Ergonomie bewegt die Produktivität

31. Juli 2012

Wenn Arbeitsplätze sich den Menschen anpassen, gewinnen alle Beteiligten: Mitarbeiter sind motivierter, Unternehmen produktiver und Kunden überzeugter.

Ergonomie bewegt die Produktivität

Was Physik mit Produktivität im Unternehmen zu tun hat? Jede Menge. Das fängt mit der einfachen Formel an: Leistung ist gleich Arbeit durch Zeit. Und je mehr Arbeit in einer bestimmten Zeit möglich ist, desto höher die Leistung. Wären da nicht die Reibungsverluste, die der Erdanziehung und anderen widrigen Faktoren geschuldet sind. Zum Beispiel mangelnde Ergonomie am Arbeitsplatz, die verhindert, dass sich Kräfte optimal entfalten. In Verbindung mit dem betrieblichen Gesundheitsmanagement bietet sich daher auf diesem Feld für Unternehmen aller Größen und Ausrichtungen der unmittelbare Zugang zu mehr Produktivität.

Zwar ist die Motivation bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern in der Regel unterschiedlich ausgeprägt, warum ihnen daran gelegen ist, die jeweiligen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Nicht zu bestreiten ist allerdings, dass beide etwas davon haben, wenn der Betrieb etwas unternimmt, um die Arbeits- und Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu fördern. Ergonomie ist hierbei das Mittel der Wahl, die Arbeitswelt an die Möglichkeiten der Menschen anzupassen. Das fängt bei so einfach Dingen wie einer augenschonenden Beleuchtung und rückenschonenden Bürostühlen an, das schließt haltungsgerecht gestaltete Bedienfelder und Tastaturen ein und betrifft dort, wo in Gebrauch, auch Form und Material von Arbeitskleidung. Bewegungsfreiheit, Lärmbelastung, schlechte Luft oder mangelhafte Pausen- und Sozialräume sind als Störfaktoren ebenfalls von Bedeutung.

Viele Maßnahmen, die in diesem Bereich heute verbessernd greifen, gehen auf gesetzliche Regeln und Vorschriften zurück, die zum Schutz der Beschäftigten eingeführt wurden und auf den fortschreitenden Erkenntnissen der Arbeitsmedizin beruhen. Deren Statistiken belegen seit vielen Jahren nachdrücklich: Krankheitstage haben nicht nur Bakterien und Viren als Ursache.

Investitionen in Ergonomie machen sich vielfach bezahlt

Nicht minder bedeutend ist Ergonomie heute daher für wirtschaftliche Überlegungen eines Unternehmens, allen voran bei der Qualitätssicherung. So ist sie überall dort im Spiel, wo es um die Sicherheit im Betrieb geht.

  • Beispiel Lkw-Führerhaus: Wenn bekannt ist, dass nur wenige Grad Abweichung von der Idealtemperatur von 22 Grad nach oben oder unten die Wachheit und Reaktionsfähigkeit der Fahrer dramatisch verschlechtern, sorgen präzise arbeitende Klimaanlagen neben Komfort für das Personal auch für dessen optimale Arbeitsfähigkeit.
  • Beispiel Uniform: Wenn Polizeiorganisationen genauso wie Fluggesellschaften heute die Arbeitskleidung ihres Personals bei renommierten Modeschöpfern designen lassen, liegt das weniger an der Sehnsucht nach dem „dernier cri“, sondern am Wunsch nach zuverlässigem Sitz und maximaler Funktionalität.
  • Beispiel Monitor: Der Mittelpunkt jedes Bildschirmarbeitsplatzes ist heute ganz selbstverständlich augenschonend und beweglich angelegt. Die Forschung hat gezeigt: Pro Tag bewegt sich der Blick von Bildschirmbenutzern rund 30.000 Mal zwischen Schreibtisch, Tastatur, Monitor sowie unterschiedlichen Lichtverhältnissen Farben und Kontrasten. Ist der Bildschirmarbeitsplatz nicht optimal eingerichtet und herrscht auch noch trockene Luft im Raum, sind Beschwerden wie Augenschmerzen, Tränen, Juckreiz oder Kopfschmerzen die Folge – und mindern die Leistungskraft des Nutzers.
  • Was in immer mehr Firmen inzwischen in die betriebswirtschaftliche Kalkulation einfließt: Krankheitsbedingte Fehlzeiten verursachen letztlich unproduktive Kosten für die Behandlung und Überbrückung der Folgen und Nebenwirkungen. Das gleiche Geld in Vorsorge und Ergonomie investiert, erhöht dagegen die aktive Wirtschaftlichkeit. Diese Wirkung greift auch in den Grauzonen: Wenn Mitarbeiter zwar anwesend, aber aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen nur eingeschränkt leistungsfähig sind, so schätzen Arbeitsmediziner, können nur 50 bis 70 Prozent der normalen Leistung abgerufen werden. Allein einfaches Unwohlsein während der Arbeitszeit kann die Arbeitsleistung um 25 Prozent vermindern.

