„Die meisten merken zu spät, dass vorhandenes Wissen überholt ist“

7. Dezember 2015

Als Folge der vernetzten Wirtschaft bekommt Wissensarbeit einen neuen Stellenwert im Unternehmen. Die meisten Firmen und Führungskräfte sind darauf nach Ansicht von Bernd Fiedler, Autor des Buches „K-Working“, nur unzureichend vorbereitet.

Wissensarbeit verdient höhere Wertschätzung und Sorgfalt in den Unternehmen

  • Unternehmen haben Wissen als wertvolle Ressource erkannt, gehen aber noch wenig sorgfältig damit um.
  • Die nötige Qualifikation bei Führungskräften und Mitarbeitern ist schon vorhanden.
  • Die Aufgabe besteht darin, eine ausgeglichene technisch-menschliche Basis für die Verarbeitung des Wissens im Unternehmen zu schaffen.
  • Die Übernahme von Verantwortung folgt dann neuen Kriterien abseits der Hierarchie.

Sie haben Ihr Buch „K-Working“ genannt, weil es bei der Wissensarbeit von heute um Köpfe, Koordination, Kommunikation und Kollaboration geht. Haben diese Bereiche außer dem Anfangsbuchstaben eigentlich schon genügend gemeinsam, dass sie auch zusammenwirken?

Bernd Fiedler: Aus meiner Sicht sind das unterschiedliche Betrachtungswinkel auf ein und dasselbe Thema: „Arbeiten in einer Welt der sozialen Vernetzung“. Des Medium, das das alles zusammenwirken lässt, ist das fünfte „K“ - die Kultur. Das mit den Anfangsbuchstaben ist natürlich nur eine Spielerei, aber manchmal passt es eben. Und grade das „K“ steht im Englischen gerne für Knowledge. Und um Wissensarbeit geht es ja.

Wie weit ist denn überhaupt schon in den Unternehmen das Bewusstsein vorhanden, welchen Wert Wissensarbeit hat, geschweige denn, wie man sie in den Status quo einbaut?

Bernd Fiedler: Tja, das erlebe ich tatsächlich als etwas schizophren. Wenn man Unternehmer fragt, welche Rolle Wissen spielt, dann haben sie es längst als wichtigste Ressource erkannt. Fragt man, was sie dafür tun, erntet man nur ein Schulterzucken. Mir kommt es manchmal vor, als ob Wissen als selbstverständliche Ressource angesehen wird. Ähnlich wie Luft. Man braucht sie, man will nichts dafür zahlen, und dass sie schlecht wird, merkt man erst, wenn sie anfängt zu stinken. Mit der Wissensarbeit ist es ganz ähnlich. In den Augen der Unternehmer ist sie selbstverständlich. Schließlich entlohnt man ja seine Mitarbeiter dafür. Doch will ich gute Wissensarbeit haben, muss ich eine Umgebung schaffen (die 5 Ks), in der Wissen gedeiht. Das bedeutet Aufwand, aber auch einen signifikanten Wettbewerbsvorteil.

Was macht den Stellenwert von Wissen in Unternehmen Ihrer Meinung nach aus?

Bernd Fiedler: Erfolgreiche Unternehmen treffen gute Entscheidungen. Wissen wiederum ist all das, auf das man zugreift, um eine Entscheidung treffen zu können. Die eigene Erfahrung und die der anderen. Oder Informationen über die Sachlage und eine gewisse Wertvorstellung. Also muss es doch allen Unternehmen daran gelegen sein, eine optimale technisch-menschliche Wissensbasis zu schaffen, um einerseits die Kundenanforderung zu erfüllen und andererseits das Unternehmen möglichst einzigartig zu machen.

Bringen auch die Mitarbeiter schon die richtigen Qualifikationen mit, die es dafür braucht? Muss man da differenzieren zwischen jüngeren und älteren Mitarbeitern und anschließend eine Integration herbeiführen?

Bernd Fiedler: An Qualifikationen mangelt es uns nicht. Es braucht den richtigen Geist und die richtige Einstellung für diese Art von Arbeit. Nicht nur bei den Mitarbeitern, sondern auch bei den Führungskräften und der Unternehmensleitung. Es gibt aus meiner Erfahrung keinen zwingenden Zusammenhang bezüglich der Generationen. Die Jungen tun sich mit der Technik vielleicht etwas leichter, wissen aber nicht so recht, wie sie sie gezielt einsetzen. Die Alten wissen, was zu tun ist, suchen aber vielleicht zu lange nach einer geeigneten Technik. Doch hier gibt es jede Menge Ausnahmen, die solch eine Regel bestätigen.

Was brauchen wir denn dann?

