Büro 4.0 – Blick in die Experimentierküche

7. Dezember 2015

Großraum oder Zelle? Präsenz oder Telearbeit? Beim digitalisierten Büro sehen die Experten kontinuierliche Anpassungen an das Optimum als Lösung – abhängig von Wünschen und Bedürfnissen der Mitarbeiter.

Das „Büro 4.0“ kennt verschiedene Geschwindigkeiten der Realisation

  • Einzelne Branchen gehen bei der Digitalisierung des Büros voran, in den meisten hat der Umbau aber noch gar nicht begonnen.
  • Über die richtige Größe und Ausstattung entscheiden die umworbenen Fach- und Führungskräfte.
  • Verschiedene Formen der Zusammenarbeit und der Arbeitsgestaltung bekommen ihre eigenen Räume.
  • Soziales Miteinander gilt den Experten mehr als das Home Office.

Bei der diesjährigen Immobilienfachmesse EXPO REAL saßen Thomas Sattelberger, erfahrener Personalentwickler einst bei der Deutschen Lufthansa, bei Continental und bei der Telekom, Jason Harper, Real Estate Project Executive EMEA bei Google, Udo-Ernst Haner, Leiter des Competence Teams Information Work beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, sowie Stefan Vilsmeier, CEO der Brainlab AG als Unternehmer und Anwender moderner Büroideen, über das Thema „Szenario 4.0: Das Büro der Zukunft ist kein Büro mehr“ zu Gericht. Ihr Verdikt: „Klingt vertrauenserweckend, braucht noch Zeit, darf sich bewähren.“ Dass vier Teilnehmer auf einem Diskussionspodium fast einhellig einer Meinung sind, kommt relativ selten vor. Spannend wird es allerdings, wenn man die Motive für diese Einhelligkeit betrachtet.

„Wie daheim“ bei Google

Am wenigsten überraschend war die Aussage von Harper, „jeder und alle“ Mitarbeiter des Internetriesen solle sich an seinem Arbeitsplatz „wie daheim fühlen“ und „Spaß haben“. Eine andere Aussage hätte sich mit dem Image auch nicht vereinbaren lassen, das sich Google als Arbeitgeber des 21. Jahrhunderts gegeben hat. Da werden dann schon mal beim Neubau Nähe Münchner Hauptbahnhof die Mitglieder der „User Group“ von den Innenarchitekten nach ihren Wünschen gefragt. Es ist wohl dem „Corporate Spirit“ anzurechnen, dass Einzelbüros kaum zu diesen Wünschen zählen. Sie würden, merkt Harper an, sowieso am meisten von jenen gewünscht, „die am meisten auf Reisen sind“.

„Revolutionär oder irrelevant“

Viel spannender gestaltet sich da die Überlegung, wie man wohl flottes Wachstum mit langfristigen Mietverträgen in Einklang bringt, sagte der oberste Raumgestalter Googles in der Alten Welt und machte die Maxime für Funktionalität und Budget klar: „Wir wollen etwas Revolutionäres, denn wer nicht revolutionär ist, wird irgendwann irrelevant.“ Das sieht dann etwa so aus, dass er (als Beispiel) einen regulären Arbeitsplatz im Großraumbüro hat wie alle anderen auch, sich aber in ein ruhige Zone zurückziehen kann, wenn er Abstand braucht.

Auch was den Rest eines Google-Büros für über tausend Mitarbeiter angeht, klingt seine Präsentation ziemlich identisch mit dem, was Kinogänger aus dem Film „prakti.com“ (Original: „The Internship“) kennen. Allerdings sollte man den Gaudi-Faktor nicht zu hoch bewerten: Was dem einen wie eine grandiose Spielwiese für Computer-Kids vorkommen mag, entspricht in Wirklichkeit einer Verwaltung, die sich zu einem Atelier verwandelt – und die Menschen, die darin arbeiten, dürfen diese Metamorphose mitmachen.

