Der digitale Wandel fördert die New Work Kultur in Unternehmen. Wie meistern Führungskräfte und Teams die Herausforderungen dieses neuen digitalen Arbeitsalltags? Wie funktionieren digital Leadership und digitale Zusammenarbeit? Das erklärt Carsten Priebs, CIO der Randstad Gruppe Deutschland und CDO Randstad DACH, im Interview.

Carsten Priebs, CIO Randstad Gruppe Deutschland
Carsten Priebs, CIO Randstad Gruppe Deutschland

Wie haben Sie als CIO von Randstad Deutschland die Auswirkungen der Corona-Pandemie wahrgenommen? 

Carsten Priebs: IT ist wie der Motor vom Auto: Wenn der Motor nicht mehr läuft, fährt das Auto nicht. Wenn die IT-Systeme nicht mehr laufen, läuft die Firma nicht. Bei Randstad haben wir schon zwei Wochen vor dem Lockdown die IT komplett auf die Arbeit von zu Hause aus umgestellt, um das Risiko des Ausfalls der Mannschaft und damit des IT-Motors zu minimieren.

Zuvor hatten wir in die Mobilität unserer Consultants investiert. Mit neuen Endgeräten und Cloud-Lösungen waren wir von einem Tag auf den nächsten flexibel. Ebenso gut hat daher im nächsten Schritt auch die Arbeit aller anderen Kollegen aus dem Home Office heraus funktioniert.

Digitalen Tools kam während der Pandemie eine Schlüsselrolle zu. Tausende Menschen mussten plötzlich im Homeoffice arbeiten. Wo sehen Sie die größten Veränderungen für Unternehmen und Beschäftigte?

Carsten Priebs: Auch wenn die Technik gut funktioniert, es bleibt das Menschliche als Herausforderung: Wie funktioniert Zusammenarbeit, wie digital Leadership, wie Innovation? 

Wir haben gesehen, dass agile Teams in der Pandemie erfolgreich sind. Auf diese Prinzipien kommt es an: 

  1. Vertrauen der Führungskräfte in die Leistung und Motivation ihrer Leute
  2. Fürsorge für die Mitarbeiter und gegenseitig unter den Kollegen
  3. Schneller und übergreifender Informationsaustausch zu Strategie, Vorhaben und Status
  4. Partizipation an Entscheidungen auf Basis dieser Informationen
  5. Delegation von immer größeren und verantwortungsvolleren Aufgabenpaketen verbunden mit dem Einräumen von Freiheitsgraden und unterstützendem Coaching

Dieser zukunftsgewandte Führungsstil ist das Gegenteil vom immer noch weit verbreiteten kontrollierenden Führungsstil, der Mitarbeiter unter dem Motto „Command and Control” anleitet – und macht digital Leadership aus. Ein gutes Indiz für die Führungskultur im Unternehmen ist die Anzahl der Teilnehmer in einer Videokonferenz, die die Kamera eingeschaltet haben.

Wie können Führungskräfte mit solchen Tools und IT-Lösungen noch besser umgehen, um die Teamführung zu verbessern?

Carsten Priebs: Wichtig sind hier alle Tools, die die Zusammenarbeit und die Kommunikation fördern: Videokonferenzen, Online-Whiteboards, Online-Umfragen etc. Führungskräfte sollten sich wirklich die Zeit nehmen, die Nutzung dieser Tools zu lernen – von anderen Best Practices abschauen, Artikel im Internet lesen etc. Die Technik ist entscheidend, die räumliche Entfernung zu überbrücken, und die sollte zum einen beherrscht und zum anderen mit Vorbild-Charakter genutzt werden, um andere zu inspirieren, ihrerseits die Potenziale auszuschöpfen.

Auch wirkt es verbindend, eigene Schwierigkeiten im Umgang mit für einen selbst neuen Tools zuzugeben – und dann an ihnen zu arbeiten und die Herausforderungen der Umstellung offen zu kommunizieren. Es können sich völlig neue Chancen ergeben, wenn Online-Workshops von Mitarbeitern geleitet werden, die die Tools beherrschen. Der Workshop ist effizienter, und die Führungskraft gibt ihrem Team Raum zur Entfaltung.

