Haben wir Zeit, zu reden?

12. Februar 2014

Je mehr wir uns damit beschäftigen, Botschaften wahrzunehmen, zu sortieren und zu verarbeiten, die uns über das Internet erreichen, desto weniger Zeit bleibt für persönliche Gespräche. Das ist schädlich und schreit nach Widerstand, meint Ulrich Pfaffenberger in seinem Kommentar.

Als die Shows von Harald Schmidt und Stefan Raab noch in ihren Kinderschuhen steckten, waren die Sprüche der Entertainer am nächsten Tag Gesprächsthema auf Schulhöfen, in Kantinen und bei der Raucherpause. Heute sind nicht nur die beiden Entertainer einige Schritte weiter, auch die Kommunikation über ihre Auftritte hat sich verändert. Wer zu ihren Botschaften etwas zu sagen hat, verbreitet das in Echtzeit über Twitter & Co. Der theoretisch mögliche Dialog dazu reduziert sich auf ein paar Klicks für Zustimmung oder Weiterleitung.

Mit der Kommunikation im Betrieb, vor allem aber im Büro, verhält es sich oft nicht anders. Statt Unterlagen persönlich bei den betreffenden Kolleginnen und Kollegen vorbeizubringen, verteilen wir sie per E-Mail mit der sanften Heuchelei über eine Rückmeldung, „auf die ich mich freue“. Wäre da echte Freude im Spiel, sie käme Hand in Hand mit der Sehnsucht nach ein paar unmittelbaren Worten.

Es überrascht kaum, dass britische Soziologen unlängst festgestellt haben, dass die Zahl der Minuten dramatisch abgenommen hat, die Menschen jeden Tag im Gespräch mit anderen Menschen verbringen. Der vermeintliche Dialog hat sich aufs Internet verlagert. Die Folge: Aus geteilter Erfahrung wird isolierte Erfahrung. Die „Zustimmungskultur“ im Internet, die kritische Differenzierung nicht zulässt, verstärkt dies obendrein. Eine Entwicklung mit schädlichen Folgen fürs Individuum, Unternehmen und Gesellschaft.

Am schwersten wiegen diese Folgen da, wo die Internet-Kommunikation Teil einer Gesprächsvermeidungsstrategie wird. Zum Beispiel dort, wo der Absender die erwartete negative Reaktion seines Adressaten zu umgehen versucht, indem er unangenehme Botschaften wie Überstunden, Preiserhöhungen, Lieferschwierigkeiten oder nicht erreichte Ziele über die sichere Distanz einer E-Mail mitteilt. Die Absicht ist in der Regel klar erkennbar, die eventuell sogar vorhandenen Argumente sind es nicht mehr.

Ganz zu schweigen (!) von der persönlichen Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit, die jeder Botschaft eine individuelle Note verleiht. Genau deshalb tragen Schmidt und Raab ihre Gags auch höchstselbst vor und twittern sie nicht einfach durch die Welt.

Was also tun? Auch ohne das Streben nach dem papierlosen Büro zu untergraben, lassen sich Dokumenten-Transport und persönliches Gespräch miteinander verbinden. Das eine lässt man übers Internet laufen, fürs andere bewegt man sich selbst gleich anschließend die Treppe hinauf und über den Gang. Auch der Einrichtung von Gesprächsrunden oder Stammtischen steht nichts entgegen, man sollte sie nur nicht „Meeting“ nennen und frei von digitalen Bauteilen halten.

Der Entfremdung von der Kommunikation muss Einhalt geboten werden. Der innovative Gegenentwurf heißt: „Reden wir drüber.“

investor relations