Fragen an Dr. Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender FESTO

25. Januar 2016

Die zunehmende Digitalisierung der Produktion (Industrie 4.0) wird unsere Wirtschaft und das Arbeiten (Arbeit 4.0) massiv verändern. Produktionsketten werden durch die Digitalisierung intelligenter, Roboter und Mensch arbeiten Hand in Hand.

Neue Technologien verändern gesamte Wertschöpfungsketten

Welche Konsequenzen hat der digitale Wandel für die deutsche Wirtschaft und wie kann sie davon profitieren?

Dr. Eberhard Veit: „Industrie 4.0“ bietet deutschen Unter­nehmen enorme Chancen und sichert den Standort Deutschland in einem globalen Wettbewerb.

Durch die Nutzung neuer Technologien wird sich die Organisation und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus von Produkten und Produktionssystemen verändern. Deutsche Unternehmen haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie durch entscheidende Innovationen die industrielle Entwicklung maßgeblich beeinflusst haben. Jetzt müssen wir mit unserem Erfindergeist weiter voran gehen und die neue Entwicklung gestalten, um unsere globale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und auszubauen. Besonders für kleine und mittelständische Unternehmen ermöglicht dieser Wandel neue Perspektiven.

„Der Mensch (…) wird auch in der vernetzten Produktionswelt unverzichtbar sein, da er der flexibelste und intelligenteste Teil der heutigen und auch der künftigen Fabrik ist.“

Wie werden sich Berufsbilder ver­ändern und welchen Einfluss hat die Digitalisierung auf Bildungsverläufe? Welche Qualifikationen und Kompetenzen werden von Mitarbeitern zukünftig erwartet?

Dr. Eberhard Veit: Industrie 4.0 ist ein interdisziplinäres und komplexes Projekt, das ganzheitlich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden muss. Neben der reinen Technologie müssen wir bei der Ausbildung und Qualifizierung weitere Aspekte einbeziehen, zum Beispiel die Frage, wie die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine gestaltet werden kann. In vielen Bereichen müssen Fachkräfte daher anders aus- und weitergebildet werden. Fabrikplaner zum Beispiel benötigen auch Kenntnisse in der Informations- und der Produktionstechnologie; Techniker brauchen viel praktische mechatronische Erfahrung, damit sie auf höchstem Niveau sehr schnell den Stillstand einer Anlage beheben können. Zudem kommt es darauf an, dass Ingenieure und Softwareentwickler eng zusammenarbeiten, denn hinter den intelligenten Maschinen steckt natürlich immer eine sehr gute Software. Daher muss der Softwareentwicklung im Maschinenbau mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

An dieser Stelle ist die stetige Weiterentwicklung und Weiterbildung der Mitarbeiter essenziell. Wenn Ingenieure mehr IT-Know-how benötigen, müssen die Unternehmen geeignete Weiterbildungsangebote zur Verfügung stellen.
 

Welche Wettbewerbsvorteile sehen Sie durch die vernetzte, intelligente Produktion?

Dr. Eberhard Veit: Intelligente Maschinen und das intelligente Umfeld werden helfen, die aufkommende Komplexität zu beherrschen. Auf diese Weise wird der Mitarbeiter die gleiche Aufgabe in kürzerer Zeit oder eine komplexere Aufgabe in der gleichen Zeit erledigen können. In Zukunft wird der Mitarbeiter durch eine fortschreitende Automatisierung also produktiver und effizienter.

Der Mensch bleibt der intelligenteste Teil der zukünftigen Fabrik

Welche neuen Geschäftsmodelle können entstehen? Werden traditionelle Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbau und der Elektrotechnik verschwinden?

Dr. Eberhard Veit: Es ist richtig, dass durch die digitale Ver­netzungen neue Geschäftsmodelle, wie beispielsweise neue Servicemodelle oder Condition Monitoring entstehen werden. Diese neuen Geschäftsmodelle stellen jedoch keine Gefahr für die klassischen Maschinen- und Anlagenbauer dar, sondern sind vielmehr Möglichkeiten sich gegenüber den globalen Wettbewerb zu differenzieren und ihre Geschäftsfelder weiter auszubauen.


Wie wird das „Internet der Dinge“ unsere Arbeitswelt, aber auch unser Leben beeinflussen?

Wir alle konnten durch die Einführung der Mobiltelefonie und die Erfindung des Smartphone selbst erleben, dass sich unser Leben durch die digitale Vernetzung in kürzester Zeit verändert hat. Diese Technologie bietet uns Möglichkeiten, die wir uns von einigen Jahren noch nicht haben vorstellen können. Diese Entwicklung wird rasant weiter gehen und neben unserem Arbeitsleben auch unseren Alltag weiter verändern. Für unsere Mitarbeiter bedeutet dies im Umkehrschluss, sich lebenslangen Weiterbildungskonzepten motiviert zu öffnen und sich neuer Technologien nicht zu verschließen.


Wird durch die Digitalisierung eine Arbeitsplatzvernichtung stattfinden oder entstehen ganz andere „Arbeitsplätze“ und „Arbeitsorte“?

Der Mensch ist und bleibt ein integraler und unverzichtbarer Bestandteil der Produktionswelt der Zukunft und wird auch in der vernetzten Produktionswelt unverzichtbar sein, da er der flexibelste und intelligenteste Teil der heutigen und auch der künftigen Fabrik ist. In Zukunft werden die Unternehmen erfolgreich sein, die über genügend ausgebildete Fachkräfte sowie exzellente Ressourcen für Forschung und Entwicklung verfügen. Entscheidend wird daher sein, dass die Unternehmen ihre Mitarbeiter weiterqualifizieren und im Rahmen der dualen Ausbildung gemeinsam mit der Politik jungen Menschen neue Perspektiven bieten.

Info zur Person Dr. Eberhard Veit

Dr. Eberhard Veit ist Vorstandsvorsitzender der Festo AG & CO. KG in Esslingen. Seit April 2015 ist er Mitglied im Leitungsgremium der Plattform „Industrie 4.0“ einer von Politik, Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft und Gewerkschaft getragenen Initiative zur Nutzung der Chancen der Digitalisierung.

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