Das Ding läuft. Die Nutzer laufen mit. Irgendwie.

26. August 2013

Was die technischen Möglichkeiten angeht, ist „alles geritzt“ für die Unternehmen. So zumindest klingt es, wenn man sich bei Herstellern von Hardware, Software und Netzwerken umhört. Wer tiefer gräbt, stößt auf nur allzu vertraute Szenarien – und eine ausschließliche Orientierung an den Bedürfnissen der IT.

Fokus liegt auf dem Transport der Daten und nicht auf denen, die sie transportieren

Digitalisierung, das hat der deutsche Mittelstand verstanden, daran führt kein Weg vorbei. Spätestens seit auch das Finanzamt elektronische Unterlagen nicht nur akzeptiert, sondern verlangt, ist die Botschaft angekommen: Ohne Bits und Bites kein Business mehr. Kein Wunder deshalb, wenn die Unternehmensberatung Deloitte bei ihrer jährlichen Firmenbefragung „Digitalisierung im Mittelstand“ auf erwartbare Themenfelder stößt: Datensicherheit und -qualität, Steuerung einer fragmentierten Infrastruktur sowie die Transparenz von Erfolgen, Misserfolgen und Kosten. Als besonders wichtig wurden in diesem Frühjahr eingestuft: Informationssicherheit, Enterprise Collaboration, Mobile Commerce, Business Activity Management und Business Rules Management.

Alles liegt in der Cloud und irgendwie reden die Menschen schon miteinander

So weit gut. Denn für alles das ist der Markt gefüllt mit nützlicher Soft- und Hardware. Er folgt dabei dem Meta-Trend „Unified Communication“, also dem uneingeschränkten und verlustfreien Zugang zu allen Firmendaten und -anwendungen über beliebige Geräte, stationär wie mobil. Die „Cloud“ ist eines der damit verbundenen Werkzeuge, die „Collaboration“ das neu definierte, dazugehörige Arbeitsprinzip – verstanden vor allem als frei gestaltbarer und beliebig definierbarer Kommunikationsraum. Wenn sich die Leute in der Firma irgendwie ständig erreichen können, so der Gedanke, dann können sie auch irgendwie ständig zusammenarbeiten. Hauptsache, die Leitung steht.

Da wundert es nicht, dass in einem Whitepaper zum „Arbeitsplatz der Zukunft“ vor allem von „Herausforderungen für IT-Verantwortliche“ die Rede ist. Darin finden sich Sätze wie „Für die sichere Administration aller Endgeräte ist ein IT-gestütztes Geräte-Management zu implementieren, da eine manuelle Verwaltung zu zeitaufwändig und fehleranfällig wäre.“ Oder: „Ergänzend hierzu erhalten Anwender Unterstützung durch automatisierte IT-Service-Prozesse, die sie eigenständig über Selbstbedienungsportale aufrufen können. Die IT-Abteilung wird so von wiederkehrenden administrativen Aufgaben entlastet, wie das Rücksetzen von Passwörtern oder die Freigabe von Ressourcen.“

Uneingeschränkter Zugriff „auf alles“

Von Schulungen und Trainings, von Regeln für das menschliche Miteinander der Vernetzten oder von einer auf die neuen Techniken ausgerichteten Personalentwicklung ist nichts zu lesen. Zumal ja „ein schneller und unkomplizierter Zugriff auf Informationen, Dokumente, Applikationen und andere Mitarbeiter“ (Hervorhebung durch die Redaktion) die Grundlage für die Wettbewerbsfähigkeit einer Organisation sein soll. Dafür gibt es den Hinweis, vorhandene IT-Compliance-Regeln seien zu ergänzen, „beispielsweise um zu klären, wem unternehmensrelevante Daten nach Ausscheiden eines Mitarbeiters gehören“.

IT-Verantwortliche greifen nach der Verantwortung bei Collaboration

Wenn es denn Weiterbildung geben soll, dann sehen die Whitepaper-Autoren die Hilfe innerhalb der neuen IT-Welten selbst. „Mitarbeiter müssen sich künftig ihre benötigten Kompetenzen schnell und einfach aneignen können“, schreiben sie und gehen von einem Idealbild des lernwilligen und lernfähigen Mitarbeiters aus. „Mit Hilfe Cloud-basierter E-Learning-Plattformen lassen sich traditionelle Lernformen dem jeweiligen Qualifizierungsbedarf anpassen. Im Vordergrund steht selbst-organisiertes Lernen, das eng an die jeweiligen Arbeitsprozesse angelehnt ist.“

IT-Abteilungen betrachten Collaboration als ihre Aufgabe

Ähnlich wie das Thema „Bring Your Own Device“ ist vor diesem Hintergrund in den meisten Unternehmen die Collaboration die Domäne der IT-Abteilungen. In der jährliche IT-Trends Studie, für die Capgemini im September und Oktober 2012 die IT-Verantwortlichen von 168 Großunternehmen im deutschsprachigen Raum zum Status quo der Unternehmens-IT befragte, rückte Enterprise Collaboration in diesem so stark nach oben, dass es einen Platz unter den fünf wichtigsten Themen nur knapp verpasste.

„Die in vielen Unternehmen steigenden Nutzerzahlen bei Enterprise Collaboration – stark getrieben von den 'Social Natives' – zeigen, dass es einen großen Bedarf an diesen Plattformen gibt. Darauf haben die CIOs reagiert", deutete Dr. Peter Lempp, Chief Operating Officer, Application Services bei Capgemini in Deutschland, die Ergebnisse der Studie. „Auch die erneut hohe Bewertung von Social-Media-Integration passt in diese Entwicklung.“

Mail-Programme bekommen einen sozialen Touch

Als beglückend werden in solcher Situation Meldungen wie die eines großen IT-Herstellers empfunden, man kümmere sich darum, dass die E-Mail-Kommunikation im Social Business Zeitalter bestehen könne und habe die vorhandene Social-Business-Plattform um eine voll-integrierte Social-Mail-Lösung erweitert: „Durch den einfachen zentralen Zugriff auf alle Collaboration Tools steigt die Produktivität und Innovationen werden beschleunigt.“

Als Beispiel wird ein Mitarbeiter angeführt, der an einem neuen Marketing-Projekt arbeitet, und nunmehr von einer einzigen Benutzeroberfläche aus sowohl seine Mails checken, als auch die Aktivitäten anderer Teammitglieder im Auge behalten, Daten austauschen, oder Blogs zum Thema lesen könne. Das überzeugende Argument: „Der mobile Zugriff ist über so gut wie alle am Markt befindlichen mobilen Endgeräte möglich – egal ob iPhone, Android, Windows Phone oder sogar das neue Blackberry 10.“

Menschliche Wegweiser haben eine Schlüsselrolle

Wenn es aber darum geht, den Mitarbeitern zu erklären, welches System für welchen Zweck dienlich ist, welche Regeln für die Nutzung von Geräten und Daten gelten oder wie man mit Kolleginnen und Kollegen umgeht, die gerade mal „off“ oder „afk“ (away from keyboard) sind, ist wenig Verlass auf technische Hilfe. Dann sind, wie Jacob Morgan sagt, einer der führenden Collaboration-Vordenker, Vorbilder und Führungskräfte gefragt, die mit gutem Beispiel vorangehen. Und Personalabteilungen, die für die Schlüsselpositionen der Collaboration jene Talente heraussuchen und entwickeln, die die Technik beherrschen, aber die Menschen erreichen. Angeblich gibt es schon eine Software dafür…

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