Arbeitszeitmodelle – zur Nachahmung empfohlen

Besonders angesehene Beispiele für umfassende Arbeitszeitmodelle finden sich bei der Barmer GEK, bei REWE sowie beim Werkzeugmaschinen- und Laserspezialisten Trumpf. Sie liefern praktisches Anschauungsmaterial für Gestaltungsmöglichkeiten durch das Unternehmen.

Flexibel auch in der Mittagspause

Seit mehr als 40 Jahren bietet die Barmer GEK ihren Beschäftigten flexible Arbeitszeiten an – mehr als 150 Teilzeitmodelle werden heute genutzt. Seit im Herbst 2010 die Kernarbeitszeit abgeschafft wurde, sind die Beschäftigten noch flexibler.

Wie lange ihre Mittagspause dauert, das haben die Mitarbeiter der Barmer GEK nicht nur informell in der Hand, sondern mit offiziellem Segen ihres Dienstherrn: Auf bis zu zwei Stunden kann die Abwesenheit verlängert werden, um beispielsweise Kinder von der Schule abzuholen oder einem pflegebedürftigen Angehörigen das Mittagessen zu kochen. Auch sonst können Dienstbeginn und -ende in Abstimmung mit dem Team individuell ausgestaltet werden.

Außerdem ist festgelegt, dass Urlaubsgeld in Urlaubstage umgewandelt werden kann – bis zu sieben Tage pro Jahr sind möglich. Bei Pflegefällen kann darüber hinaus eine unbezahlte Freistellung wahrgenommen werden, diese wird individuell festgelegt. Zur weiteren Unterstützung werden den Beschäftigten Pflegekurse, beispielsweise zum Thema Demenz, angeboten.

Paten halten den Kontakt ins Arbeitsleben

Um den Wiedereinstieg nach der Elternzeit zu erleichtern, gibt es Seminare und ein Patenschaftsprogramm. Während der familiären Auszeit halten Patinnen und Paten – das heißt, Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Arbeitsbereich – den Kontakt und informieren über Neuigkeiten. Damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nach dem Wiedereinstieg reibungslos funktioniert, werden alle angehenden Führungskräfte in Managementtrainings für das Thema sensibilisiert.

Deutsche Unternehmen tun weiterhin viel, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexible und individualisierte Formen der Arbeitszeitgestaltung zu verbessern. Das hat erst vor wenigen Wochen eine Sonderauswertung (PDF-Download) des Unternehmensmonitors Familienfreundlichkeit des IW Köln ergeben. Das Engagement der Firmen sei verständlich, heißt es im Institut: Acht von zehn Unternehmen sähen im Thema Familienfreundlichkeit einen bedeutenden Faktor für den unternehmerischen Erfolg – auch im Wettbewerb um Fachkräfte.

Mitgestaltung erwünscht

„Den individuellen Ansprüchen und Erfordernissen ihrer Mitarbeiter versuchen die Firmenlenker zu entsprechen, indem sie individualisierte Arbeitszeitmodelle und Vertrauensarbeitszeit anbieten“, so die Analyse, die auf einen bemerkenswerten Fortschritt aufmerksam macht: „Dabei dienen zwar zunächst die betriebliche Notwendigkeiten als Orientierungsrahmen, wenn die konkreten Arbeitszeiten festgelegt werden. Doch die Mitarbeiter haben in rund zwei Dritteln der Unternehmen die Möglichkeit, mitzugestalten, wann und wie genau sie arbeiten.“

Alle zwei Jahre eine neue Wahl

Als beispielhaft in der deutschen Wirtschaft gilt bei Arbeitszeitmodellen derzeit der Ditzinger Werkzeugmaschinen- und Laserspezialist Trumpf. Dort können Arbeitnehmer sich ihre Arbeitszeiten maßschneidern: Je nach persönlichen Wünschen und Lebensphasen dürfen die Beschäftigten deutlich mehr oder deutlich weniger arbeiten, als es Standard-Arbeitszeitverträge bisher erlauben.