Umwälzung ante portas

Als „alter Hase“ in der Transformation von Unternehmenskulturen ließ Thomas Sattelberger keinen Zweifel daran, dass er zwischen dem lockeren Umgang amerikanischer Unternehmen mit der Werkstatt „Büro“ und der kulturellen Institution „Büro“ mehr einen „Gap of Cultures“ sieht. Gerade in Deutschland stünde die Wirtschaft da noch nicht einmal an der Schwelle zu umwälzenden Veränderungen, schließt er aus eigener Anschauung. Das habe allerdings nicht mit dem Festhalten an bewährten Gewohnheiten zu tun oder mit fehlender Bereitschaft zum Wandel, sondern: „Arbeit in Deutschland ist weniger monoton, mehr komplex, und mehr improvisierend als im internationalen Vergleich.“ Allerdings hätten Beschäftigte hierzulande deutlich weniger Freiheit, Entscheidungen zu beeinflussen, was die eigene Arbeit angehe und mit wem man zusammenarbeite. „Sie sind wenig in die Arbeitsprozesse involviert“, so sein Urteil.

Es gibt kein Patentrezept, nur die Empfehlung zum ständigen Verändern

Gleichwohl gebe es in Deutschland im Raum der Software- und IT-Branche eine „Avantgarde“, die beispielgebend voranschreite. Deren Erfahrungen allerdings kämen in den anderen Wirtschaftszweigen nicht oder nur sehr zögerlich an, es gebe „Übersetzungsschwierigkeiten“ bei der Botschaft, dass die „digitale Transformation grundsätzlich bessere Arbeitsbedingungen“ schaffe. Eine Möglichkeit, dieses Dilemma zu überwinden, sieht Sattelberger darin, schon auf der ersten Stufe von Berufsbildern die Grundlagen für eine gewandelte Arbeitswelt zu implementieren: „Es gibt ein paar Grundrezepte: Zum Beispiel sollte man schon bei der Berufsausbildung für Mechaniker und Werkzeugmacher das Thema Digitalisierung aufnehmen.“ Ein zweiter Weg sei es, Inhaber und Führungskräften die Zweifel zu nehmen, dass sie nicht mehr zu grundlegenden Innovationen fähig seien, weil sie nicht mehr an der Spitze des Wissens stünden. „Neugier“ sei für einen Unternehmer noch immer ein probates Rezept, um erfolgreich zu sein.

Geräte definieren den Arbeitsplatz

Eine Neugier, die sich durchaus in betriebswirtschaftlichen Vorteilen niederschlägt, wenn man der Argumentation von IAO-Experte Haner folgt. Über das Arbeitsumfeld ließen sich, so seine Kernbotschaft, „die Leistung stimulieren und ein komfortables Arbeitsklima schaffen“, was sich beides in steigender Produktivität niederschlage. Ausschlaggebend für die Intensität, in der dies umgesetzt werde, sei die Nutzung der Technik. Nicht von ungefähr habe man den Begriff „Arbeitswelt 4.0“ ausgehend von der Frage kreiert: Was prägt die Welt eines Wissensarbeiters? 1.0 sei die Zeit des Stiftes in Kontoren gewesen, 2.0 die Zeit der Schreibmaschine, 3.0 die Zeit des PCs. 4.0 sei nun „die Zeit der digitalen Geräte, die entscheiden, wie ich meinen Arbeitsplatz in Besitz nehme“, so Haner. Dieses Gerät werde künftig das komplette Arbeitsprofil enthalten und ergonomische Einstellungen für den Einzelnen vornehmen. „Ich brauche nichts mehr mitnehmen, ich muss mir nur noch an den für mich richtigen Arbeitsplatz setzen.“

