Dankbar sein, wenn man über 55 überhaupt noch eine Stelle findet? Das war einmal. Erfahrene Arbeitnehmer haben konkrete Vorstellungen, wie ihr zukünftiger Arbeitgeber aussehen sollte. 

Fachkräfte in Deutschland

Weniger offen für Wechsel

Arbeitnehmer über 45 wechseln seltener den Arbeitgeber als jüngere Kollegen, das haben diverse Untersuchungen gezeigt. Die Gründe sind vielfältig. Besonders ins Gewicht fallen drei Faktoren:

  1. Menschen in dieser Altersgruppe wollen von ihrer erworbenen Erfahrung profitieren, haben häufig auch schon Positionen mit entsprechender Verantwortung erreicht.
  2. Bei der großen Mehrheit lässt die Risikobereitschaft und damit der Wille nach, noch einmal unbekanntes Terrain zu betreten.
  3. Bei Arbeitgebern besteht schließlich nach wie vor eher Zurückhaltung, ihr Recruiting auf diese Zielgruppe auszudehnen; häufige Argumente sind dabei die mangelnde Flexibilität sowie die höheren Gehaltskosten.

Fachkräftebedarf setzt neue Akzente

Die sind allerdings Argumente, die an Kraft verlieren. Vor allem die Suche nach Fachkräften führt dazu, dass Kriterien neu bewertet werden – inhaltlich wie finanziell. Für die älteren Arbeitnehmer spricht, dass sie oft Erfahrung, Netzwerke und Verantwortungsbereitschaft mitbringen. Auch die Gründe, aus denen sich erfahrene Arbeitnehmer entscheiden, ihren Arbeitgeber zu wechseln, erhalten unter dem Aspekt „Fachkräfte gesucht“ neues Gewicht: Wem die Bezahlung zu gering ist oder es an Anerkennung mangelt, nutzt die verstärkte Nachfrage zum eigenen Vorteil. Selbst Ermüdungserscheinungen beim dauerhaften Pendeln, vielleicht sogar über lange Distanzen, werden inzwischen zum Wechselargument. Bietet sich Gelegenheit zu Gleitzeit, Heimarbeit oder anderen flexiblen Arbeitsformen, wächst die Anziehungskraft neuer Optionen noch stärker.

Rahmenbedingungen sind wichtiger als Werte

Was unter der Überschrift „Erfahrung“ oft übersehen wird: Diese betrifft nicht nur das Fachwissen der älteren Arbeitnehmer, sondern auch die Erkenntnisse zu betrieblichen Abläufen und Führungskräften. Im Vergleich zu ihren jüngeren Kollegen achten sie daher stärker auf die Rahmenbedingungen der Arbeit. „Ihnen ist wichtig, dass ihr Arbeitsplatz langfristig gesichert ist und sie dort persönliche und finanzielle Anerkennung bekommen“, erklärt Petra Timm, Leiterin Unternehmenskommunikation bei Randstad Deutschland. Im Gegensatz zu jüngeren Arbeitnehmern, die sich vor allem mit den Werten eines Unternehmens identifizieren wollen, sind ihre erfahrenen Kollegen weniger willens, Kompromisse bei der Ausgestaltung ihres Arbeitsplatzes zu machen.

Wie Unternehmen den Trend nutzen

Arbeitgeber, die Erfahrung und Kompetenz älterer Arbeitnehmer anerkennen, aktivieren auf diesem Weg wertvollen Wissenstransfer. So haben Unternehmen, die verstärkt auf „Mixed Teams“ setzt, sich bei Qualität und Produktivität weiterentwickelt. Personalverantwortliche mit Erfahrung im Umgang mit älteren Beschäftigten bestätigen nach Beobachtung des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags (BIHK) einschlägige wissenschaftliche Untersuchungen. Sie attestierten den „Silver Workern“ in ihren Belegschaften unter anderem Arbeitsdisziplin, eine solide Einstellung zur Qualität sowie mehr Zuverlässigkeit und Loyalität im Vergleich zu den jüngeren Kollegen. Diese wiederum können bei Kreativität, Lernbereitschaft, Lernfähigkeit, Flexibilität und auch bei der körperlichen Belastbarkeit punkten. In altersgemischten Belegschaften ergänzen sich die jeweiligen Stärken und Schwächen.

Wertvoller Input für Innovationen

Das reicht bis hin zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit. Innovationsaktivitäten zum Beispiel verstärken nach Beobachtung des ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung den Fachkräftemangel, da innovative Unternehmen besonders auf qualifiziertes Personal angewiesen sind. Gleichzeitig erschwert ein Mangel an geeigneten Fachkräften weitere Innovationen. Insbesondere das Fehlen geeigneter Mitarbeiter mit beruflicher Ausbildung führt dazu, dass Innovationsprojekte aufgegeben werden müssen. Der Wissenszuwachs durch ältere Arbeitnehmer scheint bis auf Weiteres, also bis entsprechend qualifizierte Jahrgänge nachrücken, als klügster Weg, die Lücke zu schließen.