Welche Diskussionen und Entwicklungen in der Umstellung auf Homeoffice haben Sie am meisten überrascht?

Carsten Priebs: Am meisten hat mich verwundert, wie wenig Diskussion es über die Arbeit im Homeoffice gab – das hat einfach geklappt. Außerdem hat mich das zunehmend positive Ergebnis unserer monatlichen Mitarbeiterbefragung, die als Indiz für das Mitarbeiterengagement und die -zufriedenheit dient, beeindruckt. Offensichtlich vermittelten klare Kommunikation, Fürsorge und Vertrauen den Mitarbeitern trotz verwirrender Lebensumstände in der Arbeit Stabilität und Sinn.

Allerdings konnten wir anhand der Mitarbeiterbefragung auch etwas beobachten: Es gab wenig Unterschiede in der Bewältigung der Auswirkungen des Homeoffice zwischen Kollegen aus der IT und anderen Fachbereichen, aber es gab deutliche Unterschiede zwischen höher- und niedrigerqualifizierten Mitarbeitern. Während bei den Höherqualifizierten die Engagement-Zahlen sofort anstiegen, gab es bei den Niedrigerqualifizierten zuerst einen deutlichen Abfall, der dann nach 2 bis 3 Monaten in einen deutlichen und nachhaltigen Anstieg überging. Hier scheint eine Zeit der Verarbeitung der neuen Lage und ein höherer Bedarf an Orientierung nötig gewesen zu sein.

Wo sehen Sie auch weiterhin den größten Entwicklungsbedarf?

Carsten Priebs: In der Weiterentwicklung des Führungsstils und der Unternehmenskultur hin zu Partizipation und gegenseitigem Vertrauen und Fürsorge. Beides steigert die Leistung, Innovation und vor allem auch die Zufriedenheit im Job. Gleichzeitig sorgt dies dafür, dass Mitarbeiter sich weiterentwickeln, neue Aufgaben übernehmen, das Unternehmen mit großartigen Ideen voranbringen. 

Welche Rolle kommt der Datensicherheit beim flexiblen Arbeiten zu?

Carsten Priebs: Datenschutz ist unabdingbare Nebenbedingung und Informationssicherheit ein wichtiges Mittel, diesen umzusetzen. Bei der Auswahl der IT-Tools muss insbesondere bei exotischen Produkten und Produkten kleinerer Anbieter eine tiefgehende Untersuchung erfolgen. 

Manche Unternehmen scheinen allerdings über das Ziel hinauszuschießen, wenn sie beispielsweise anweisen, aus Datenschutzgründen die Kameras in Videokonferenzen nicht zu aktivieren. Jeder Mitarbeiter sollte das Recht haben, sich nicht zeigen zu müssen – das Unternehmen sollte wiederum erläutern, warum es gerade bei Dauereinsatz im Homeoffice wichtig ist, einen optischen Eindruck voneinander zu haben. Das ist vermutlich auch ein Beitrag zur mentalen Gesundheit unter dem Eindruck der sozialen Deprivation.

Wie hat sich Ihre Sicht auf die Zukunft des Arbeitens verändert? 

Carsten Priebs: Arbeit wird auch in Zukunft etwas sein, das den Menschen Sicherheit, Identität und Sinn geben kann. Die Art der Verrichtung wird sich mehr nach dem Menschen und ihren unterschiedlichen Lebensumständen orientieren: nach Zeit, Ort und Rhythmus. 

Gleichzeitig werden die meisten Aufgaben nur in einem Team erfolgreich erledigt werden können. Komplexe Aufgaben erfordern vielfältige Expertise und damit eine intensivere Abstimmung zwischen mehreren Menschen. Dafür braucht es sehr viel mehr an sozialer Kompetenz als in der Vergangenheit. Und mehr Unterstützung statt Konkurrenzkampf untereinander. 