Jede Arbeitsphase hat ihren Raum

Das Büro-Szenario, das Haner von dieser technischen Vision ausgehend zeichnete, glich in vielen Aspekten dessen, was Harper zuvor als Strategie von Google dargestellt hatte: Die Bürolandschaft der nicht allzu fernen Zukunft werde „Hightech Center“, „Community Center“ und „Social Center“ nebeneinander sehen, die so genutzt würden, wie Aufgaben, persönliche Vorlieben und der Bedarf des Unternehmens es vorgäben. Dabei ließen sich der Wunsch der Mitarbeiter nach Work-Life-Balance und der Unternehmen nach langfristiger Bindung von Fachkräften durchaus miteinander verbinden. Der Schlüsselfaktor dabei sei die Autonomie des Einzelnen – sowohl bei der Einteilung der Arbeit als auch bei der Wahl der bevorzugten Arbeitsweise. Zwei Sätze des Wissenschaftlers dürften sich vor diesem Hintergrund als wegweisend zeigen: „Neue Arbeitswelten: Mein Arbeitsplatz? Und wenn ja, wie viele?“ und, daraus folgend: „Es gibt nicht das eine Büro der Zukunft, sondern verschiedene Lösungen.“

Ständiger Umbau

Die Botschaft, die Stefan Vilsmeier aus eigener Erfahrung in einem jungen Unternehmen der Medizintechnik in den Raum stellte, unterstützt diese These. Man habe im Lauf der Zeit die Bürolandschaft immer wieder verändert und arbeite heute mit einer Mischung aus „Open Space“, der in der Regel acht Arbeitsplätze umfasst, sowie mit Dreierbüros. Das habe sich unter kontinuierlicher Begleitung und Beteiligung der Mitarbeiter so ergeben. Ein Status quo sei damit freilich noch nicht erreicht und es sei fraglich, ob der jemals zustande käme, deutete Vilsmeier an: „Wir haben jedes Jahr ein Budget dafür, die Dinge wieder umzubauen.“

Kollegen, Küche, Kreativität

Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Unternehmen im globalen Wettbewerb auch um die besten Mitarbeiter stünden, sei ein solches Verhalten nur logisch. Es gäbe keine große Unterschiede in den Büros in München oder Chicago oder sonst in der Welt – die Trends seien universell. Wichtiger sei etwas anderes: „Die Mitarbeiter gehen deshalb gerne ins Büro, weil sie die Kollegen schätzen, mit denen sie arbeiten. Da hat sich ein starkes soziales Geflecht entwickelt, auch privat. Mitarbeiter schätzen es nicht, jeden Tag woanders zu sitzen, dann fühlen sie sich entwurzelt. Sie wollen ihren festen Arbeitsplatz - auch diejenigen, die häufig unterwegs sind.“ Der Ort, an dem sich alle am liebsten träfen, auch um Meetings abzuhalten, sei übrigens die Küche. Das Firmenrestaurant mit „Front Cooking“ werde hier den Lounge-Bereichen in der Bürolandschaft vorgezogen.

Verliert das Home Office an Charme?

Für manchen Zuhörer überraschend, für die anwesenden Immobilienentwickler aber erfreulich, war die Übereinstimmung Haners und Sattelbergers in ihrem kritischen Blick auf das „Home Office“. Haner merkte an, dass bei einem Zuviel an Telearbeit die Bindung ans Unternehmen nachlasse. Das sei nicht im Sinne des Erfinders: „Zwei bis drei Tage pro Woche sollten … (Mitarbeiter) … im Unternehmen verbringen, um sich als Teil der Gemeinschaft zu fühlen und das Social Bonding zu haben. Das ist ein Mehrwert und dann fließen auch die Ideen.“ Yahoo habe die Heimarbeit beendet, weil die Sinnhaftigkeit der Kultur verloren gegangen sei, sagte Sattelberger. Innovation und Kreativität entstünden heute im Kern über soziale Interaktion. Sein Schluss: „Home-Office macht Sinn in bestimmten Lebenssituationen und -phasen, aber nicht als Soße, die über die Betriebe gegossen wird.“

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