Die Digitalisierungs-Uhr tickt schneller

10. Februar 2016

Ein neues „Zeitgefühl“ bräuchten Unternehmen, um die dynamische Entwicklung der Digitalisierung mitzugehen, sagt Dr. Christoph Kahlenberg. Der Leiter der Randstad Akademie sieht beim digitalen Wandel der Wirtschaft ein deutlich höheres Tempo der Veränderung, als die meisten Firmen es bisher gewohnt sind.

Die Digitalisierung entwickelt sich rasant

Wenn Sie den Status der Digitalisierung von vor zwölf Monaten mit heute vergleichen – wo sehen Sie die stärksten Veränderungen?

Dr. Christoph Kahlenberg Dort, wo sich das Bewusstsein für das Thema verschärft hat. Digitalisierung ist kein Fremdwort mehr. Dazu haben vor allem die Medien beigetragen, die sich des Themas angenommen haben, insbesondere im Kontext der Cebit und der Hannover-Messe im letzten Jahr. Ich sehe als Konsequenz daraus auch eine beschleunigte Verbreitung und Entwicklung des Themas quer durch die Gesellschaft. Das Beruhigende daran ist die Kontinuität, in der das stattfindet. Bisher jedenfalls sind keine Schockwellen zu erkennen.

Welche Entwicklung hat Sie am meisten beeindruckt?

Dr. Christoph Kahlenberg Die Geschwindigkeit, die die Entwicklung inzwischen aufgenommen hat. Wir nähern uns bei der Digitalisierung der „Selbstverständlichkeit“. Bestes Beispiel sind Personalsuche und Personalgewinnung; da sind die digitalen Wege bereits etabliert. Wobei es insgesamt gesehen natürlich Branchen gibt, die vorauseilen, und andere, die sich noch sehr zurückhalten.

Hat Sie etwas überrascht?

Dr. Christoph Kahlenberg Dass es noch relativ viele Unternehmen gibt, die keine Strategie für die Digitalisierung haben und glauben, sie könnten noch abwarten. Die verlassen sich darauf, dass die alten Kanäle und Methoden weiter funktionieren. Das könnte sich als fataler Irrtum erweisen.

Wo genau ist dieser Irrtum anzusiedeln?

Dr. Christoph Kahlenberg Wir befinden uns in einer stabilen Konjunkturlage, die Betriebe laufen überwiegend gut. Die Grundlagen dafür kommen zum großen Teil noch aus der Zeit vor der Digitalisierung. Sie erscheinen bewährt, verlässlich, effizient. Was viele nicht sehen oder sehen wollen: Das kann sich heutzutage innerhalb kürzester Zeit ins Gegenteil verkehren. Dann kommen auf der Digitalisierungswelle die Ubers und AirBnBs geschwommen und stellen jahrzehntelang erfolgreiche Geschäftsmodelle in Frage. Kurzum: In vielen Unternehmen fehlt das digitale Zeitgefühl.

Das bedeutet konkret?

Dr. Christoph Kahlenberg Die Abstände zwischen Veränderungen haben sich dramatisch verkürzt. Früher konnte man sich ein oder gar zwei Generationen auf den Wandel einstellen – manche haben sich den Fortschritt einfach mit dem nächsten Ingenieursjahrgang ins Haus geholt und dann wirken lassen. Das ist vorbei. Das Bestandswissen verliert oft kurzfristig an Wert, es droht Kontrollverlust.

Einer der wichtigsten Angelpunkte ist hier der Datenschutz

Wie groß ist aus Ihrer Sicht der menschliche Faktor bei Umsetzung und Akzeptanz der Digitalisierung?

Dr. Christoph Kahlenberg Einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte sind hier der Datenschutz und die Datensicherheit. Verglichen mit anderen Verhaltensweisen sind beide relativ jung und noch lange nicht in den Verhaltensmustern verankert. Dort aber können typisch menschliche Schwächen den größten Schaden anrichten. Und wir dürfen natürlich nicht jene Menschen aus den Augen verlieren, die potentiell zu den Verlierern der Digitalisierung gehören. Das werden unter Umständen nicht die „ganz oben“ und nicht die „ganz unten“ sein, sondern in jenen Ebenen, wo ein Helfer, geführt vom Tablet, die Fachkraft ersetzt.

Wer tut sich leichter beim Verändern: Büro oder Produktion?

Dr. Christoph Kahlenberg In der Produktion ist allein über die Begrifflichkeit ‚Industrie 4.0‘ das Thema schon sehr präsent. In der Verwaltung werden die anstehenden Veränderungen aus meiner Sicht noch stark unterschätzt.

Wie steht es denn um das Thema beim Personaldienstleister Randstad? Sie sind ja einerseits als Unternehmen selbst betroffen und müssen andererseits auf die Veränderungen bei Ihren Kunden reagieren ...

Dr. Christoph Kahlenberg Wir befinden uns auf einem vergleichsweise guten Stand der Entwicklung, weil wir schon vor Jahren begonnen haben, Schritt für Schritt die Digitalisierung umzusetzen, zum Beispiel mit der digitalen Personalakte. Aber wir haben in der Tat beim Tempo und beim Grad der Umsetzung zu differenzieren, wo unsere Kunden sich befinden. Wir wollen da alle Gruppen bedarfsgerecht ansprechen und wollen niemanden drängen. Die Kunden geben den Takt vor, wir bringen die Instrumente mit – und sind in der Lage, gegebenenfalls sehr schnell auf Wettbewerbsdruck und Veränderungen beim Kunden zu reagieren. Das bedeutet aber auch: Wir sind noch lange nicht am Ende der Veränderung bei uns selbst angekommen.

Aus welchen Branchen kommen denn derzeit die intensivsten Anforderungen?

Dr. Christoph Kahlenberg Ganz eindeutig: Automotive. Das ist eine Exportbranche, da greift auf allen Ebenen die Globalisierung. Und Globalisierung bedeutet Digitalisierung. Anders bekommt man da keinen Fuß mehr auf den Boden. Der Satz „je digitaler, desto globaler“ lässt sich in beide Richtungen lesen.

Wenn Sie nochmals ins Thema einsteigen müssten: Würden Sie etwas anders machen?

Dr. Christoph Kahlenberg Ich würde früher ins Thema einsteigen. Ich würde eher riskieren, Innovationen vorwegzunehmen. Mit dem Risiko allerdings, dass die Folgen viel schwerer abzuschätzen sind. Bei der Rekrutierung zum Beispiel haben wir auf den digitalen Kanälen eine gewaltige Dynamik und unzählige neue Erfahrungen. Aber so richtig zum Überprüfen und Reflektieren, ob das schneller, besser und schöner ist, sind wir noch gar nicht gekommen.

Info zur Person Dr. Christoph Kahlenberg

Dr. Christoph Kahlenberg ist Leiter der Randstad Akademie. Das Erkennen von Trends auf dem Arbeitsmarkt und die daraus resultierende Entwicklung entsprechender innovativer, arbeitsmarktnaher Qualifizierungen ist eines der Hauptziele dieser 2007 ins Leben gerufenen Einrichtung für alle Zeitarbeitnehmer bei Randstad.

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