Befristete Arbeitsverträge im Profifußball

21. Juni 2016

Bei der Europameisterschaft in Frankreich stehen wieder die Fußballprofis im Rampenlicht. Viele davon spielen in der deutschen Bundesliga.

Arbeitsrecht

Spielerbeobachter und Manager von Fußballvereinen aus allen großen Fußballligen werden die Spiele genau beobachten und nach der EM neue Spieler für ihren Verein verpflichten. Sie müssen dafür oft sehr hohe Summen investieren, da die Fußballvereine ihre erfolgreichen Angestellten durch längerfristige Verträge gebunden haben. Nachdem durch das Bosmann-Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH RS C-415/93, Urteil vom 15.12.1995) ein Vereinswechsel für Fußballprofis ohne Zahlung von Ablösesummen ermöglicht wurde, sind die Vereine dazu übergegangen, erfolgversprechende Talente und erfolgreiche Fußballprofis durch Mehrjahresverträge zu binden. Bei einem Vereinswechsel erhält der abgebende Verein eine mit dem neuen Verein auszuhandelnde Ablösesumme. Der neue Verein muss den Fußballprofi praktisch aus einem bestehenden Arbeitsvertrag „herauskaufen“.

Ob diese Transferpraxis zukünftig Bestand haben wird, ist durch ein Urteil des Arbeitsgerichtes Mainz vom 19.03.2015 in Frage gestellt worden, jedenfalls für Verträge mit deutschen Vereinen.

 I. Urteil des Arbeitsgerichts Mainz in der Sache Heinz Müller

Der ehemalige Bundesliga-Torwart Heinz Müller hatte beim Arbeitsgericht Mainz geklagt und die Feststellung beantragt, dass sein Arbeitsvertrag mit dem Fußballclub 1. FSV Mainz 05 nicht durch Ablauf der vereinbarten Befristung beendet wurde. Das Arbeitsgericht Mainz prüft die Befristung am Maßstab des § 14 Teilzeit- und Befristungsgesetz (TzBfG) und kommt zu dem scheinbar überraschenden Ergebnis, dass die von nahezu allen Vereinen geübte Praxis der Befristung von Profiverträgen gegen das deutsche Befristungsrecht verstößt.

Nach § 14 TzBfG ist eine Befristung von Arbeitsverträgen grundsätzlich nur für die die ersten zwei Jahre der Laufzeit möglich. Danach ist eine Befristung nur zulässig, wenn es dafür einen sachlichen Grund gibt. Die Befristung eines Fußballprofivertrages könnte allenfalls durch die Eigenart der Arbeitsleistung gerechtfertigt werden.

Wendet man aber die Maßstäbe an, die das Bundesarbeitsgericht für die Befristung eines Arbeitsverhältnisses entwickelt hat, ist ein Befristungsgrund für einen Profivertrag nur schwer erkennbar: Die Branchenüblichkeit kann die Befristungen ebenso wenig rechtfertigen wie das Transfersystem im Weltfußball. Die Verletzungsanfälligkeit von Fußballspielern und die Tatsache, dass die erwarteten Höchstleistungen nur in jüngeren Jahren erbracht werden können, unterscheidet den Profifußballvertrag nicht von anderen Verträgen, die mit einer hohen körperlichen Belastung verbunden sind und eine entsprechende Leistungsfähigkeit voraussetzen. Anders als im Kultur- und Bühnenbereich kann auch das Abwechslungsbedürfnis des Publikums nicht als Begründung für die Notwendigkeit eines ständigen Personalwechsels herangezogen werden. Das Spielt mit elf Spielern hat seinen Reiz nicht durch ständige Veränderungen der Mannschaft oder des Spielsystems, sondern durch den immer neuen Wettkampf mit ungewissem Ausgang.

II. Die Entscheidung LAG Mainz vom 17.02.2016

Zur Erleichterung der Fußballvereine – aber für einen Arbeitsrechtler etwas überraschend – hat das Landesarbeitsgericht Mainz anders entschieden. Das Landesarbeitsgericht nimmt eine Gesamtbetrachtung aller Umstände vor und kommt zu dem Ergebnis, dass die Eigenart der Arbeitsleistung im Profifußball eine Befristung rechtfertigt. Die Begründung ist nicht in allen Punkten überzeugend.

Zunächst stellt das Landesarbeitsgericht fest, dass die bestehende Verletzungsgefahr und das hohe Maß an Unsicherheit, wie lange ein Spieler für die sportlichen und wirtschaftlichen Ziele eines Vereins erfolgversprechend eingesetzt werden kann, eine Befristung nicht rechtfertigt.