„Die Ansprüche unserer Mitarbeiter an ihren Arbeitsplatz verändern sich“, kommentierte Dr. Nicola Leibinger-Kammüller, Vorsitzende der Geschäftsführung, diese Entscheidung bei der Vorstellung des firmeneigenen Modells im Mai 2011. „Vor allem verändern sie sich im Zeitablauf: 25-jährige Hochschulabsolventen möchten anders arbeiten als 40-jährige Väter oder Mütter. Wer auf den Hausbau spart, hat andere zeitliche Wünsche als jemand, der Angehörige pflegen muss."

Kernstück ist, dass die Mitarbeiter regelmäßig alle zwei Jahre selbst entscheiden können, ob sie ihre Wochenarbeitszeit erhöhen oder absenken wollen, und zwar in einem Rahmen von 15 bis 40 Stunden. Daneben steht eine zweite variable Komponente: Bis zu 1.000 Stunden können die Mitarbeiter auf ein individuelles Konto „einzahlen“ und sie später für längere Freizeitblöcke wieder abrufen – oder damit eine zeitweise Arbeitszeitreduzierung „finanzieren".

Drittens gibt es die Möglichkeit, bis zu zwei Jahre lang für die Hälfte des Lohns zu arbeiten, um vor oder nach dieser Phase im Rahmen eines Sabbaticals arbeitsfrei zu sein und dabei ebenfalls den halben Lohn zu beziehen. Weitere kleinere Zeitbausteine runden das Modell ab – etwa die Möglichkeit, unterschiedlich viele Stunden für die betriebliche Altersvorsorge zu arbeiten.

Nicola Leibinger-Kammüller war sich von Anfang an bewusst, dass das neue Modell für Unternehmen und Beschäftigte einen Kraftakt bedeutet. Auch für die Gewerkschaften galt es als ein anspruchsvolles Projekt: „Die Beschäftigten stehen vor der Notwendigkeit, alle zwei Jahre ihre Lebenssituation neu zu überdenken – das bedeutet Verantwortung“, merkte vor zwei Jahren Hans Baur an, der seitens der Gewerkschaft die Verhandlungen über das neue Modell begleitet hatte.

Die Beschäftigten, so der damalige Erste Bevollmächtigter der IG Metall Stuttgart, wollten aber mehr Freiheit, als sich mit einem klassischen 35- oder 40-Stunden-Vertrag abbilden lasse.

Neue Herausforderungen durch demographischen Wandel

Dass sich Arbeitszeitmodelle inzwischen an ganz anderen Gegebenheiten orientieren müssen als noch vor einigen Jahren, darauf weist ein Projekt der REWE Group hin. Es geht auf die steigende Nachfrage nach Auszeiten für die Pflege von Angehörigen ein.

Zur Steigerung der Work-Life-Balance hat die Einzelhandels-Genossenschaft 2011 ein Konzept zur Vereinbarkeit von besonderen Lebenssituationen mit dem Beruf – insbesondere zur Förderung der Pflege naher Familienangehöriger – die Auszeit entwickelt und 2012 sukzessive bei der REWE Group eingeführt.

Die „Auszeit – Pflege“ erlaubt den Mitarbeitern, sich für die Pflege naher Familienangehöriger bis zu sechs Monate vollständig von der Arbeit freistellen zu lassen und danach wieder auf den alten Arbeitsplatz zurückzukehren. Alternativ können sie bis zu zwölf Monate die Arbeitszeit reduzieren und später die vorherige Arbeitszeit wieder aufzunehmen. Sie erhalten während der Auszeit ein entsprechend angepasstes Gehalt und sind somit weiterhin sozialversichert.

Wenn Mitarbeiter zum Beispiel die „Auszeit Pflege“ für insgesamt 18 Monate in Anspruch nehmen, erhalten sie für die Dauer der Freistellung im ersten halben Jahr eine monatliche Vorschussleistung in Höhe von 50% des ursprünglichen Bruttoarbeitsentgelts. Während der anschließenden Phase der Arbeitszeitreduzierung auf 50% der ursprünglichen Arbeitszeit für eine Dauer von weiteren sechs Monaten erhalten sie das anteilig reduzierte Bruttoarbeitsentgelt. In der sechsmonatigen Anschlussphase schließlich nehmen sie die Arbeit wieder mit ihrer ursprünglichen Arbeitszeit auf, erhalten aber zum Ausgleich der Vorschussleistungen ein auf 50% reduziertes Bruttoarbeitsentgelt.