App Irmgard öffnet die Lese-Tür

12. Oktober 2017

Die randstad stiftung unterstützt eine Anwendung, um bei funktionalen Analphabeten die Lese- und Schreibkompetenz zu aktivieren. Der Lernzugang via Smartphone erleichtert die Akzeptanz und erhöht die Frequenz der Nutzung.

„Je älter wir werden, desto wichtiger ist die ständige Wiederholung des Erlernten“, markiert Irmgard Schwiderski die Ausgangslage ihrer Idee einer App für Jugendliche und Erwachsene mit geringer oder ohne Lese- und Schreibkompetenz. „Ich habe bei meiner Arbeit mit den Lernenden festgestellt, dass sie ein-, höchstens zweimal die Woche ins Lerncafé kommen und sich mit Lesen und Schreiben auseinandersetzen. Das ist einfach zu wenig! Sie vergessen das Erlernte wieder, so dass sie beim nächsten Mal wieder von vorne anfangen müssen.“ Da sei eine App fürs Smartphone die perfekte Abhilfe, ergänzt Projekt-Partnerin Stefanie Trzecinski, „weil sie auch für kurze Zeitfenster genutzt werden kann. So kann sich der Lernende täglich - auch wenn es nur für fünf Minuten ist - mit Lesen und Schreiben beschäftigen.“

Erweiterung bestehender Angebote

Zu jeder Zeit, an jedem Ort, auch für kurze Zeiträume und ohne Scham lesen und schreiben zu lernen – dazu soll auf breiter Ebene die „App Irmgard“ beitragen. Dabei ersetzt sie weder Angebote mit persönlicher Ansprache wie Volkshochschulkurse noch Softwareprogramme für PCs oder Bücher. Nach dem Verständnis ihrer Erfinderinnen wirkt sie vielmehr als Erweiterung und Unterstützung von bestehenden Angeboten, um eine regelmäßige und vom Lernort unabhängige Beschäftigung mit dem Lesen und Schreiben zu ermöglichen.

Mehr Chancen in der Arbeitswelt

Dieses Prinzip eines niedrigschwelligen Angebots, um Lernenden einen ersten Zugang zum Thema Lesen und Schreiben zu ermöglichen, hat unter anderem die randstad stiftung überzeugt, die Entwicklung und den Ausbau der App zu unterstützen. Für Hanna Daum, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung, eine logische Konsequenz des bisherigen Engagements: „Wie können Menschen mit Handicap gleichberechtigt an der Lern- und Arbeitswelt mitwirken? Diese Frage beschäftigt die randstad stiftung im Themenfeld ,Barrierefreie Teilhabe‘. Dabei nehmen wir vor allem Menschen in den Blick, die nicht immer im Fokus der Inklusionsdebatte stehen. Wir sind davon überzeugt, dass ,Irmgard‘ eine sinnvolle und erfolgreiche Ergänzung zu bereits bestehenden Alphabetisierungsangeboten ist und sich nahtlos in unser Engagement einfügt.“ Nicht nur einzelne Betroffene, sondern auch deren Umfeld und Arbeitgeber profitierten davon.

Lernen ohne Aufsehen

Bisher gibt es keine App – weder für iPhone, Android noch Windows - die systematisch sowie jugend-oder erwachsenengerecht das Lesen und Schreiben vermittelt. „Irmgard“ hingegen hilft, „ohne Scham lesen und schreiben zu lernen: Denn Handy-Displays sind klein und lassen sich nicht leicht einsehen“, weist Trzecinski auf einen Schlüssel-Vorteil der Anwendung hin. Die Lehrbeauftragte für Audio- und Gebärdensprachpädagogik an der Humboldt-Universität ist für die Entwicklung und Umsetzung der App verantwortlich. Mit ihrer Kopf, Hand+Fuss gGmbH arbeitet sie an „moderner und wissenschaftlich fundierter Bildung in allen Formen und Facetten“.

Schnelle Verfügbarkeit

Aus ihrer Sicht sprechen gerade technische Aspekte für die App: „Sie ist schnell verfügbar, da ein Smartphone in der Regel rund um die Uhr eingeschaltet ist. Ein PC muss hingegen erst angeschaltet und hochgefahren werden, um Übungen zu absolvieren - wenn überhaupt ein PC vorhanden ist.“ Lernende können zudem auch unterwegs und zwischendurch mit der App arbeiten, beispielsweise während Fahrten im Nahverkehr. Die App stellt kleine Aufgaben, die der Konzentrationsfähigkeit der Lernenden entgegenkommen und sich in überschaubaren Zeitspannen bewältigen lassen.

Breites Spektrum an Zielgruppen

Bewusst ist die Zielgruppe nicht homogen gehalten. „Irmgard“, so Schwiderski, „richtet sich an Menschen mit unterschiedlichsten Ausgangslagen, wie Menschen mit einer Lernbehinderung oder Migranten und Flüchtlinge.“ Zur Zielgruppe zählen zudem Menschen mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche, auch „funktionaler Analphabetismus“ genannt, sowie Menschen mit einer leichten geistigen Behinderung.

Wertvolles Werkzeug

Wie groß Zielgruppe und Nutzen der App sind, macht die Leo-Studie der Universität Hamburg deutlich. Sie zeigt, dass 7,5 Millionen deutschsprachige Menschen ab 16 Jahren weder die Anzeigetafel am Bahnhof noch einen Beipackzettel lesen können. „Wer wie sie nicht lesen und schreiben kann, hat kaum Möglichkeiten, sich an unserer Gesellschaft zu beteiligen“, sagt Hanna Daum. „Damit bleiben auch ihre Talente und Potentiale für die Arbeitswelt verschlossen. Dem wollen wir nachhaltig abhelfen und sehen ,Irmgard‘ dabei als wertvolles Werkzeug.“

Infos zur Person: Irmgard Schwiderski

Irmgard Schwiderski

Irmgard Schwiderski war Lehrerin und Rektorin einer Grundschule und hat langjährige Erfahrungen im Vermitteln der Lese- und Schreibkompetenz. Diese nutzt sie nun in ihrer Arbeit im Hamburger Lerncafé Karolinenviertel, um dort Deutschen wie auch Flüchtlingen Lesen und Schreiben zu vermitteln. Sie entwickelt für die Lerner individuelle Aufgaben, die sich auf die persönlichen Ausgangslagen einstellen.

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