prozesse und Organisationsstrukturen geblieben. Die für persönliche und betriebliche Daten sowie ihre Sicherheit besonders sensible Zeitarbeitsbranche dürfte hier einige Erkenntnisse beizutragen haben.

Lohnerhöhungen in Januar und April

Als eher nachrangig gelten derzeit die nächsten Steigerungen bei den Tariflöhnen. Die nächste Lohnerhöhung für Westdeutschland greift am 1. April 2019. Sie erfolgt parallel zur gesetzlichen Erhöhung der Mindestlohns in Deutschland. Wobei die Arbeitgeber und Gewerkschaften der Zeitarbeitsbranche eigene tarifliche Mindestlöhne vereinbart haben.

Die Spanne der Stundenlöhne bewegt sich dann zwischen 9,49 Euro in der Entgeltgruppe 1 und 21,07 Euro in der Entgeltgruppe 9. Aufgrund der im Tarifvertrag vereinbarten Ost-West-Angleichung gibt es für die neuen Bundesländer schon am 1. Januar 2019 eine Zwischenerhöhung: In den Entgeltgruppe 1 und 2 steigt der Mindestlohn dann um 2,4 Prozent auf 9,49 Euro bzw. 9,73 Euro.


 

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