Das Landesarbeitsgericht misst aber der Leistungsfähigkeit eines Spielers innerhalb des Mannschaftsgefüges und dem berechtigten Interesse eines Vereins, eine ausgewogene, der sportlichen Zielsetzung gerecht werdende Altersstruktur des Spielerkaders zusammenzustellen, eine wesentliche Bedeutung bei. Rechtlich überzeugen diese Argumente nicht. Eine ausgewogene Altersstruktur und ein gutes Zusammenwirken des einzelnen Arbeitnehmers in einer größeren Gruppe ist für nahezu jedes Wirtschaftsunternehmen wichtig. Auch wird man schwerlich argumentieren können, dass eine ständige Austauschbarkeit für die Absicherung des sportlichen Erfolges notwendig ist. Häufig haben Fußballmannschaften viel größeren Erfolg, wenn die Veränderungen in der Mannschaft über Jahre gering bleiben. Auch waren in früheren Jahren häufige Vereinswechsel nicht üblich und der Profifußball hat trotzdem funktioniert. Damit bleibt ein letztes Argument, das hier kurz unter die Lupe genommen werden soll. Das Landesarbeitsgericht Mainz rechtfertigt die Befristung mit dem Argument, dem Verein wäre es bei Bestehen unbefristete Verträge regelmäßig nicht möglich, sich von einem Spieler, der nicht mehr erfolgversprechend im Spielbetrieb eingesetzt werden kann, im Wege einer ordentlichen Kündigung zu trennen. Insbesondere der Ausspruch einer Kündigung wegen unterdurchschnittlicher Leistung („Low Performer“) würde an nahezu unbehebbaren Darlegungs- und Beweisschwierigkeiten scheitern, da eine Minderleistung in Ermangelung feststehender objektiver Kriterien und eines geeigneten Leistungsmaßstabs kaum darstellbar sein dürften.

Das mag – jenseits der messbaren physischen Leistungsfähigkeit – zutreffend sein unterscheidet aber den Profifußballspieler überhaupt nicht von anderen Arbeitnehmern, an deren Arbeitsleistung komplexere Anforderungen gestellt werden. Wenn man die Rechtsprechung des BAG zugrunde legt, sind Arbeitnehmer wegen Schlechtleistung nahezu unkündbar, es sei denn, ihre Arbeitsaufgabe besteht in einfachen Tätigkeiten, die sich mengenmäßig messen lassen. Im Ergebnis wird mit der Entscheidung des LAG Mainz eine arbeitsrechtlich nicht begründbare Sonderregelung für den Profifußball geschaffen.

III. Ausblick

Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Man darf gespannt sein, wie das Bundesarbeitsgericht entscheidet. Die Revision ist unter dem Aktenzeichen 7 AZR 312/16 anhängig.

Eine Prognose ist nur schwer abzugeben. Einerseits gibt es arbeitsrechtlich kaum überzeugende Argumente für eine wirksame Befristung. Andererseits könnte mit der Entscheidung das bestehende Transfersystem im Profifußball, mit dem Jahr für Jahr Milliarden Euro umgesetzt werden, zu Fall gebracht werden.

Vielleicht ist aber das Dilemma der Fußballvereine auch ein guter Anlass, über die Anforderungen an die Befristung von Arbeitsverträgen oder die Kündigung von nicht (mehr) leistungsfähigen Arbeitnehmern nachzudenken. Da das Bundesarbeitsgericht aber sicher nicht in den nächsten Monaten entscheiden wird, steht dem Transferkarussell nach der Europameisterschaft und vor der neuen Saison (noch) nichts im Wege.

Info zur Person Dr. Reinhard Möller

Dr. Reinhard Möller

Dr. Reinhard Möller, Fachanwalt für Arbeitsrecht, Bartsch Rechtsanwälte. Dr. Reinhard Möller ist Fachanwalt für Arbeitsrecht sowie für Bau- und Architektenrecht bei Bartsch Rechtsanwälte in Karlsruhe. Er studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Marburg, Canterbury (U.K.) und Freiburg. Während seines Referendariats arbeitete Dr. Reinhard Möller bei Thiedmann & Edler in Chicago, Il., einer Kanzlei, die auf die Beratung europäischer Mandanten in deren Muttersprache spezialisiert ist. Dr. Reinhard Möller ist seit 2001 Rechtsanwalt. Er ist in seinen Spezialgebieten als Referent tätig und veröffentlicht regelmäßig Aufsätze und Anmerkungen zu aktuellen Entscheidungen. http://www.bartsch-rechtsanwaelte.de

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