Bernd Fiedler: Bezüglich einer gelungenen Wissensarbeit erleben wir heute tiefe Gräben, die durch das Unternehmen gehen. Die einen leben in klaren Strukturen, wissen daher wohin sie wollen, sind aber unflexibel. Die anderen denken in Netzen, sind aber einigermaßen orientierungslos. Beides hilft uns so separat nicht weiter. Darum geht es in „K-Working“. Wir müssen dem Chaos einen Raum geben, darin Strukturen erkennen, denen wir folgen, es aber auch nicht als schlimm erachten, wenn sich die Wege beim Gehen ändern und eventuell sich der ein oder andere Weg als falsch erweist.

Veränderte Strukturen beim Umgang mit Fehlern und Mitarbeitern sind nötig

Sie sehen Verantwortung - übertragene wie selbst ergriffene - als Hebelpunkt für das Miteinander beim K-Working. Aus welchen Kanälen lässt sich denn die Verantwortungsbereitschaft speisen, die es dafür braucht?

Bernd Fiedler: Ich denke, wir müssen Verantwortung neu definieren. In der industriellen Denke (19XX) war klar, dass jeder Verantwortliche die Folgen seines Handelns überblicken kann. In einer vernetzten Wissensarbeits-Welt (20XX) verstehen wir immer weniger das Ursachen-Wirkungs-System. Was wir tun können, ist, dass wir Last auf das System geben und zusehen, was hinten rauskommt. Mit Verantwortung in traditionellen Sinne ist das nicht mehr abbildbar. Zumindest nicht, ohne dass wir unsere Führungskräfte sauer fahren. Wir müssen diese Komplexität erkennen, zulassen und sehen, wie wir die Übernahme von Verantwortung hier sinnvoll integrieren. So ist es schwer zu sagen, wer an der Misere des Berliner Flughafens die Verantwortung trägt. Dinge scheinen einfach zu passieren.

Haben Sie schon eine Idee, wie das aussehen könnte?

Bernd Fiedler: Wir reden heute von der Übernahme von Verantwortung. Man „verantwortet einen Bereich“. Da liegt die Angst schon im System. Fehler ziehen Sanktionen nach sich und sorgen so für zögerliche Entscheidungen. Die wiederum verursachen erneute Fehler. Und um dem Stuhl der Führungskräfte - an dem schon kräftig gesägt wird - lauern die Haie. Was wir brauchen, ist ein deutlicheres Verantwortungsbewusstsein, ein gewisser Respekt vor den möglichen Folgen einer Entscheidung. Mit Folgen sind hier nicht „Strafen“ gemeint, sondern Schaden für das Unternehmen, seine Kunden oder Mitarbeiter. Mutige Leute haben vielleicht keine Angst vor dem Ergebnis, aber Respekt vor dem, wie es zustande kommt.

Sind die Unternehmen bzw. die Personalverantwortlichen darauf (richtig) vorbereitet?

Bernd Fiedler: Nein, definitiv nicht und das völlig ohne Vorwurf. Wie schon erwähnt, ist zwar diese Art zu denken nicht neu, aber sie wird nun rasant immer wichtiger. Da die Vernetzung der Arbeitswelt immer schneller und globaler voranschreitet und sich auch die Arbeit selbst weg von der automatisierten Arbeit – die übernimmt die Technik – hin zur Wissensarbeit entwickelt. Viele Personalabteilungen behandeln ihre Mitarbeiter ähnlich wie Betriebsmittel. Viele, mit denen ich gesprochen habe, spüren aber bereits ganz deutlich, dass sie etwas zu ändern haben, suchen aber noch nach Ansätzen und so mancher tut es auch schon. Klar werden hierbei auch Fehler gemacht, aber viel schlimmer wäre es, hier nichts zu tun.

Ist Wissensarbeit mit klassischer Hierarchie vereinbar?

Bernd Fiedler: Vereinbar schon, sie bremst sie aber aus. Hierarchien sind eindeutig und somit einfach und schnell. Für Kriseneinsatzkräfte nach wie vor die beste Lösung. Wissensarbeit funktioniert am besten in der Vernetzung. Sie kommt dort an, wo sie gebraucht wird, und wird von den Leuten bereitgestellt, die am besten dafür geeignet sind.

Info zur Person Bernd Fiedler

Bernd Fiedler, „Jahrgang 2015“ und Autor des Buches http://www.epubli.de/shop/buch/K-Working---Sinnierbuch-zur-Zukunft-der-W... „K-Working“, über sich selbst: „Mein Berufsleben begann ich bei der Luftwaffe, wo ich mich schon früh für Führung und Personalentwicklung interessierte. Anschließend studierte ich Wirtschaftsingenieurwesen und während dieser Zeit setzte ich mich mit Wissensmanagement auseinander. Seit 15 Jahren bin ich nun in der IT tätig, immer an der Schnittstelle zwischen den Anwendern und den Technikern. http://www.berndfiedler.de

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