Hausaufgaben in Sachen Willkommenskultur

16. Januar 2015

Bei der internationalen Rekrutierung hat Deutschland noch Hausaufgaben zu machen. Das bilanzieren Arbeitsmarkt-Experten beim diesjährigen Randstad „Qualifizierungsforum“.

Fehlt den Unternehmen noch der Leidensdruck?

Das Qualifizierungsforum, zu dem Randstad jeweils im Herbst einlädt, gehört für Personalverantwortliche in Unternehmen und Arbeitsmarktexperten inzwischen zu den fixen Terminen im Kalender. Anfang November in München und in Essen waren die Vorträge sowie die Podiumsdiskussion auch wieder bestens besucht, die sich mit dem Thema „Willkommenskultur und internationale Rekrutierung“ befassten. In München über 250 Gäste, in Essen mehr als 150 Besucher aus den verschiedensten Unternehmen, Institutionen und Branchen hatten sich zu der Veranstaltung eingefunden.

Das Qualifizierungsforum steht im Rahmen eines umfassenden Angebots: Randstad bringt regelmäßig regionale Kooperationspartner und Unternehmen im Rahmen von Veranstaltungen an einen Tisch, um Informationen und Hintergrundwissen verfügbar zu machen sowie den Gedanken-Austausch zu fördern. Dabei stehen stets aktuelle Fragestellungen, Besonderheiten und Entwicklungen am Arbeitsmarkt im Mittelpunkt.

„Migranten schaffen Wohlstand in Deutschland“

Dr. Alexander Spermann, Director of Labor Policy Germany, IZA – Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit Bonn, beleuchtete unter dem Titel „Vom Gastarbeiterland zum Magneten für Migranten: Wie viel Willkommenskultur braucht Deutschland?” die Geschichte der Einwanderung in Deutschland in den vergangenen 50 Jahren. Der Arbeitsmarktexperte zeigte sich optimistisch: „Ein Umdenken findet statt. Migranten werden immer weniger als Bedrohung für Beschäftigte gesehen, sondern als Menschen, die mit ihrer Arbeit Wohlstand in Deutschland schaffen.“ Gerade in Anbetracht des demografischen Wandels und der Fachkräfteengpässe sei es auch höchste Zeit für diesen Wandel. Denn internationale Rekrutierung sei ein Lösungsansatz dieser Entwicklung entgegen zu wirken.

„Neuerungen noch vielen Unternehmen unbekannt“

Dr. Regina Flake, Ökonomin im Kompetenzfeld Berufliche Bildung beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln, stellte dieser positiven Sicht der Dinge die weniger glänzende Realität gegenüber. In der Praxis kommt dieses Umdenken bei Arbeitgebern erst langsam an. In ihrem Impulsvortrag unter der Überschrift „Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen als Chance zur Fachkräftesicherung in Unternehmen“ berichtete sie: „Neuerungen und Erleichterungen der letzten Jahre sind noch vielen Arbeitgebern unbekannt. Dabei ist beispielsweise die Anerkennung von ausländischen Berufsqualifikationen für Unternehmen mit vielen Vorteilen verbunden.“

Flake betreut u.a. das BQ-Portal. Dort finden zuständige Stellen und Unternehmen Informationen und Praxisbeispiele, um ausländische Aus- und Fortbildungsabschlüsse besser bewerten und einschätzen zu können. Die Suche nach Best Practice Beispielen in Unternehmen, die bereits Erfahrungen mit dem Anerkennungsverfahren von ausländischen Berufsabschlüssen gemacht haben, „glich zunächst der Suche nach der Nadel im Heuhaufen“, so Flake. „Bei vielen Unternehmen musste erst ein gewisser Leidensdruck bestehen, damit sie sich überhaupt mit dem Thema beschäftigten. Aber die Erfahrungen, die sie mit internationalen Fachkräften gemacht haben, sind überwiegend sehr positiv.“

„Nicht nur jammern, sondern handeln“

Bei der Podiumsdiskussion in München waren sich die Teilnehmer in einem Punkt alle mehr oder weniger einig: Es geht in die richtige Richtung, aber Deutschland hat in Bezug auf Willkommenskultur noch einige Hausaufgaben zu machen. Dr. Jens Regg, der zuletzt im Bundeskanzleramt im Arbeitsstab der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung tätig war, forderte: „Man sollte nicht nur jammern, sondern sehen, was man in den letzten Jahren schon erreicht hat und den Prozess weiter vorantreiben.“

„Sprache als Moment der Integration“

Daniela Weidlich vom Referat für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt München wunderte sich, warum anscheinend dieselben Unternehmen, die unter den ersten Fachkräfteengpässen leiden, noch zurückhaltend sind im Nutzen von örtlich vorhandenem, vielfach gut qualifiziertem Potential. Auf kommunaler Ebene werde eine starke Willkommenskultur in München bereits gelebt. Dr. Alexander Spermann warf ein, man brauche eine „gezielte, proaktive Einwanderungspolitik, die sich nicht nur als Reaktion von Ereignissen verstehe“.

Sabine Wanek, Personalreferentin Goethe-Institut, stellte die Sprache dabei als „besonderes Moment der Integration“ in den Fokus. Sprache, Kultur und Informationen über Deutschland seien Grundlagen einer gelungenen Willkommenskultur. Frank Eggert, Manager der Spezialisierung Medical, Randstad Deutschland, gab Einblicke in die Praxis der internationalen Rekrutierung: „Die große Herausforderung für die Unternehmen ist neben Sprache und interkulturellem Dialog auch dem Bewerber Sicherheiten zu geben. Wo werde ich leben? Wo werde ich genau arbeiten? Was kommt auf mich zu?“.

Weitere Aufgaben zu erledigen

Die Podiumsdiskussion in Essen wenige Tage später zeigte bei Aussagen mit anderen Perspektiven und Blickwinkeln gleichwohl eine ähnliche Einschätzung der Lage. Thomas Bartelt, Referat Weiterbildung/Arbeitsmarkt im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Heike Reintanz-Vanselow, Volkshochschule Essen, Fachbereichsleiterin Deutsch als Fremdsprache, Dr. Volker Daum, Senior Vice President General Counsel, Compliance Policy Officer, B. Braun Group Melsungen sowie wiederum Dr. Jens Regg und Frank Eggert formulierten das breite Spektrum der Aufgaben für eine weiter reichende Willkommenskultur als heute – und machten die Optionen sichtbar, die sich für Unternehmen daraus ergeben.

Eva Krotwaart, Projektmanagerin Arbeitsmarktprojekte bei Randstad und Initiatorin der Veranstaltung, resümiert: „Der Herausforderung Willkommenskultur gilt es, sich auf allen Seiten zu stellen – sei es seitens der Politik, der Unternehmen, der Bildung oder Institutionen am Arbeitsmarkt. Veranstaltungen wie unser Qualifizierungsforum geben für diesen Prozess wichtige Impulse. Wir sind froh, eine solche Austauschplattform bieten zu können.“

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