Ergonomie findet nicht nur am einzelnen Arbeitsplatz statt, sondern wird von Faktoren im ganzen Betrieb bestimmt

Aus den Empfehlungen der Berufsgenossenschaften, aus Gesprächen mit Arbeitsmedizinern und deren Analysen sowie aus den Ratgebern der Firmendienste großer Krankenkassen lassen sich zahlreiche Impulse gewinnen, wie sich mehr Ergonomie im Unternehmen herstellen lässt. Arbeitsplatzanalysen im Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung, wie sie die Kassen und zahlreiche private Anbieter im Programm haben, ermitteln spezifische Ursachen für krankheitsbedingte Fehlzeiten am Arbeitsplatz nach ergonomischen Kriterien. Bewertet werden dabei sowohl die Arbeitsplatzgestaltung, die Arbeitsplatzumgebung, die betriebliche Arbeitsorganisation, als auch der Arbeitsvorgang und das individuelle Arbeitsverhalten des einzelnen Beschäftigten.

Denn erfahrungsgemäß beeinflussen auch Faktoren die Ergonomie eines Unternehmens im Ganzen und im Detail, die nicht nur mit der konkreten Gestaltung und Ausstattung von Arbeitsplätzen zu tun haben. Auch die Organisation, die Infrastruktur oder die Kommunikation im Unternehmen nehmen Einfluss auf die Gesetzmäßigkeit (griechisch „nomos“) der Arbeit (griechisch „ergon“). Das Ergebnis solcher Analysen schafft die Grundlage für weitere spezifische Maßnahmen und unterstützt die Unternehmen darin, den gesetzlichen Auftrag zur Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung zu erfüllen. Mit der Einbindung der Mitarbeiter und der betrieblichen Experten, wie z.B. Sicherheitskräfte und Betriebsräte, wird zudem in der Regel unmittelbar eine Verbesserung des Betriebsklimas und der Arbeitszufriedenheit erreicht.

Innerbetriebliche Maßnahmen und Programme versprechen ebenfalls gute Ansatzpunkte, um unzureichende Zustände zu verbessern. In der Kreis- und Stadtsparkasse Speyer etwa rücken speziell ausgebildete „Ergo-Scouts“ den Rückenschmerzen auf die Pelle, der am meisten verbreiteten Gesundheitsstörung an Büroarbeitsplätzen. „Unser Ziel hierbei ist es die Gesundheitsreserven unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu stärken um dadurch das Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu verbessern“, unterstreicht Personalratsvorsitzender Kurt Scherer, der zugleich für das Gesundheitsmanagement verantwortlich ist. Grundlage für die Arbeit ist eine Ergo-Scout-Schulung, die gemeinsam mit dem „Netzwerk Betriebliche Gesundheitsförderung Speyer“ und der AOK Rheinland-Pfalz durchgeführt wurde. Die Aufgabe der „Ergo-Scouts“ besteht darin, Ursachen für krankheitsbedingte Fehlzeiten am Arbeitsplatz nach ergonomischen Kriterien zu ermitteln, Lösungen zu erarbeiten und in der Sparkasse umzusetzen. „Diese können sowohl in der Arbeitsplatzgestaltung und der betrieblichen Arbeitsorganisation als auch im individuellen Arbeitsverhalten der Sparkassenmitarbeiter begründet sein“, bekräftigt Scherer. Er verweist darauf, dass jeder Arbeitsplatz durch unterschiedlichste Belastungen gekennzeichnet ist. Schwere körperliche Arbeiten oder monotone Arbeitsabläufe stellen ebenso wie das Arbeiten am Bildschirm gesundheitliche Herausforderungen dar. Die Folgen „belastender“ Arbeitsplätze sind oftmals krankheitsbedingte Fehlzeiten, Leistungsabfall und drohende Demotivation der Beschäftigten.