Es scheint mir, dass nach vielen Jahrzehnten der Optimierung von Geschäftsprozessen und Kostenstrukturen der nächste große Wettbewerbsvorteil in einer offenen, inspirierenden, inklusiven Unternehmenskultur liegt. 

Hat sich die Motivation, sich mit Technik auseinanderzusetzen, in der Corona-Zeit verändert? Benötigt jeder Einzelne in Zukunft mehr Digitalkompetenzen?

Carsten Priebs: Die Motivation dürfte sich bei den bürogestützten Arbeitnehmern von „nice to have” zu „must have” gewandelt haben. Damit sollte deutlich geworden sein, dass diese digitalen Tools wirklich Werkzeuge sind, die wir zu unserem Nutzen einsetzen können: gemeinsame Workshops mit Online-Whiteboards, Videokonferenzen mit Eltern, Geschwistern, Enkeln, die man lange nicht sehen konnte, Online-Einkäufe statt Einkaufsbummel. 

Man darf sich gar nicht überlegen, wie unsere Gesellschaft einer derartigen Situation vor 20 Jahren mit Telefon, Fax, Radio und TV als einzige weit verbreitete Offline-Kanäle begegnet wäre.

Die digitalen Tools sind eine Bereicherung, wenn man sie nicht ausschließlich einsetzt, und eine Mischung zwischen der Online- und Offline-Welt erreicht.

Welches Potenzial steckt in New Work? Und wo sehen Sie mögliche Stolperfallen?

Carsten Priebs: Ein großes Potenzial ist die Integration unterschiedlicher Lebensrealitäten und persönlicher Vorlieben – von Zeit, Ort und Familie. Die Reduzierung von Pendeln und Geschäftsreisen wirkt auf die meisten Menschen und auf Umwelt und Ressourcenverbrauch positiv. 

Durch New Work sind virtuelle Teams auf einmal der Standard geworden. Der Standort für Projekte und das Daily Business ist eher unwichtig geworden. Das ermöglicht vielen Menschen eine einfachere Teilhabe an hochwertigen Themen – und den Unternehmen das Schaffen von Innovationen unabhängig vom Lebensort der Experten. Karrierepfade können sich ohne Umzüge beschleunigen, Unternehmen können schneller wachsen.

Diese Virtualisierung bedingt aber auch eine Reduzierung der persönlichen Kontakte und damit den Wegfall einer ganzen Klasse an sozialen „Sinnen”. Körpersprache ist schwer sichtbar, was Missverständnisse befördert. Introvertierte Menschen werden noch leichter übersehen. Die Notwendigkeit von Förderung und Unterstützung von Kollegen ist schwerer erkennbar.

Kompensiert werden kann dies durch ein stärkeres Bewusstsein dieser Defizite und durch eine größere Sensibilität in der Führung. Und durch regelmäßige physische Treffen, bei denen dann Themen und Aktivitäten durchgeführt werden, die virtuell nicht möglich sind. Beispielsweise Innovations-Workshops, Kennenlern-Aktivitäten oder vertrauensvolle persönliche Gespräche.

Wie nehmen Sie Ihr Team mit auf dem Weg in eine neue Arbeitswelt?

Carsten Priebs: Mit großer Freude, mit viel Aufmerksamkeit für die Individualität jedes einzelnen Menschen und mit ganz viel Neugier, weil es jeden Tag etwas zu entdecken und lernen gibt.

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Zur Person
Carsten Priebs, CIO Randstad Gruppe Deutschland
Carsten Priebs, CIO Randstad Gruppe Deutschland

Carsten Priebs

CIO Randstad Gruppe Deutschland, CDO Randstad DACH

Carsten Priebs ist Diplom-Wirtschaftsingenieur. Bei Randstad ist er seit 2018 als CIO der Randstad Gruppe Deutschland und CDO der Randstad DACH Region tätig. Dort befasst er sich im Bereich der IT im Schwerpunkt mit der digitalen Transformation und disruptiven Geschäftsmodellen.