Arbeiten „ohne festen Wohnsitz“

In der neuen Deutschlandzentrale hat Microsoft das „Office“ der Zukunft verwirklicht. Darin bilden sich vor allem veränderte Arbeitsprozesse und Team-Dynamiken ab – und Brüche mit lieben Gewohnheiten.

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Das Familienfoto? Der Stapel noch zu lesender Zeitschriften? Das Modell vom Cabrio? Das Handbuch mit den bunten Markern? Die üblichen Erkennungs- und Unterscheidungsmerkmale auf den Schreibtischen in den Büros dieser Welt, Folgen des Wunsches nach einer individuellen Gestaltung des Arbeitsplatzes. In der neuen Deutschland-Zentrale von Microsoft in München sucht man sie vergeblich. Denn keiner der dort Beschäftigten verfügt mehr über einen persönlichen Schreibtisch. Nomadengleich beziehen sie Tag für Tag ein neues Lager. Die individuellen Gegenstände lagern „after hours“ in einem Spind verstaut, werden dann tagsüber am gewählten Platz genutzt.

Losgelöst von losen Papieren

Was bei einem Gang durch die Büros am meisten auffällt: Die sonst so verbreiteten Post-its am Monitorrahmen fehlen. Genauso wie angeklebte oder angeklammerte Notizzettel. Fehlanzeige auch bei Ablagekörben für Unterlagen, Ausdrucke und dergleichen. Hier hat der Erfinder von „Office“ radikal seine Philosophie umgesetzt, dass alles, was sich auf Papier festhalten lässt, auf digitalen Dokumenten viel besser aufgehoben ist.

Labor-Atmosphäre ohne Hierarchien

„Silodenken und Abschottung haben bei uns ausgedient“, spielte Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung von Microsoft Deutschland, in ihrer Eröffnungsrede auf die alten Insignien der Individualität an. „Wir verstehen unser Büro als offene Plattform und interdisziplinäres Labor für neue Ideen. Mit der neuen Arbeitsumgebung lösen wir räumliche Trennungen auf und fördern die Zusammenarbeit auch über Abteilungs- und Hierarchiegrenzen hinweg. Das Konzept des Work-Life-Flow stelle Menschen in den Mittelpunkt, emanzipiert von Raum und Zeit. „Wir sehen, dass die selbstbestimmte Gestaltung des Alltags mit fließenden Übergängen zwischen Arbeit und Privatem anstelle einer starren Verteilung die Lebenswirklichkeit unserer Mitarbeiter besser abbildet. Wir ermöglichen ihnen damit mehr Flexibilität bei der Organisation des privaten und familiären Alltags.“

Digitaler Spielraum für Individualität

Mit seinem „Smart Workspace“ hat Microsoft in enger Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IAO das Bürokonzept für das Arbeiten 4.0 entwickelt. Bei dieser Vision vom Büro der Zukunft sieht das Unternehmen die Vielfalt seiner Mitarbeiter – „homo digitalis“ nennt ihn der Unternehmensblog – mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und Talenten im Mittelpunkt und will deren individuelle Anforderungen an Arbeitsplatz und Art der Tätigkeit bedienen. „Flexibilität ist hier keine Floskel, sondern ein gewolltes Prinzip“, heißt es in einem Grundlagenpapier. So kann jeder Mitarbeiter selbst entscheiden wie, in welchen Bereichen und in welcher Art er zusammenarbeiten möchte. Vier Arbeitsbereiche stehen dafür zur Verfügung, von Rückzugsorten für Tätigkeiten, die eine hohe Konzentration erfordern, bis hin zu Büroflächen, die bewusst auf Teamarbeit und Kollaboration ausgelegt sind.

Hightech im Konferenzraum

Für große Augen bei Gästen und Besuchern sorgen vor allem die elf Terrassen über den Dächern von Schwabing, die schier endlose Zahl an Konferenzräumen und Meetingflächen, die entspannten Lounges und das eigene Fitnessstudio. Beim Blick auf die Ausstattung der Konferenzräume empfindet mancher Bewunderung, mancher Neid darüber, wenn eine Firma nicht nur auf so modernem technischen Niveau arbeitet, sondern auch noch uneingeschränkt eine Produktlinie durchzieht: Windows 10, Office 365, Microsoft Surface Hub und Skype for Business-Lösungen – das nennt sich „Inhouse“. Was das Unternehmen seinen Kunden schmackhaft machen will - eine speziell für ein neues Zeitalter von vernetzter Teamarbeit, kollaborativer Prozesse und produktiven Meetings entwickelte Systemlösung – ist hier gelebte Anwendung.

Mehr Produktivität durch Flexibilität

Das zugrundeliegende Prinzip: „Wer seine Arbeit flexibel und selbstbestimmt gestalten kann, erreicht nicht nur eine bessere Work-Life-Balance, mehr Motivation und eine höhere Leistungsfähigkeit, sondern befindet sich einem kreativen #worklifeflow“, bringt Microsoft es auf den Punkt. „Flexible Arbeitsformen erhöhen die Innovationskraft und Produktivität im Unternehmen. Eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft belegt, dass Unternehmen mit Vertrauensarbeitszeit bis zu 14 Prozent mehr neue oder verbesserte Produkte auf den Markt bringen, als solche mit herkömmlichen Arbeitszeitregelungen.“ Oder als solche, die sich an ihren Schreibtisch klammern?