Betriebliches Gesundheitsmanagement und Überlegungen zu ergonomischen Verbesserungen sind untrennbar miteinander verbunden

Bei der Hilti Kunststofftechnik GmbH hat 2010 eine umfangreiche Werkserweiterung im schwäbischen Nersingen zu ergonomischen Fortschritten geführt. Dabei wurden die neuesten Standards zur gesundheitsfördernden Arbeitswelt berücksichtigt. Zum Beispiel ist das gesamte Werk mit einer tageslichtabhängigen Beleuchtungssteuerung und einer leistungsstarken Belüftung, die für ein optimales Raumklima sorgt, ausgestattet. In der Produktion wie auch in den Büros wurde auf die ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze größten Wert gelegt, z. B. verfügen die Büroarbeitsplätze über höhenverstellbare Schreibtische. Für die 2009 aufgenommenen jährlichen Gesundheitstage wurde der Betrieb „stillgelegt“, so dass alle Beschäftigten teilnehmen konnten. Die Gesundheitstage wie auch die daraus entstandenen Kursangebote wurden vom und im Betrieb entwickelt, organisiert und finanziert. Die durchgeführten Maßnahmen wie Gesundheitstage, Workshops und Kursangebote wurden fortwährend evaluiert. Dadurch können stets neue Angebote entwickelt werden und die Beteiligung der Beschäftigten ist gesichert.

Für den Chemieriesen BASF wiederum überprüfen im Auftrag des Vorstands für das Programm „Responsible Care“ Fachleute für Sicherheit, Umwelt und Arbeitsmedizin alle Standorte und Betriebe. Sie erfassen anhand genau definierter Kriterien, wie die vorgegebenen Standards umgesetzt werden. Die Audits zu Sicherheit und Umweltschutz sowie zu Arbeitsmedizin und Gesundheitsschutz werden separat an BASF-Standorten und bei Unternehmen mit Mehrheitsbeteiligung durch BASF durchgeführt. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengebracht: So entsteht für jeden Standort ein umfassendes Profil seiner Leistungen. Bei den Revisionen untersuchen die internationalen Teams zunächst, welche Leistungen an einem Standort oder in einem bestimmten Betrieb für Umwelt, Sicherheit und Gesundheit erbracht werden. Das reicht von Arbeitssicherheit und medizinischen Einrichtungen bis hin zur Frage, wie effektiv die Organisation eines Standorts funktioniert oder wie Verantwortlichkeiten definiert sind. Ebenso fließt das individuelle Sicherheitsverhalten der Mitarbeiter oder eben auch die Ergonomie der Arbeitsplätze in die Bewertung ein. Zusätzlich zu den Leistungen des untersuchten Betriebes wird sein Gefahrenpotenzial oder Gesundheitsrisiko ermittelt. Dieser Wert ergibt sich aus den verwendeten Stoffen, den Prozessen und dem Umfeld des Standorts.

Ziel der Audits: „Sie sind ein wichtiges Instrument, um unsere Standorte und Anlagen noch sicherer zu machen. Damit tragen sie dazu bei, dass wir für Mitarbeiter, Anwohner, Kunden und Behörden ein vertrauenswürdiger Partner sind“, wirbt die BASF in der Öffentlichkeit mit diesem Engagement. Denn in den aufgeklärten und kritischen Augen und Ohren von Kunden und Konsumenten gehört solche Vorsicht und Vorsorge längst auch zu den Kriterien, an denen die Qualität eines Unternehmens gemessen wird. Sie sind zu einer messbaren Gesetzmäßigkeit des Arbeitens geworden – es ist im Wettbewerb mithin sehr ergonomisch, sich um Ergonomie zu kümmern.

Eine Broschüre der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) mit nüztlichen Tipps zum Thema finden sie hier.

investor relations